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Sommer, Sandstrand und gute Musik – mit dieser perfekten Mischung lockte das ausverkaufte Helene Beach Festival vergangenes Wochenende an die 10’000 junge Menschen an den schönen Baggersee bei Frankfurt Oder. Eine vielversprechende Ansage, die trotz perfektem Wetter vor Organisationspannen und vielen betrunkenen Teenies nicht schützte.

Strahlend blauer Himmel, über 30 Grad am Schatten, die Füsse im kühlen Wasser, ein leckeres Bier in der Hand und der grosse, lange Sandstrand vor der Nase: wüssten die Gäste nicht, dass sie sich nur unweit der Grossstadt Berlin aufhielten, hätte sie denken können, sie seien irgendwo am Mittelmeer gelandet. So schön präsentierte sich vergangenen Freitagabend der Baggersee Helene, als die ersten Festivalbesucher ins kühle Nass abtauchten. Eine Location, die besser nicht sein könnte für ein kleines Musikfestival mit diversen Bühnen, auf denen sich DJs, so wie Vertreter handgemachter Musik präsentieren konnten. Schade nur, dass bereits beim Einlass diverse organisatorische Probleme die Vorfreude auf die drei Tage an der Helene leicht abschwächten. Als um 17 Uhr das Programm auf der Hauptbühne mit der Berliner Band Leyan starten sollte, waren weder die Musiker, noch Musikinteressierte zu sehen. Vor einer handvoll Leute schafften es die Jungs schliesslich eine Stunde später auf die Bühne. Grund: der Soundcheck von Kraftclub soll sich verzögert haben. Ein weiteres No-Go für ein professionell organisiertes Festival. Keine Information seitens der Organisation, nur Schulterzucken oder fragende Blicke zu finden. Professionalität nur auf der Bühne: Leyan spielten eine solide Show trotz uninteressiertem und fast nicht-vorhandenem Publikum. Wenig später eine weitere Newcomerband aus Berlin: Kensington Road. Auch sie hatten zu kämpfen mit dem minimalen Besucherandrang, aber genauso wie ihre Vorgänger, liessen sich Frontmann Stefan und sein Mitmusiker nichts davon anmerken. Zu den melodischen Pop-Rock-Songs wippten wenigstens vereinzelte Zuschauer.

Dann ein kleiner Sprung zu einer schon etwas etablierteren Künstlerin Deutschlands: Cäthe. Auch die kleine, zierliche Wahl-Hamburgerin trat mit fast einer Stunde Verspätung, dafür aber mit viel Energie im Gepäck auf. Die sowohl stimmlich als auch menschlich starke Präsenz der Sängerin hatte immerhin zur Folge, dass sich mehr und mehr junge Menschen zwischen 16 und 25 Jahren vor der Bühne ansammelten. Davon waren nur sehr wenige wirklich interessiert an der enorm ausdrucksstarken Künstlerin, wobei erst später klar wurde, dass diese vom rein musikalischen Anspruch so gar nicht zu dem Festivalklientel passte. Dieses nämlich wollte nur eins sehen: Kraftclub und K.I.Z. Doch bevor es zu diesen beiden Headliner des Abends kam, enterten die in den neunziger Jahren durch ihren Crossover-Style so beliebten H-Blockx die Bühne. Etwas erschrocken dürfte der ein oder andere gewesen sein beim Anblick des Frontmannes: sichtlich älter und in nicht mehr ganz so idealer Verfassung präsentierte sich Henning Wehland der Menschenmasse. Dennoch schaffte er es mit einer Mischung aus neuen und alten Songs, das Publikum bei guter Feierlaune zu halten und auf die kommenden Highlights des Abends vorzubereiten.

