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Punk-Urgesteine, langbärtiger Blues, Sardinenbüchsenfeeling und der verrückteste Bad Religion-Fan: Das war das Wochenende an den 40. Winterthurer Musikfestwochen. 

#Beatsteaks! Winterthurer Musikfestwochen 2015 #mufewo

Ein von Negative White (@negativewhite) gepostetes Foto am

Nach eineinhalb Wochen Musik, Trubel, wenig Schlaf und Ruhe für die Bewohner und Bewohnerinnen kehrt bald wieder Ruhe ein in die malerische Winterthurer Altstadt. Aber vorher werden die grossen Geschütze aufgefahren.

Freitag, 21. August – Bad Religion

Ein Gewimmel aus bunten Irokesen und in schwarz-rote Bandshirts gehüllten Menschen jeder Altersklasse erwartete einen am Freitagabend am Winterthurer Bahnhof. Die treue Fangemeinde der Kultpunkband Bad Religion war versammelt und bereit, ihre Helden zu feiern. Das letzte Dosenbier an der Eingangskontrolle gekippt, zu ziemlich hohen Preisen eine Runde frisches Bier geholt und ab durch die Mitte nach vorn in den Pit. Diesen Plan verfolgten Tausende von Konzertwütigen und das Durchkommen durch die rappelvolle Steinberggasse war ein beinahe unmögliches Unterfangen. Dass das teure Bier auch in den Bechern blieb, ebenfalls.

Erst recht, als Bad Religion die Bühne betraten. Die ersten Bierbecher flogen, woraus sich die Band jedoch sogleich einen Sport machte, die Geschütze aufzufangen oder abzuwehren. Die Leute feierten vom ersten Takt an mit, die vorderen 20 Reihen wurden aus ihrer nervösen Erwartungshaltung heraus- und mitgerissen. So einen Moshpit hatte die Steinberggasse die ganze Jubiläumsausgabe hindurch noch nicht erlebt – und das sollte noch gut eineinhalb Stunden ohne Pause so weitergehen. In den hinteren Reihen war die Stimmung nicht ganz so ausgelassen, da der Sound nicht optimal abgemischt und viel zu leise war. Kein Wunder, drängte alles nach vorne.

Sänger Greg Graffin tat seine Bewunderung über die toleranten Omis kund, die nach seiner Vorstellung in den Altstadtwohnungen an diesem Abend kein Auge zukriegten und freute sich, in einer so schönen Kulisse zu spielen. Er erinnerte äusserlich und mit seinem Auftreten an einen etwas in die Jahre gekommenen, aber sehr weisen und belesenen Geschichtslehrer. Mit seiner Art liesse er sich auch gestikulierend in einem Klassenzimmer vorstellen und unmotivierte Schüler zur Diskussion über Gesellschaft und Politik anregen. Eine sympathische Vorstellung. Dieses romantische Bild wurde von den eher ruhigen und wenig bewegungsfreudigen Mitmusikern verstärkt aber dies alles tat nicht etwa der Stimmung weh – im Gegenteil. Es wirkte würdig und angemessen, schliesslich standen da Urgesteine der Punkgeschichte und bretterten ohne Pause einen Brecher aus 35 Jahren Bandgeschichte nach dem andern runter.

Bad Religion-Fans sind nicht auch in die Jahre gekommene, grau melierte Herren sondern zum grössten Teil Mitte 20. Und verrückt. Negative White traf einen, der alles für diese Band macht. Direkt aus dem WK in der Innerschweiz wurde die Zeit knapp, um es mit den ÖV rechtzeitig zum Konzert zu schaffen, und so nahm er ein Taxi von Luzern nach Winterthur. Mit einer Weisung an den Fahrer: So schnell wie es geht, ich zahle jeden Preis. Stau, Verzeiflung und die Gewissheit, den Anfang zu verpassen waren seine Begleiter auf dem Weg – doch er schaffte es etwa auf den vierten Song, sich ins Gelände und sogar in den Moshpit und bis in die zweite Reihe zu kämpfen. Für 250 Franken Taxigeld. Jeder Rappen habe sich gelohnt, sagte er. Das ist Fantreue! Er war übrigens zivil gekleidet, so viel Zeit blieb dann doch unterwegs.

