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Yokko erschienen aalglatt, ohne Ecken und Kanten, und deshalb nicht greifbar. Nach einem Gespräch mit Sänger Adrian Erni verstehe ich die Band besser.

«To The Fighters. To The Boxers.» kaufen und Negative White unterstützen

Der Helvetiaplatz ist kalt und grau wie die Wolken am Himmel. Im ehrwürdigen Volkshaus ist es warm und die Augen von Adrian Erni glühen. «Ich bin kein Morgenmensch, alles vor zehn Uhr ist etwas früh», sagt er und bestellt sich einen Ananassaft.

2011 tauchten Yokko als Silhouetten aus dem Nebel auf, peinlich bedacht darauf, nicht zu viel zu verraten. Negative White schrieb im Juni vor fünf Jahren:

Unterkühlte Wave-Riffs treffen auf satte Synthie-Flächen, dabei stets durch die treibenden Drums beflügelt. Noch lässt sich nichts Konkretes über die Musik von Yokko sagen, denn das Album lässt noch auf sich warten. Mit den kleinen Schnipseln auf ihrer Homepage lassen sie uns jedoch bereits das Wasser im Mund zusammenlaufen. Der Refrain von Here She Comes bricht die Wolkendecke, die die Welt strophenlang bedeckt hält, mit kühlen Sonnenstrahlen auf. Hallende Pianopassagen verpassen dem Song die Weite der arktischen Tundra.Negative White über Yokko (2011)

Dann verschwanden Yokko wieder, um sich neu zu formieren und 2013 mit Seven Seas ein fulminantes Debüt hinzulegen – Here She Comes war nicht dabei. Das Album schoss auf Platz 10 der Schweizer Hitparade und die Band wurde als «Best Talent» beim Swiss Music Award bejubelt.

Dann begann das Rock’n’Roll-Märchen der Tour: «Es ging einfach immer weiter. Wir haben vergessen, den Riegel zu schieben», sagt Erni, Sänger und Gitarrist, über die mehr als 50 Konzerte in der Schweiz, Deutschland und Holland. «Es war eine grossartige Erfahrung, aber es war lang und irgendwann waren wir ausgelaugt. Fliegen ist schön, aber wenn es zu lange geht, schlafen dir die Beine ein und mit dem Stehen wird’s schwierig.»

Yokko wollten wieder neue Musik erschaffen. Nach zwei Jahren auf Achse, spürten sie, dass die Zeit reif war. Doch sie zögerten den Schnitt nochmals ein halbes Jahr hinaus, um nochmals durch die Schweiz zu ziehen. «Das hätten wir nicht tun sollen. Es war zu viel», meint Erni nachdenklich.

Irgendwann schafften sie es zurück in den Proberaum, die Erinnerungen, Emotionen und Anstrengungen der Tour im Gepäck.

«Seven Seas war die Grundschule. Wir haben bestanden und nun kommt mit To The Fighters. To The Boxers. die Oberstufe. Wir lernen mit jedem Konzert und jedem Studiotag. Es war mir wichtig, alles zu geben, doch dafür brauchte es Zeit. Eigentlich hätte das Album bereits vor einem Jahr kommen sollen.»

«Der Erfolg ist so vergänglich, Musik kann bleiben»

Trotz dem gelungenen Einstand, verspüre er keinen Druck, sagt Erni mit Nachdruck: «Ich glaube nicht, dass die Leute auf uns warten. Der Erfolg ist so vergänglich, Musik kann bleiben. Wir haben uns für die Musik entschieden und nicht für den Erfolg. Es ist ein stetiger Prozess. Das heisst auch, dass wir uns die Frage stellen müssen, welche Richtung wir als Musiker einschlagen wollen, wo wir uns noch intensiver mit uns selbst auseinander setzen möchten. Und auch wie wir als Band funktionieren möchten. Das ist viel der grössere Druck, diesen Fragen im Alltag Platz zu lassen.»

Adrian Erni ist ein junger Musiker und, wie alle anderen in der Band, am Scheideweg. Wo geht die Zukunft hin? Wie entwickelt sich der Sound der Band?

Kritiker lobten Seven Seas, doch andere verrissen das Album. Zu bemüht, zu poppig, zu wenig eigenständig. Zu wenig Ecken und Kanten. Tatsächlich war das einzige, was man an Yokko hassen konnte, die Aalglätte ihrer Songs.

«Wir haben noch nicht genug gelernt und orientieren uns an der Umwelt. Das neue Album ist bereits viel eigenständiger, aber es braucht noch mehr», meint Erni selbstkritisch. «Ich empfinde die Kritik nicht als Angriff. Es ist schön, dass es auffällt. Aber es ist auch eine Zeitverschwendung, darauf rumzureiten. Das erste Album war Kindergarten, trotzdem war es gut, dass wir es gemacht haben. Wenn wir aus Angst vor Verrissen nie damit angefangen hätten, dann hätten wir alles verpasst.»

Zwischen Coldplay und den Editors

Auch To The Fighers. To The Boxers. orientiert sich noch am Bestehenden. Eine gewagte Mischung aus Coldplay und den Editors. Yokko haben an ihrem Sound gehobelt und glücklicherweise die Feile nicht zu heftig angesetzt. Hier und da findet sich eine raue Note. Die Zusammenarbeit mit dem Produzenten Niels Zuiderhoek trägt Früchte und Yokko klingen so gross wie nie, weil sie die Songs vom Ballast befreien und den einzelnen Lines mehr Raum geben. Das Album erscheint am 4. März.

