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Faber, der Posterboy des Zeitgeists, spielte im ausverkauften Salzhaus. Man sollte seine Musik aus seiner Playlist löschen. Der Musiker lieferte die Gründe dafür gleich selbst.

Er singe wie ein notgeiler 53-Jähriger, schrieb «Die Zeit» über einen jungen Zürcher Musiker. Die Rede ist von Julian Pollina. Besser bekannt als Faber.

Bild: Stefan Braunbarth

Und Faber, das ist ein Phänomen. Erst 24 Lenzen auf dem Buckel, kam sein Durchbruch – auch dank dem European Talent Exchange Programme – erst in Deutschland. Später wurde dann auch die Heimat aufmerksam. Seine Musik bezeichnet er selbst als «Akustik-Punk für Mädchen».

Tatsächlich zieht der Musiker, der stets aussieht, als sei er eben erst aus den Laken gerollt und am liebsten mit Begleitung dorthin zurückfallen möchte, ein überwiegend weibliches Publikum an. Ein Posterboy des Fucked-up-Lifestyles vom Kaliber eines Pete Doherty – nur ohne die ganzen Drogen-Eskapaden.

Zeitlose Gossen-Poesie

Doch das Phänomen Faber lässt sich nicht auf solche Oberflächlichkeiten reduzieren. Unter dieser Hülle urbaner Hipster-Zeitgeistigkeit liegt eine zeitlose Gossen-Poesie. Faber singt von leeren Trams, käuflicher Liebe, Opportunismus und kenternden Schlauchbooten im Mittelmeer. Naseweis und auf unheimliche Weise gesetzt. Sei ein Faber im Wind, das Debütalbum, schlug ein. Auch Winterthur, wo er bereits an den Musikfestwochen aufspielte, scheint unheilbar vom Faber-Fieber geschüttelt: Das Konzert im Salzhaus ist restlos ausverkauft.

30 Minuten nach Türöffnung. Das Salzhaus füllt sich erst behäbig, doch herrscht bereits eine Mischung aus gespannter Erwartung und zurückhaltender Vorfreude im Saal. Die erste Reihe vor der Bühne ist schon fest in Händen leicht euphorischer, vielleicht beschwipster Teenagerinnen. Faber ist eben ein Mädchenschwarm. Gäbe es den Bravo-Starschnitt noch; der Mann wäre längst zu dieser Ehre gekommen.

Besser als Sex

Winterthur kam unterdessen in den Genuss eines beinahe zweistündigen Infernos. Was Faber lieferte, war nichts Geringeres als das musikalische Äquivalent zum Coitus. Ja, man ist gar zum Urteil verleitet: Dieses Konzert war besser als Sex.

Bild: Janosch Tröhler

Er hatte natürlich leichtes Spiel. Die rasanten Stücke wie Nichts oder Die Tram ist leer sorgen alleine durch ihr Tempo, durch die pure Spielfreude für Ausgelassenheit. Böse Zungen mögen da behaupten, es spiele keine Rolle, ob der Wuschelkopf auf der Bühne stehe.

Und ja, Faber tranzt auf dem Vulkan. Hin- und hergerissen zwischen Ballermann («Urlaub mach ich nur Hardcore, Viagra und zwei Wochen Youporn») und Tiefgründigkeit («In einer Stadt mit vielen Uhren hat keiner Zeit»). Doch kein Frischling hat das Kollektiv so fest im Griff wie er. Seine vierköpfige Band strotzt vor Brillanz. Die Eskalation zum furiosen Finale von Alles Gute ist perfekt. Vollkommen aus dem Takt suchen sich die Instrumente, finden sich schliesslich und explodieren in einem feurigen Rausch. Der ganze Raum wird in die Besinnungslosigkeit geschleudert. Faber verteilt Knockouts. Ein irrwitziger Veitstanz. So hip und angesagt Faber auch sein mag: Dieser Energie muss man erst mal das Wasser reichen.

Wie Heroin

Wasser wird an diesem Donnerstag kaum gereicht. Denn «jede Theke träumt von einem Bier». Während die temporeichen Songs wie von alleine funktionieren, schimmert das Genie erst bei den schleppenden Stücken richtig durch. BrüsteBeineArschGesicht – ein Titel, der es einem nicht gerade leicht macht, ernsthaft darüber zu schreiben – wird zum leidenschaftlichen Tod. Blitze durchzucken Fabers ganzen Körper. Die Stimme verkommt zum reinen Vibrato. Ein Schwanengesang. Der Musiker, der zuvor noch seine Gitarre zärtlich und unsittlich berührte, leidet nun Qualen. Er verliert sich vollkommen, die tiefe Stimme verirrt sich im Bass-Labyrinth. Man schaudert vor Ehrfurcht.

Wer Faber wirklich erleben und verstehen will, der löscht seine Lieder aus der Playlist und zerbricht das Vinyl. Denn nichts, was sich auf Band bannen liesse, hält dem Live-Moment stand. Für das Faber-Fieber gibt es kein Heilmittel – es ist wie Heroin. Und nach der Show lechzt man nach dem nächsten Schuss.

Bild: Janosch Tröhler