Als schliesslich gegen 23:15 Uhr die jungen Newcomerstars von Kraftclub endlich die Bühne betraten, ähnelte das Helene Beach Festival einem hysterischen Teeniekonzert. Völlig in Trance und Hysterie versuchte sich jeder einen Platz möglichst weit vorne zu ergattern, was dazu führte, dass nach weniger als fünf Minuten die komplette Reihe an Absperrungen vor der Bühne einzubrechen drohte. Eine Situation die ausser Rand und Band geriet, dessen Gefahr von der hysterischen Masse aber kaum wahrgenommen wurde. Auch die Band ging nicht weiter darauf ein, als eine Horde Securities mit vereinten Kräften die Absperrungsschranken zurückzudrücken versuchten. Ein Zustand, der sich das ganze Konzert über halten musste, einer, der zur Folge hatte, dass mehrere Menschen mit leichten Verletzungen im Krankentransporter abtransportiert werden musste. Ein kleines Horrorszenario für ein Festival, dennoch wurde nicht weiter darauf eingegangen. Nichtsdestotrotz lieferten die fünf jungen Chemnitzer eine sehr solide, perfekt inszenierte Show ab, die exakt dem entsprach, was die Besucher des Helene Beach Festivals zu erwarten schien: junge, frische Musik mit provokativen Texten, die am besten mit viel Alkohol gefeiert werden konnten. Nach etwa einer Stunde beendete die Band mit Bengalenfeuer auf der Bühne ihren Auftritt und liess ein höchst euphorisches Publikum zurück.

Mit viel Gebrüll und Anspannung wurden schliesslich K.I.Z erwartet. Die wohl provokativste Truppe an diesem Abend präsentierte sich dann schliesslich auch genauso wie erwartet: mit Strumpfmasken im Gesicht und Rauchgebläse in Form von Maschinengewehren bewaffnet, betraten die drei Deutschrapper und ihr DJ die Bühne. Wortwörtlich “Viel Rauch um nichts”, dürfte der nur vereinzelt vorzufindende Liebhaber niveauvoller Musik sagen, “richtig geil”, war die Meinung des Helene Beach Publikums. Mit dem passenden Tourtitel Urlaub fürs Gehirn trafen die vier K.I.Z-Rapper den Nagel auf den Kopf: mit viel Gefluche, viel Fäkalsprache und jeder Menge Machtdemonstration zeigte sich die Combo dem feiernden Teenievolk, dessen Hysterie zwar nach Kraftclub leicht nachgelassen hatte, aber dennoch über genug Energie verfügte, ihrer Begeisterung freien Lauf zu lassen. Mit Lexy & K-Paul endete schliesslich die erste Festivalnacht in den frühen Morgenstunden. Von Regen gefolgt wartete nun der Samstag auf die partywütigen Festivalbesucher.

Im Gegensatz zum Vortag zeigte sich das Wetter am Samstag von der erstaunlich kühlen, aber dennoch sehr angenehmen Seite. Manch ein Mutiger wagte sich so auch an diesem Tag in die Helene, andere verbrachten ihren Nachmittag beim Tanzen vor der direkt am Strand gelegenen Laguna-Bühne. Die Atmosphäre locker und entspannt. Gegen 19 Uhr stand dann Das Bo auf dem Programm. Die auch an diesem Tag nur minimale Besucheranzahl der an der Hauptbühne um diese Zeit endete mit einer klaren Ansage seitens Das Bo: “Sehr geehrte Festivalbesucher, kommen Sie bitte umgehend zur Hauptbühne, hier liegt eine wichtige Mitteilung für Sie vor. Ach und eventuell gibt’s auch Freibier.” – Wenige Minuten später war eine beachtliche Anzahl an jungen Menschen vorzufinden. Dennoch wurde jeder enttäuscht, der sich auf eine coole Hip Hop-Show gefreut hatte: anstelle von einem rappenden Das Bo, spielte er zusammen mit seinem DJ diverse Hits an, kommentierte, animierte und sang gelegentlich mit. Einzig der letzte Track des DJ-Repertoires lief auf seinen Namen. Schwache Leistung, aber schnell verdientes Geld – das Publikum schien das nicht zu stören. Durchaus motiviert und mit handgemachter Musik ging es anschliessend mit der aus Sachsen stammenden Newcomerband Jenix weiter. Trotz kraftvollen Songs und gut gemeinter Animation verloren die jungen Musiker dennoch einen Grossteil der Zuhörer, liessen sich das aber nicht anmerken. Vereinzelte Besucher dankten es ihnen trotzdem, und liessen ihr Tanzbein schwingen.

