Ein Passwort wird per E-Mail an Sie geschickt

Zuckende Lichter und Körper – Crimer tauft im Plaza «Leave Me Baby»

Crimer ist der Vorzeige-Mann des 80ies-Sounds. Im Zürcher Plaza Club taufte der Rheintaler sein Debütalbum «Leave Me Baby». Believe the hype!

 

Hinweis: Im Audiobeitrag sind die beiden Songs Brotherlove und Follower vertauscht.

Die sibirische Bise peitscht durch Zürich. Es ist bitterkalt an diesem Freitagabend. Die Menschen flüchten in die Wärme. Doch diese Nacht gibt es nur einen Ort, der die Hitze des Moments funkensprühend verspricht: Der Plaza Club. Denn hier tauft der Rheintaler Retroboy der Stunde sein Debütalbum Leave Me Baby.

Die Rede ist natürlich von Crimer, dem besten 80ies-Pinup von 2018. Man mag ihn für seine Omnipräsenz – vom konstanten Airplay im Radio bis zum Swiss Music Award – oder seine penetrante Nostalgie verschmähen. Trotzdem: Vergleiche mit Hurts und, noch ehrenvoller, Depeche Mode sind nicht bloss angebracht. Nein, sie liegen offenkundig auf der Hand. Ob Brotherlove, Follower oder Sorrow; die Songs verbreiten das Gefühl eines längst vergangen Jahrzehnts. Die Melancholie prallt Vollgas auf die Tanzflächen des 21. Jahrhunderts. Und wie bei einem Unfall kann man schlicht nicht wegsehen – oder besser: weghören.

Authentizität

Es ist muckelig warm im Plaza. Mit seinem Vintage-Sound zieht Crimer rund 550 Besucherinnen und Besucher an. Das Haus ist ausverkauft. Junge, Alte, Kinder der Achtziger und Tanzwütige. Auch Goldkehlchen Michael von der Heide, Pegasus-Sänger Noah Veraguth oder der Satiriker und Punkmusiker Dominic Deville mischen sich unter die Menge.

Crimer selbst zeigt sich jeweils erstaunt, dass er mitten in diesem Hype steckt. Im Bewusstsein, dass seine Musik – rein objektiv betrachtet – kaum mehr als ein Schatten der Vergangenheit ist. Andererseits: Crimer ist in seiner Art absolut authentisch. Die Outfits trägt er auch privat. Er macht diesen Sound nicht, weil er beim Publikum ankommt, sondern weil er muss. Genau deshalb feiert er den Erfolg: Crimer ist Crimer – ohne Wenn und Aber. In einer gekünstelten Popwelt ist er die erfrischende Abwechslung. Vielleicht nicht musikalisch, aber man spürt die Ehrlichkeit.

Fieber

Kurz vor 21 Uhr fängt der Saal an zu brummen. Der Crimer-Schriftzug flackert. Jubelrufe, als der Mann die Bühne betritt und gleich mit seinem Hit Follower losbrettert. Ganz hinten bleibt der Sound etwas dünn, die Bässe ungefährlich flach. Doch Crimers tiefe, beschwörende Stimme dringt direkt in die Gehörgänge. Das ist die Hauptsache. Er packt nicht nur seine Tanz-Eskapaden aus, sondern spielt auch mit dem Gesang. Zum Glück, denn sonst hat sein elektronischer Sound nur wenig Spielraum. Bandbreite verfügt Crimer hingegen ausreichend. Man kennt seine Feger aus dem Radio. Aber dann ist da The Fortress, eine dunkle Hymne, mit ein Anflug von Gothic Rock, als hätte man The Sisters Of Mercy weichgespült.

Die ersten Reihen steckt der Musiker mit seinen Bewegungen schnell an. Danach wippen die Menschen bloss verhalten mit. Aber spätestens bei Hours ist die Infektion mit dem Crimer-Fieber perfekt. Nun wummert auch der Bass bis in die letzten Ränge durch die Lungenflügel.

Euphorie

Was erst live richtig auffällt, ist die Dualität von Crimers Sound. Man möchte zwar sagen, dass seine überschwänglichen Synthie-Songs die Grösse und Weite eines Stadions suchen. Aber da klingt stets der düstere, melancholische Einschlag mit, der seine Musik auch in kleineren Clubs funktionieren lässt.

Zwischen Fans und «fear of missing out» sucht Zürich tanzend das Momentum. Crimer hat zweifellos das Potential zum internationalen Durchbruch. Doch anders als etwa bei Faber oder Zeal & Ardor ist der Rummel um Crimer hausgemacht. Da will man dabei sein.

Beatgetrieben und mit Laser erhitzt, donnert dann Brotherlove als frenetischer Abschluss des Sets durch den Saal. Ekstase umklammert das Publikum. Orgastischer Jubel – zu Recht und wohlverdient, gefolgt vom obligaten Zugabenblock. Nun eskaliert Crimer mit seinen beiden Mitmusikern vollends. Die Show wird beinahe zum Rave. Blitzlichter zucken synchron zu den Körpern. Euphorische Schreie dringen dumpf durch die Bässe. Das Endorphin fliesst. Ein Höhepunkt, der einer Plattentaufe würdig war, die ohne viel Geplapper und Peinlichkeiten, dafür viel Gefühl über die Bühne ging.