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Knapp eine Stunde Zugfahrt von Wien entfernt findet jedes Jahr das Novarock Festival statt. In dieser vereinsamten Pampa, in der es mehr Windräder als Menschen gibt, in der Nähe von Nickelsdorf auf den Pannonia Fields, kehrt sich dieses Zahlenverhältnis dann um. Negative White war da und erlebte ein Festival der Gegensätze.

2015-06-12 - Nova Rock - Artikelbild

Herzlich willkommen am Nova Rock (Foto: Friederike Brune)

Während sich die Schweizer Rock- und Metalszene mit Einwegpavillon und Klappstuhl nach Interlaken ans Greenfield Festival aufmacht, packt selbige in Österreich Koffer, Kühlschrank und Sofa ins umgebaute Wohnmobil und fährt nach Nickelsdorf. Das Nova Rock startet am Freitag, der Anreisetag Donnerstag ist ruhig, friedlich und wohlorganisiert. Anstehen gibt es nicht, der Shuttle fährt einen bis vor den Eingang, und beim Zeltplatz herrscht freie Platzwahl. Ferienstimmung kommt auf bei den 35°C, malerisch ragen Windräder in den wolkenlosen Himmel. Dazwischen lassen die Umrisse zweier Bühnen und ein Riesenrad das Herz vor Vorfreude schneller schlagen. Der weite Weg hat sich nur deshalb schon gelohnt. Hallo Festivalsaison.

Tag 1

Hallo Sonne, morgens um sieben, die du auf das Zeltdach knallst und einen zum Dasein als früher Festivalvogel zwingst! Innerhalb eines festivallosen Jahres blendet man in seliger Vorfreude den Gedanken an das morgendliche Schwitzen und sich aus dem Schlafsack Schälen als Nebenbegebenheit an Openairs regelmässig aus. Eine frühe Dusche kühlt in der Regel ab – nicht so am Nova Rock. Eine Duschanlage für ein Festival mit erwarteten 125 000 Besuchern, mit Öffnungszeiten von 8 bis 20 Uhr, funktioniert leider nicht. So zeigt sich jedoch früh eine Lieblingsbeschäftigung der Österreicher: anstehen. Mit einem kleinen Petfläschchen wird eine Stunde am Wasserstand angestanden,  innerhalb von zehn Minuten ist es leer getrunken, dasselbe geschieht an besagter Dusche – eine Stunde vor der Öffnungszeit. Natürlich wurde auch vor der langersehnten Pfortenöffnung zum magischen Festival schon frühzeitig ausgebig angestanden – kurz nach zwölf ist es dann soweit, und der Festivalspass kann richtig beginnen. Mittlerweile ist die Temperatur wieder unermüdlich angestiegen, doch die gleissende Hitze konnte den kalkweiss geschminkten Gesichtern der schwedischen Deathstars nichts anhaben. Sie legten ein schillernd-solides Deathglam-Set hin, und schon war man drin im Festivaltaumel.

Auf der zweiten grossen Bühne, der Red Stage, warteten als Nächstes die ebenfalls schwedischen Backyard Babies mit einem punkig-chaotischen Set auf – doch leider wurde da bereits klar, dass die Soundqualität auf dieser Bühne zu wünschen übrig lassen würde. Sänger Nicke war stimmlich schon besser, was die Qualität nicht gerade verbesserte. Schade, wenigstens ihr Retrobühnenbild aus alten Verstärkern und allerhand Baustellenlampen hinterliess visuell einen liebevoll gestalteten Eindruck, und als der Geburtstag von Gitarrist Dregen mit einem Geburtstagslied aus dem Publikum besungen wurde, fühlte man sich in dieser kleinen Gemeinschaft gut aufgehoben und wurde etwas über den schlechten Sound hinweggetröstet.

All Time Low machten ihrem Bandnamen leider alle Ehre und förderten die Schläfrigkeit im Schatten der heissen Nachmittagssonne etwas zu sehr. Wer sich als Abhilfe vor die Blue Stage begab wurde schlagartig geweckt: Parkway Drive, die australischen Sunny Boys, wissen auch bei grösster Hitze, wie man den Metal- und Hardcorefans ein Brett von Sound vor den Latz knallt. Wuchtig und energiegeladen überzeugten sie mit einer grossartigen Setlist, die vor allem an ihrem letzten und bereits zweijährigen Album aufgehängt war. Schon kreiste der Circle Pit, und der Charmebolzen von Sänger Winston heizte die Stimmung ordentlich an. Wenn sich dieses Konzert nicht schon zum Gig des Tages anbot! Aber vor einem voreiligen Fazit steht noch einiges auf dem Programm.