Ich frage Adrian Erni, was der Name To The Fighers. To The Boxers. bedeutet. Keck fragt er zurück: «Was denkst du?» – «Kampf, Einsatz, Bemühung», sage ich.

Er lächelt und es sprudelt aus ihm heraus: «So plakativ wie er auf dem Album steht, so unplakativ ist die Idee dahinter. Wir widmen das Album den Menschen. Wir sind in einem Alter, in dem wir Entscheidungen fällen müssen. Welchen Weg schlage ich ein? Wo will ich vollen Einsatz zeigen? Wo treibt man hin? Was fühlt sich für mich gut an?

Das Album soll ein Weckruf sein: Glaubt an euch! Macht das, was euch gefällt! Konzentriert euch doch auf das Wesentliche im Leben, anstatt so viel Zeit und Gedanken und Herz und Frust mit Dingen zu verschwenden, die uns vorgesetzt werden. Wir vergessen dabei die Freude, wir vergessen die Kinder, wir vergessen die Zukunft. Es hat kein Platz mehr für Liebe, alle sind im Stress.

Wir möchten mit dem Album den Leuten die Kraft geben, Entscheidungen für sich zu treffen. Stehe zu dir und deinem Weg. Sei kein Mitläufer. Irgendwann holt dich das ein – früher oder später. Da kann wüst und anstrengend sein.»

Doch so definiert die Bedeutung hinter dem Titel ist, Adrian hat ihn sozusagen «geklaut»: «Der Titel – und das weiss noch niemand, auch in der Band nicht – kommt von einem Poeten in Bordeaux. Meine Freundin und ich waren da in einem AirBnB und landeten bei diesem Gedichteschreiber. Ich habe ihm einige Songs gezeigt. Bevor wir abreisten, hat er mir einen Brief geschrieben und seine Widmung für mich war: To The Fighers. To The Boxers.»

«Der Mensch ist nie fertig»

Dann wir Erni politisch, obwohl die Band mal beschloss, nicht zu sehr Stellung zu beziehen.

«Ich denke, dass wir schon von ganz klein an für das System herangezüchtet werden. Das geht im Kindergarten los, dann kommt bereits die erste Fremdsprache. Ich glaube, mit meiner Generation, um 1990 geboren, kommen Menschen, die das infrage stellen. Ich kenne viele aus dieser Generation, die strauchelten. Die sind in Depressionen gefallen. Aber auch schöne Geschichten. Die kommen dann nicht mehr heim vom Reisen oder machen sich selbständig. Weil unser System so gut funktioniert, ist es in der Schweiz fast unmöglich, zugrunde zu gehen. Diese Sicherheit bietet dir so viele Möglichkeiten, wo dein Weg hingehen könnte. Und diese Möglichkeiten überfordern. Die einen packen es gleich, die anderen brauchen länger. Und das wollten wir mit dem Album unterstützen, denn das fördert auch das Individuelle im Menschen.»

Auch dem Herzstück auf der neuen Scheibe – Silence – kann man eine politische Bedeutung geben.

«Ein aufgebrachter Song. Nach den ersten Aufnahmen in Berlin im Sommer kam ich in die Schweiz zurück und realisiert: Fuck, ich bin noch nicht fertig, ich muss nochmals gehen. Ich ging nochmals nach Berlin. Phillipp war die ersten eineinhalb Wochen noch dabei, danach war ich alleine und hatte viel Zeit zum Nachdenken. Ich bekam eine Distanz zu allem, auch zur Politik.»

Please don’t stop to deliver
And there’s so much more to say
There’s so much more to hear
Please don’t stop to deliver
There’s so much more to share
There’s so much more to care for

«Da war etwas, das mich plagte, mich wütend und traurig machte. Ich spazierte durch Berlin, kam nachhause, hatte noch etwas getrunken und dann kam der Song einfach. Eine Beschreibung dessen, was ich wahrnehme. Dass wir gesteuert werden von gewissen Richtungen. Das Schlimme daran ist, dass sich bis gestern viele Leute nicht dagegen gekämpft haben. Man ist wie eine Puppe, ein wenig dabei, schwingt etwas mit und solange alles gut ist, solange es mir gut geht, muss man ja nichts ändern.»

Today nothing’s holding me back
I’m angry of being controlled

«Der Song soll Anstoss sein, um zu sagen: Hey, du kannst etwas bewegen. Deine Stimme ist etwas wert, bring dich ein. Liefere etwas. Der Mensch ist nie fertig. Je mehr du machst, desto mehr entsteht. Der Song soll bewusst machen, dass man ein Teil von etwas Grossem ist, auch wenn man versucht, kein Teil davon zu sein.»

Eine Band auf der Jagd

Äusserlich scheint Erni immer noch sanft, doch man spürt, wie es innerlich brodelt: «Ich finde es lästig, über sowas wie die Durchsetzungsinitiative abzustimmen. Das ist verpuffte Energie. Fuck, das will ich nicht machen, denn es liegt auf der Hand, wie es sein sollte. Und dass das permanent infrage gestellt wird und dagegen angekämpft wird, kann ich nicht verstehen. Ich spüre keinen emotionalen Gedanken dahinter.»

Nach rund vierzig Minuten verabschieden wir uns und ich verstehe Yokko endlich besser. Eine junge Band auf der Jagd nach Zeit, Eigenständigkeit und Antworten. Eine musikalische Verkörperung der Generation Y – im Spannungsfeld der Möglichkeiten und der Überforderung. Auf der Suche nach dem Sinn im Leben. Mit Wut im Bauch und Mut im Herzen.