Wesentlich mehr Tanzwütige waren eine Stunde später bei Bosse vorzufinden: der Braunschweiger hatte bereits vor längerer Zeit mit seinem Song Frankfurt Oder (Platz 3 beim Bundesvision Songcontest 2011) unumgänglich einen Bezug zum Helene Beach Publikum geschaffen, und wurde somit auch mit viel Begeisterung erwartet. Symphatisch und mit Gitarre bewaffnet, eroberte der Sänger um 22 Uhr die Bühne und gab über 1.5 Stunden sein Repertoire zum Besten. Und obwohl das Publikum an diesem Abend deutlich entspannter und die Partyenergie sichtlich kleiner war, wurde geklatscht, getanzt und mitgesungen. Ein glücklicher Bosse verliess schliesslich gegen halb zwölf die Bühne, und machte diese frei für einen weiteren Höhepunkt des Festivals: Frida Gold. Zusammen mit ihren vier Musikern, betrat Sängerin Alina unter schon fast theatralischer Inszenierung die Bühne. Die hübsche Sängerin zog dabei sofort alle Blicke auf sich: im kurzen Höschen bekleidet, mit einem schmalen, bauchfreien Oberteil, umhüllt von einer luftigen, langen Leopardenweste, Sonnenbrille und Mütze präsentierte sie sich stilsicher und sexy, beeindruckte gleichzeitig aber auch mit ihre ausdrucksstarken Stimme. Die Band, die durch ihren Song Zeig Mir Wie Du Tanzt die Charts erobert hatten, schafften es über die letzten Jahre vor allem auch dank Alinas TV-Präsenz bei Stefan Raabs Show Ein Star für Baku im Gespräch zu bleiben. Mit dem für Frida Gold typischem Elektro-Pop war es für sie ein Leichtes, das Publikum von Anfang an in ihren Bann zu ziehen, so dass kein Bein still zu stehen blieb.

Mit Fritz Kalkbrenner sollte dann schliesslich der letzte Act gegen 1 Uhr nachts auf der Bühne stehen. Der bisher einwandfreie Ablauf an diesem Festivaltag hatte nach der anstrengenden Freitagnacht vor allem bei den Helene Beach-Mitarbeitern für grosse Zufriedenheit gesorgt. Doch pünktlich zum letzten Act, und zum grossen Frust des Berliner Live-DJ, streikte die Technik. Erst zu leise, dann kein Monitoring für den Künstler, schliesslich gar keinen Ton mehr – das Publikum war genervt. Doch weitaus genervter – Fritz Kalkbrenner. Dieser legte sich daraufhin demonstrativ hinter seinen DJ-Pult auf die Bühne und wartete, bis die Techniker nach langem Hin und Her im Stande waren, den Ton sowohl für Künstler als auch Publikum perfekt wiederzugeben. Die Freude war gross, als der etablierte Live-DJ endlich seine Show unter grossem Jubel starten konnte. Mit viel Elektroklängen ging so der zweite und somit letzte Tag an der Hauptbühne zu Ende.

Die anfänglichen organisatorischen Schwierigkeiten gerieten an diesem Abend durch den beinah flüssigen Ablauf schon fast in Vergessenheit. Das Helene Beach Festival präsentierte sich in den zwei Tagen als sehr bemühten, jungen Event, der zwar so manche verbesserungswürdige Baustellen aufwies, im Grossen und Ganzen aber den Ansprüchen feierwütiger Teenies vollkommen entsprach. Wer allerdings Wert auf entspannte, harmonische Konzertatmosphäre legte, der war auf diesem Festival trotz starker Künstler am falschen Ort.

Das Helene Beach Festival 2012: Sonne, Sommer, Strand, Musik und jede Menge feiernde Jugendliche. Ein Konzept, das auch im zweiten Jahr aufging, aber auch eines, das nicht jedem taugte!