Die deutschen Guano Apes rund um Frontsau Sandra sorgten endlich für angemessenen Frauenpower. Sandras Stimmvarietät allein sorgte für ein bisschen Gänsehaut, wie sie von lieblich seufzend zu tiefem Knurren mutierte, nie verlassen von der Energie, die diese zierliche, blonde Sängerin anzutreiben scheint. Etwas zu gesucht schien allerdings mittendrin ein Medley von Die Antwoord-Coverschnipseln. Die Antwoord zu covern sollte gesetzlich verboten sein. Und warum Sandra immer wieder Englisch mit dem überwiegend österreichischen Publikum sprach, blieb ebenfalls schleierhaft.

An den T-Shirts der Fans erkannte man übrigens täglich, wer die am meisten ersehnte Band war. An diesem ersten Tag war schon bald klar: Bei Rise Against wird’s eng. Die Wahrheit ist: Eng ist gar keine Beschreibung. Aus welchen Ecken und Ritzen diese Menschenmassen bei Einbruch der Dämmerung auf einmal den Weg zur Red Stage fanden, um dicht gedrängt ihren amerikanischen Idolen zu lauschen, ist eine Frage, die unbeantwortet bleibt – es spielt auch keine Rolle, denn sicher ist nun im Rückblick: Bei keinem Headliner ging es so zur Sache wie bei Rise Against. Wer sich aus dem Pit retten konnte, lief Gefahr, anderweitig erdrückt zu werden. Das Publikum feierte, als gäbe es kein Morgen. Und dann machte ein modisches Accessoire die Runde: Das Bandana, dreieckig vor Mund und Nase gebunden. Nein, da stand keine politisch motivierte Vermummung dahinter, sondern die Angst, am aufgewirbelten Staub zu ersticken. Dieser zog in braunen Schleiern über das Publikum hinweg und hinterliess auf der schweissnassen Haut, in den Augen und in der Nase einen ekligen Film.

Der Tumult bei Rise Against wirkte sich auf das Konzert des Kult-Acts auf der anderen Bühne aus. Vor dieser war es nämlich nahezu leer gefegt. Mötley Crüe war die zweitletzte Band an diesem Abend auf der Blue Stage, und davor fanden sich vor allem vereinzelte, in die Jahre gekommene Urfans, ein paar bekannte Gesichter anderer Bands und einige Betrunkene, die Rise Against irgendwie verpennt hatten. Auf der Bühne selbst standen Mick Mars alias der Tod, ein aufgedunsener Vince Neil, Nikki Sixx mit in der Lederhose hängendem Opahintern und – Gott sei Dank – der sich in Hochform befindende und dementsprechend abgehende Schlagzeuger Tommy Lee, der das Ganze auch musikalisch rettete. Der Mythos Mötley Crüe verkörperte Glamrock in Reinkultur, und findet sich nun als Abklatsch seiner selbst wieder. Da kommt die geplante Abschiedstournee gerade noch rechtzeitig, bevor es peinlich wird.

Die Berliner Beatsteaks sorgten derweil drüben auf der Wiese barfuss für Hippie-Tanz-Mucke, und spätestens jetzt fragte man sich: Wer schustert eigentlich diesen Timetable zusammen und lässt die Beatsteaks nach Rise Against und dazwischen noch Mötley Crüe spielen? Kurze Rede, noch weniger Sinn: Die Beatsteaks interpretierten ihre Songs in verbogenen Liveversionen mit überlangen, ruhigen Impro-Passagen und viel zu kurzen Breakdowns, die zwischendurch aus den langatmigen Ansagen von Sänger Arnim wachrüttelten. Sorry, ab wer’s mag…

Wer bis dato noch nicht realisiert hatte, dass der angekündigte Special Late Night Artist kein schlechter (oder überaus ausgeklügelter) Gag war, der wurde allerspätestens jetzt pudelmunter. Aufgeregte, fast nervöse Spannung lag in der Luft, alle Antennen waren auf das Kommende gerichtet, das kaum ein Rockfan oder Metalhead je zu Ohren und Augen bekommen hatte. How much is the fish? Jawohl, Scooter waren in the house – besser, auf der Bühne – und die drei Altherren des Hardcore, der gar kein Hardcore ist, drehten ordentlich den Turbo auf (um im Jargon zu bleiben – wer die Serie «New Kids» kennt, versteht den Hieb)! Und auf einen Schlag fühlten sich alle sehr hardcore und begannen abwechselnd schallend zu lachen und wild zu tanzen – meist beides gleichzeitig, und Worte reichen kaum aus, um dieses Spektakel zu beschreiben. Laser, Tänzer und Tänzerinnen, H.P. Baxxter und seine Lyrics – die 90er waren auf einmal greifbar, und die harte Metalfraktion wuchs für einmal unter Synthiebeats und Mickey Mouse-Stimme zu einer grossen Feiergemeinschaft zusammen. Hyper, Hyper!

