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Eine Woche meines Lebens schwirrt nun digital irgendwo herum. Vielleicht weiss nun die NSA, dass ich durchschnittlich 7.5 Stunden schlafe – inklusive zehn unruhigen Phasen. Vielleicht auch nicht. I don’t care.

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von Karin Wenger

Aber von vorne. Mein Mitbewohner erhielt gratis ein «fitbit»-Fitnessarmband, das zum Staubfänger unseres Wohnzimmers wurde. Ich hatte einerseits ein bisschen Mitleid, und die ungeöffnete Packung kitzelte meine angeborene Neugier. So startete ich einen Selbstversuch:

Tag 1

Nach einer gefühlten Stunde Aufreissen der Plastikverpackung geht’s los mit dem Registrierungsmarathon: App downloaden, Name, Alter, Geschlecht, Grösse, Gewicht angeben. Und schon spuckt die App aus: «10’000 Schritte pro Tag sind ein gutes Ziel». Ich fühle mich wie beim Doktor. Doch dann endlich thront das «fitbit» auf meinem Handgelenk und ich beginne, in der Wohnung herumzutigern. Oh, siehe da! Das Handy zählt in Echtzeit die Schritte mit! Ich bin begeistert und schaue so fasziniert auf meinen Bildschirm, als hätte ich noch nie ein Smartphone gesehen. Ohne Zweifel: Ich habe mein Spielzeug gefunden. Dann muss ich los.

Als ich bei der Arbeit ankomme ein kurzer Kontrollblick: 2000 Schritte. Am Mittag vibriert das Band und auf meinem Handy ploppt die Meldung auf: «5000 Schritte. Glückwusch, du hast dir das Bootschuh-Abzeichen verdient». Oho, sogar Abzeichen kann ich mir holen. Am Abend kurz vor der Haustür eine nächste Kontrolle. Mist, nur 9000 Schritte. In der Wohnung beginne ich auf der Stelle hin und herzutänzeln, schliesslich will ich nicht schon am ersten Tag die 10’000er-Marke nicht erreichen. Ungläubig guckt mir mein Mitbewohner zu und schüttelt den Kopf. Ich tripple munter weiter, bis endlich das Band am Handgelenk surrt. Und siehe da, ich kann ein glamouröses Turnschuh-Abzeichen ernten. Dies sollte das letzte Abzeichen der nächten Tage bleiben.

Tag 2

Als ich erwache, erzähle ich meinem «fitbit», von wann bis wann ich geschlafen habe. Und sofort erklärt mir die App, dass ich zwar acht Stunden im Bett gelegen sei, jedoch nur 7 Stunden und 25 Minuten geschlafen habe. Der Rest seien Unruhe- oder Wachphasen gewesen. Und schon überschwappt mich das Gefühl der Müdigkeit. Denn ich brauche schliesslich pro Nacht acht Stunden Schlaf, um fit zu sein.

Tag 3 bis 6

Wie jeder Student habe auch ich meine Rumgammeln-und-nichts-tun-Tage. Dementsprechend lag mein Kontostand am dritten Abend bei knapp über 1000 Schritten. Hallo schlechtes Gewissen. Die folgenden Tage schwindet mein Interesse am schwarzen Armband immer mehr. Zwar gucke ich mir jeden Morgen und Abend die Statistiken an, doch die Zahlen finden nicht viel mehr als einen Randplatz in meinem Kurzzeitgedächtnis.

Tag 7

Heute ist Shopping angesagt. Das heisst: Angriff auf Zürichs Läden. Und schmerzende Füsse am Ende des Tages. Als ich am Abend zu Hause ankomme, vibriert etwas an meinem Handgelenk. Ich schaue auf mein Handy und… Oh, ich habe für 42 zurückgelegte Gesamtkilometer ein Marathon-Abzeichen erhalten! Now I can die in peace. Und mein «fitbit»-Armband auch. Ich lege es sorgfältig zurück in die Verpackung – und verstaue sie in eine Schublade zu meinem anderen Elektronikschrott. Ruhe in Frieden.