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Roxanne de Bastion hat mit sanfter Stimme vier Songs auf einer EP aufgenommen. Ob sie im Folktempel wirklich aufrecht  steht, wisst ihr erst, wenn ihr den ganzen Artikel durchlest!

Auf seinem schmalen Gesicht lag ein Ausdruck, der keinen Zweifel zuliess. Keiner schien seiner Genialität gegenüber skeptisch eingestellt. Er verstand, was dies alles zu bedeuten hatte. Was diese Welt, was wir hier zu suchen, geschweige denn überhaupt verloren haben, ausmacht. Trotz seines jungen Alters und nur mit Gitarre bewaffnet, vermochte er dieses Gefühl, diese Vertrautheit unter den Menschen zu verbreiten, wie die mikroskopisch kleinen, vielfach verzweigten Pilzfäden, bei einem Schimmelpilzbefall im feuchten Keller. Er nippte kurz, ein- zweimal an seiner Mundharmonika. Blickte dann in die Runde, und begann so echt, so unverfroren direkt, mit seiner krächzenden Stimme, von einer Geschichte zu näseln. Einen alten Traditional-Song, eigentlich von einer traurigen, zwischen Melancholie und Weltekel zerquetschten Geschichte. Traurig, wissend. Aufrecht, aber allen voran authentisch und ehrlich (obwohl, darüber müssen wir noch reden). Mit der Gewissheit, die Seele dem Teufel schon längst verkauft zu haben, der innige Glaube daran, dass das Leben, nichts weiteres ist, als die letzte Erfahrung vor dem Tode. Im Wissen, dass die meisten Menschen auf dieser Welt, um ihre Pfründe betrogen, zur Knechtschaft verdammt, ein Dasein im Unrecht fristen. Die Zuhörer saßen im Halbkreis um den Barden, inhalierten nebst Tabak, das Dargebotene mit jeder einzelnen Zelle.

Das waren die Sechziger. Da war dieser junge, näselnde Bob Dylan, die Anstandsdame Joan Baez, die irischen Clancy-Brüder im Rollkragen-Pullover, Bob Gibson, der Pädagoge und Banjo-Charismatiker Pete Seeger, der weise Doc Watson, die bleiche Mary, aus der Folkgruppe Peter, Paul und Mary, die unsichtbare Legende Jackson C. Frank, die britische Fraktion und deren Anführer Bert Jansch, der Exzentriker und gebürtige Schotte Donovan und das Folk-Fundament, das nach und nach verblassen wird, wie ein feuchter Handabdruck auf einer Fensterscheibe, der Schatz des Steinzeitbarden, umhüllt von rot-trockenem Südstaatenflair aus Oklahoma, Woody Guthrie.

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Bob Dylan und Suze Retolo im Village. Bild: Don Hunstein

Die Folk-Ära erlebte in Greenwich Village, New York gerade ihre Blütezeit, versprühte Ausstrahlungskraft zwischen Pille und Vietcong. Aus Hut und Gitarre, mit der nötigen Überzeugung, sich seiner selbst eben nicht der Kulturindustrie zu überlassen, formierte sich eine lebendig flämmelnde Szene. Eine Szene aus jungen Studenten, alten Dichtern, Entfachten und Empörten, jeweils abwechslungsweise mit Wein durchtränkt, polarisierend zugespitzt und debattierfreudig in einem Halbkreis, während ein Kaminfeuer zischelte und raschelte, wie die dicken, staubigen Wälzer von Marx und Engels, beim Blättern mit einer befeuchteten Fingerspitze. Die Gedichte der Beatniks, allen voran die Bewunderung für Les Fleurs du Mal von Baudelaire, säumten Gewissen und Verstand, Herz und Denken der Anhängerschaft des Folk – zumindest wurde getan als ob. Die Nachkriegskids, von der McCarthy Ära ontologisch vergewaltigt: Napalm über Vietnam, Rassenunruhen Detroit, Marsch auf Washington, die gleichzeitige Faszination für den Bürgerrechtler Martin Luther King und Harry Belafonte, in dieser verkorksten und ungleichen Gesellschaft. Das Vorspiel von ’68 vermochte Hoffnung und Resignation, wie dicke, schwere Rauchkringel in die Luft aufsteigen. Gitarre, Mundharmonika oder Banjo und der damit verbundene Rückgriff auf die musikalischen Wurzeln eines Landes: Damit lässt sich die Welt erklären, alles andere ist Schnick-Schnack und trübt die Wahrnehmung. Willkommen in der skurrilen und zugleich schönsten Sturheit der Musik, dem Folk. Die Helden, dieser Branche sind im Grunde unwiderlegbare Allwissende, unverrückbar in ihrer Annahme für das Gute zu stehen, in ihrer Deutungshoheit unbestritten. Die Anhängerschaft der Helden, so streitsüchtig, wie es in den Augen der katholischen Kirche Luther mit seinen 95 Thesen gewesen sein mochte.

Was ist davon geblieben? Horcht man aufmerksam einer Folk-Scheibe, die dieses Jahr erschienen ist, behaupten Zyniker, dass von Folk nur noch der Fetisch für Strickjacken überlebt hat. Doch lasset uns ganz genau hinhören!