Tag 2

Guten Morgen, Sonnenschein! Die Schlange vor den Duschen war an diesem zweiten Tag aufs Doppelte gestiegen, dafür sang jeder immer noch Scooter, und langsam fühlte man sich auf dem dreckigen Campingplatz zwischen zerdrückten Würstchendosen und Bierbongs pudelwohl. Um der singenden Duschschlange zu entkommen, lohnte sich übrigens ein kulinarischer Rundgang auf der Suche nach Frühstück abseits des Frühstückswagens selbst, vor dem die Schlange der Duschkolonne gewaltige Konkurrenz machte. Zum Glück fand sich da noch das Wiener Café. Ein Stand, der tatsächlich mit einer echten Kaffeemaschine ausgerüstet war und mit österreichischen Leckereien wie Kaiserschmarrn und Sachertorte sowie exquisiten Frühstücksspezialitäten aufwartete. Unglaublich!

Die geringe Anzahl Wasserspender auf Camping- und Festivalareal war anscheinend auch den Veranstaltern aufgefallen. In regelmässigen Abständen brachte einen ein Extrabus zum Strandbad und zurück. Mit etwas mehr als einer halben Stunde Fahrt wurde einem erst richtig bewusst, in welcher Einöde man sich am Festival befand.

Gekühlt und gewässert ging es nachmittags zurück aufs Gelände, wo die Punks von Betontod die kleine Red Bull Stage auseinander nahmen. Diese Bühne bot sich als Plattform besonders auch für lokale Künstler an.

Auf der Blue Stage jammerte währenddessen Rea Garvey, der Sänger von Reamonn, solo vor sich hin und hielt Ansprachen über die Jugend und die Chance, das Leben auszukosten. Genau so verzichtbar wie diese Reden waren auch seine Songs. Gott sei Dank sollte sich bald das Konzert des Tages Samstag ankündigen! Kraftklub – das ist kein Fitnesscenter, sondern eine Pop-Punk-Band aus Chemnitz. In ihren Songs treffen sie den Nerv der Zeit wie momentan kaum eine andere Band, und live sind sie dazu noch unglaublich sympathisch. Wer Zeilen wie «Unsre Fans haben sich verändert, unsere Fans sind jetzt Mainstream» schreibt, sie in solch schmissiges Gewand kleidet und live noch ein bisschen Konfetti aus der Kanone darüber verteilt, hat einfach gewonnen. Um nicht zu sagen: Es ging ab wie’s Bisiwätter!

Doch das Bisiwätter, das lauerte in Form einer Sturmwarnung tatsächlich hinter der nächsten Ecke, äh, Band. Papa Roach legten gerade richtig mit alten Klassikern los, nach einigen aktuellen Hits, da wurde auf der grossen Leinwand eine Unwetterwarnung eingeblendet. Und kurz darauf begann es tatsächlich zu regnen – die ersehnte Abkühlung fiel als kleiner Platzregen vom Himmel und verscheuchte die Staubwolken vor den Bühnen.

Also Regenjacke montiert und ab zu In Flames vor die Red Stage! Auch am zweiten Tag war der Sound dort meist bescheiden, doch bei den Schweden hielt sich der Schlamassel in Grenzen. Na gut, man könnte es auch rosarote Brille nennen. Sänger Anders kann man schonmal auf dem falschen Fuss und schimpfend auf der Bühne erleben, nicht so am Novarock: Als in der ersten Reihe ein Fan sein Handy in der Höhe hielt und dabei ein Anruf erschien, ergriff Anders kurzerhand das Telefon und nahm den Anruf mit «Hi Mom! I’m in Austria, playing Metal!» entgegen! Was für ein Fest, was für eine Band und was für ein Konzert!

Die Mehrheit der Festivalbesucher war aber wieder einmal vor der zweiten Bühne versammelt, da dort die Toten Hosen gerade ordentlich rockten. Campino war in seinem früheren Leben ein Duracell-Häschen, so viel Energie kann ein Mann in seinem Alter kaum haben. Sympathisch wie immer konnte er die Band durch die sehr durchmischte (und vorhersehbare) Setlist manövrieren, ohne zu tiefe Gräben zwischen tiefgründigeren Songs und Gassenhauern zu hinterlassen. Gerade letztere gehören zu den Hosen wie fahnenschwingende und mit Inbrunst singende Fans und Fussball, müssen aber trotzdem nicht jedes Mal sein. Die langgezogene und eingeplante Zugabe-Session wurde mit Papierstreifenkanone und Bommerlunder beendet, wobei der Schnaps eher lauwarm daher kam. Natürlich nicht bei der Mehrheit.