Wer konnte, der quetschte sich nach der schweisstreibenden Punksause von Bad Religion aus der schmalen Gasse. Eine Sardinenbüchse wäre wohl komfortabel gewesen gegen dieses Gedränge und es kamen Gedanken an eventuelle Massenpanik auf, sofern sich Menschen mit Platzangst hätten durch das Gewühl kämpfen müssen. Eine grenzwertige Lösung, nur eine schmale Gasse, die gleichzeitig auch als Notausgang gekennzeichnet war, als Ein- und Ausgang zu den WCs zu haben. Man hätte natürlich auch nach hinten heraus aus dem Gelände gefunden, doch wer in der vorderen Hälfte steckte, kam dort schlecht hin.

Freitag, 21. August – Beatsteaks

«Wir sind die Beatsteaks aus Berlin» begrüsst eine der meistgefeiertsten Bands Europas eine halbe Stunde später die wieder getrocknete Menge und legt sofort los. Neue und ältere Songs wechseln sich ab, ihre Liveversionen bieten mehr ruhige Phasen und das Publikum ist nach dem schweisstreibenden Bad Religion-Gepoge auch ganz froh darum. Und auch hier fand sich eine treue Fanschar, die bei fast jedem Song mitsang, vor lauter Begeisterung den Pitcher Bier richtung Bühne warf und über die Menge surfte. Die Beatsteaks werden diese Jahr halb so alt wie die Winterthurer Musikfestwochen. Darum gab es zwischen den Songs ein Geburtstagsständchen inklusive Deichkind-Zitat „Leider geil“. Das war es tatsächlich. Und wenn es schon ein Punkrockabend war, platzierten auch die Beatsteaks noch etwas Politik und riefen dazu auf, sich in der Flüchtlingsdebatte zu engagieren.

Samstag, 22. August – Seasick Steve

Drei alte Herren, einige Instrumente, eine Stimme und sehr viel Charme erwarteten einen bei der rauhen Blues-Formation Seasick Steve. Seasick Steve aus Amerika ist mit seinen 74 Lenzen kein Musikerurgestein im herkömmlichen Sinne, denn sein erstes Album ist erst elf Jahre alt. Seine Songs hören sich nicht nur authentisch nach Blues an, sie sind es auch. Schon früh musste er sich allein durchs Leben und quer durch die USA kämpfen – davon singt er. Wer richtig dreckigen und echten Bluesrock mit schicksalhaften Geschichten mag, sollte sich Seasick Steves Songs anhören.

Seine rauhe Stimme könnte besser nicht zum Sound passen. Mit dieser und mit selbstgebauten Instrumenten brachte er sich nebst einem Schlagzeuger und einem Bassisten in diese reduzierte Form einer Band ein. Bei einem Song erhielten die drei zusätzliche Verstärkung von einem weiblichen Fan, den er auf der Bühne holte. Und auch hier schienen wir wieder einen Fan der Extraklasse vor uns zu haben. Denn kaum betrat das Mädchen die Bühne, erkannte die Band sie!  «Du schon wieder? Da holt man sich ein Mädchen auf die Bühne, und sie ist dieselbe wie beim letzten Konzert!», lautete die belustigte Begrüssung. Nach einem Song gab es noch ein Selfie mit Steve und natürlich ein Küsschen. Wer wessen Aufmerksamkeit mehr genoss, blieb schwer zu beantworten.

Samstag, 22. August – Calexico

Während Seasick Steve auf der grossen Bühne fast verloren aussah, wurde diese bei Calexico fast überladen mit Instrumenten. Auch der vielschichtige Klangteppich aus Bläsern, Gitarren und Gesang wirkte im ersten Moment pompös und überinstrumentiert. Calexico verbinden jedoch gekonnt und auf eine nie dagewesene Art Latin-Rhythmen mit Indie Rock, lassen noch etwas Jazz miteinfliessen und streuen hie und da ein Cover mit ein. Und kriegten so auch Latin-Abgeneigte zum Tanzen oder mindestens zujm schüchternen Powackeln. Dafür brauchte es auch keine überdrehten Animationen seitens der Band, so wie das noch bei den Beatsteaks der Fall gewesen war. Die Band gab sich zurückhaltend und das Publikum machte trotzdem mit.
Es fiel allerdings auf, dass sich die Reihen lichteten und nicht mehr solche Massen wie am Abend zuvor unterwegs waren. War ihnen die Musik zu kompliziert, die Richtung zu wenig eindeutig? Da lässt sich nur spekulieren. Wer Calexico verpasste, verpasste die unkonventionellste Live-Band des ganzen Wochenendes.