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Getarnt, in der englischen Singer/Songwriter-Szene, beweist sie gekonnte Ausdrucksweise – Roxanne de Bastion. Bild: zvg

Roxanne de Bastion, bleich und melancholisch, stammt aus Berlin, zog jedoch nach London, ins Herz der anglikanischen Singer-Songwriter-Welt und beherrscht im Grunde das, was Paul Simon (so munkelt man zumindest) häufig auf der Toilette übte, das Finger-Picking. Doch befindet sie sich schon nach ein paar Minuten mit dem Titel Same Moon, der EP auf Messers Schneide des Ertragbaren, Text? – «Den gleichen Mond sehen (das hört sich jetzt so schlacksig an, wie es sich liest), Schmerz hin oder her, seinen Weg gehen.» – Naja, mit dem wäre kein wertkonservativer Überzeugungstäter der 60er-Folkfraktion zu überzeugen gewesen, also einer der beleidigt wird, wenn Bob Dylan seinen Stratocaster ansteckt und elektrisch dudelt. Folk braucht Topic, Geschichten müssen entweder gut erzählt oder die Songs mit Forderung gepaart werden. Hierfür spielte und besudelte der aufmüpfige Phil Ochs als singender Journalist, die bösen Mächtigen und beflügelt die guten Schwachen während der 70er. Eine zupfende Gitarre, ein hüpfender Adamsapfel, ein erhobener Zeigefinger, zwischen Nixon und Allende sozusagen. Protest also, als musikalische Konzeption. Was die Liebe angeht, – bitte nur als musikalische Neuinterpretation alter Gedichte: Angelehnt an die Werke Edgar Allen Poes, Alfred Noyes, Dylan Thomas oder Faulkner säuselten Folksänger bekanntermaßen ihre Songs hinunter. Ja, richtig, Folk ist im Grunde stockstur und daran soll im Grunde nicht rum gebastelt werden. Den Studiotechnikern haut man gewöhnlich auf die Finger, wird an zu vielen Knöpfen gedreht. Konservativ eben. Keiner, der etwas humorlosen Anhänger der Folkbewegung, kann rein theoretisch nur der Liebe frönen, wie im Song von Roxanne de Bastion Same Moon. Das ist zu abgespeist, totaler Kommerz. Zu viel Beatles. Liebe gehört ins Private und wenn es unbedingt sein muss (das muss es zugegebener Masse immer), dann muss sie scheitern. Mit Blick auf die lange Tradition der Folkballaden, meist durch den Tod (St. James Infirmary, Little Sadie, Omie Wise, fast alles von Hank Williams – ach, wie schrecklich schön). Listigerweise beherrscht das Roxanne de Bastion eigentlich auch, nicht auf dieser Scheibe zwar, aber mit dem Song I’m Gone, auf Soundcloud, klappt das ganz gut. Melancholie und Bestimmtheit in der Tradition britischer Folklore. Auch merkt man nicht, dass sie aus Berlin stammt. Getarnt, in der englischen Singer/Songwriter-Szene, beweist sie gekonnte Ausdrucksweise.

Doch da war noch was… Ach ja, wir müssen über Authentizität reden, ernsthaft (oder so ernsthaft wie das halt geht).

Es verwundert kaum, dass die Rechte der Frau, die damit verbundenen Emanzipationsbewegung der 60er Jahre in den USA mit der Folkbewegung einher geht. Anfang dieses Monats feierten wir übrigens den 100. Geburtstag des Büstenhalters. Am 3. November 1914 erhielt die Amerikanerin Mary Phelps Jacobs, das Patent für den Büstenhalter, der in den Augen der Folk-Girls Joan Baez, Joni Mitchell und Judy Collins wohl eher Inbegriff von Tittenknast war. Doch das wäre eine andere Geschichte.

Auf was ich hinaus will, die Folk-Sängerinnen genießen bis heute einen noch unantastbareren Status, als die Männer. Baez gilt als unbiegsame Pazifistin, die Politik und Forderung nach Emanzipation von St. Barbara bis Novosibirsk über verkaufte Alben stellt. Wie authentisch ist Roxanne de Bastion mit der schlanken EP Seeing you? Die Klasse der Folk-Sängerinnen, dafür werden sie neben ihrem Gitarrenspiel verehrt, zeigt sich in der Ehrlichkeit der Songs. Das ist schwierig, denn die Kitschfalle lauert in unserer Konsumwelt zwischen Fettabsauger-Mentalität, Reality-TV und den Sonnenuntergängen beim Bachelor im Grunde Po-wackelnd an jeder Ecke. Romantik ist käuflich, Konsumgut, Absatzware und darum für den Folkster auch nicht einfach so hinnehmbar. Gelinde gesagt, stösst sie bei den notorischen Pop-Verweigerern auf Abwehr, bemerken die Strukturkonservativen der Folk-Hörerschaft erst einmal den Schmuddel-Kapitalismus auf ihrem Terrain, ist Ärger angesagt. Mir surrt da gerade dieser Folksong Hang me, oh Hang me durch den Kopf (unbedingt Dave van Ronk’s Version hören). Der Anspruch der Authentizität erfordert gefühlte Individualität seitens Sängerin, ein schwieriges Terrain, ohne Frage. Roxanne de Bastion kratzt die Kurve und umgeht den Flitterkram mit dem Titel Wasteland. Sie singt – beabsichtigt oder nicht – anlässlich des 25. Jubiläums des Mauerfalls, von ihrer Hometown, der ehemals geteilten Stadt, von Steinen, die ihrer Bedeutung verloren haben, Hotels, die nun Gräber ersetzen, von ehemaligen Tatsachen, die nun in Bibliotheken abgewandert sind. Kinder, das hat doch was!roxanne-de-bastion_seeing-you

Seeing You EP

5
/5
22. September 2014

Release

Hidden Trail Records

Label

Tracklist

  1. Seeing You
  2. Wasteland
  3. Rerun
  4. Same Moon