Tag 3

Die fleissigen Mannen von Eluveitie erhöhten die Schweizer-Quote am Novarock eindeutig. Sie spielten früh am Sonntag und durften auf eine eingeschworene Fangemeinde zählen. Um unbekannteren Bands eine Chance zu geben, wurde die Mittagshitze ausgehalten und Moop Mama sowie Fiva angeschaut – doch mehr mit Entsetzen als positiv von Neuentdeckungen überrascht. Blasinstrumente und Urban Brass am Sonntagmorgen? Nein, merci.

Dann doch lieber gleich zu Jennifer Rostock, die mit jedem Konzert weniger Klamotten zu tragen und mehr Brust zu zeigen scheint – damit aber bei allen gut ankommt. So auch am Novarock. Erstmal ’n Schnaps, Frauenpower und Twerken à la Jennifer – dazu ihre unglaubliche Stimme und der obligate Gesangscontest zwischen zwei Fans. Das ist die perfekte Party, wie sie zu jeder Tages- und Nachtzeit steigen kann. Leider wurden diese Freuden von den altbekannten Soundproblemen auf der Red Stage getrübt. Während die Drums hörbar waren, gingen Gitarre und die besagte tolle Stimme recht unter. Da schien auch aufdrehen nicht zu helfen – auf einmal ertönte nur noch ein kurzes, lautes Dröhnen, und dann war zwar Jennifer gut zu hören, dafür sonst Schicht im Schacht. Einen Song lang schien die Band das nichtmal zu bemerken, bis die technische Panne aufgehoben war.

Wem Jennifers beachtliche Fähigkeit zu growlen zu wenig war, fühlte sich bei den Metalcore-Jungens von All That Remains bestimmt gute aufgehoben. Auf die Spitze des Crossovers trieben es anschliessend Hollywood Undead. Hip Hop, Metal, Rap – alles verwurschtelten sie zu einem grossen Ganzen und standen live mit insgesamt vier Sängern auf der Bühne. Sogar der Schlagzeuger griff zwischendurch zum Mic! Und bei einem Song schien auch das nicht genug – kurzerhand wurde ein Fan aus der ersten Reihezum Mitrappen auf die Bühne beordert. Dieser stahl der Band fast die Show – und wurde von der Band nicht gerade zuvorkommend behandelt. Not cool!

Eine Abkühlung unter dem Wassersprinkler, gefühlten drei Litern Wasser im Bauch und einer Erneuerung der Sonnencème-Schicht später schien die grösste Hitze des Tages überstanden zu sein. Und genau dieses Ritual gleich wieder überflüssig. Auf einen Schlag verdüsterte sich der Himmel. Vor der Blue Stage hatten sich bereits die Five Finger Death Punch-Fans versammelt, da flackerte eine Warnung über die Leinwände und der Veranstalter betrat die Bühne mit den Worten, den Circle sofort zu evakuieren. Es hörte sich ernst an. War es auch. Kaum hatte er seine Warnung zu Ende gesprochen, setzte Regen ein, es begann zu stürmen, und innerhalb von Minuten hagelte und schüttete es aus Kübeln. Tausende Menschen rannten richtung Ausgang, Zeltplatz, irgendwo hin, wo man Schutz vor den murmelgrossen Hagelkörnern fand. Völlig unmöglich bei so vielen Menschen.

Das Ausmass dieses Unwetters war fatal. Imbiss- und Verkaufsstände waren zusammengebrochen, der Eingangsbereich zerstört, und auf dem Zeltplatz bot sich ebenfalls ein eher düsteres Bild von verbogenen Pavillons und eingedrückten Zelten. Der staubtrockene Boden konnte die Wassermassen nicht so schnell aufsaugen, und Zelte schwammen in kleinen Teichen. Nun denn, rasch wurde der Plan geändert, für eine verfrühte Abreise nach Wien gepackt und wieder vorgeprescht zur Bühne – nichts deutete daraufhin, dass Konzerte wegen des schweren Unwetters abgesagt werden müssten. Und so war es auch. Five Finger Death Punch kamen zwar mit Verspätung, doch sie kamen. Mit einem Blitzgewitter, dem keine Warnung hätte gerecht werden können. Etwas verkürzt spielten sie die meisten ihrer relevanten Songs, und Sänger Ivan gab alles um seine Dankbarkeit den Fans gegenüber auszudrücken. So verteilte er Handschläge und unterschrieb Flaggen, und war sichtlich mit Feuer und Flamme Frontmann. Wer Five Finger Death Punch auf Platte mag, wird sie live lieben. Versprochen.

Den eigentlich krönenden Festivalabschluss mit Deichkind und Slipknot vermasselte ein crowdsurfender Fan, der für einen verknacksten Nackenwirbel und eine noch verfrühtere Abreise verantwortlich war. Schade, doch diese weite Reise ans Nova Rock hat sich in jeglicher Hinsicht gelohnt. Was für ein Line-Up, was für Konzerte, und was für ein Auftakt in die Saison!