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Gleich zweimal streckte der sinnbildliche Phönix seinen Kopf aus der Asche. Nach vier Jahren Abstinenz fand am 31. März ein Revival der legendären Nach(t)brand im Werk 21 statt und tags drauf standen nach eineinhalb Jahren Infinites erstmals wieder auf der Bühne – mit einer Überraschung.

Die Nach(t)brand… Was waren das Zeiten. Der erste Ort, an dem ich mir sofort willkommen gefühlt hatte. Und nach weniger als einem Monat wusste die Bar Crew, was ich jeweils zu trinken gedachte. Ich stieg in die Katakomben des Werk 21 hinab, begrüsste die Leute und bevor ich überhaupt was sagen konnte, stand die Flasche Met schon auf dem Tresen, zusammen mit ein paar Bechern, um sie mit den Anwesenden zu teilen.

So kam man schnell ins Gespräch, lernte neue Leute kennen und  fühlte sich irgendwie verbunden. Der Begriff «Schwarze Familie» wird immer wieder gerne verwendet, um den Zusammenhalt in der Gothic und Metal-Szene zu bezeichnen. Aber nirgends sonst war er passender, als beim sonntäglichen Plausch im Keller des Dynamo Zürich. Entsprechend gross war das Bedauern, als die Crew schweren Herzens beschloss, die Nach(t)brand einzustellen.

Fast forward four years: Ein Teil dieser Verrückten, die vor einer gefühlten Ewigkeit die Nach(t)brand betrieben, fand, dass es an der Zeit wäre, all die alten Spinner mal wieder zusammen zu führen und zumindest für einen Abend nochmals das Nach(t)brand-Feeling zurückzuholen. Also organisierten sie sich zwei Bands und DJs, um ein paar alte Säcke in Nostalgie schwelgen zu lassen. Caladmor, die erste Band des Abends, war den Besuchern der Nach(t)brand keine Unbekannte, denn sie hatten während der Jahre schon mehrfach der

Wochenendausklangbar einen Besuch abgestattet. Eigentlich sind sie aktuell aber mit den Aufnahmen eines neuen Albums beschäftigt und wollten keine Auftritte machen. Die etwas ultimativ anmutende Anfrage «Ohne Caladmor gibt’s kein Nach(t)brand) Revival» könnte damit zusammenhängen, dass die Band sich bereit erklärte, ein spezielles Akustik-Konzert zu spielen. Und was für ein Konzert das war. Wenn auch nicht mit dem gewohnten Druck, so spielte das Quintett dennoch virtuos auf und zeigte, dass man auch mit einem akustischen Set eine ungeheure Stimmung erzeugen kann.

Darkwood aus Deutschland kam dann ungleich schwerer daher… Neofolk war noch nie bekannt für leichtfüssige Rhythmen und Friede-Freude-Eierkuchen-Melodien. Düster, sonor, ergreifend – nur drei der Adjektive, die man für ihre Musik verwenden könnte. Und die Stimmung hätte diese simple Einschätzung Lügen gestraft. Das Werk 21 war voll und die Masse bewegte sich rhythmisch zu den Klängen der Band. In Zürich darf man dies eigentlich schon als Tanzen bezeichnen.

Einen Tag später, rund 50 Kilometer südlich, fand die nächste Wiederauferstehung statt. Die Muotataler Band Infinitas betrat nach eineinhalb Jahren erstmals wieder die Bühne. Eine spezielle Renaissance, denn die Band wollte nicht nur ihr neues Album einem erlesenen Publikum vorstellen, sondern auch die grösste Neuerung im Lineup. Anstatt einer Violine steht nun Laura Kalchofner mit ihrer Blockflöte fix in der Konstellation der Band.

Gleich bei der Vorstellung ging einem die Frage durch den Kopf, wie man den Klang einer Violine mit einer Blockflöte ersetzen könnte. Kurz gesagt: Kann man nicht. Eine Violine grätscht mehr quer in den Sound hinein, während eine Flöte den Sound eher in die Höhe stösst. Somit war klar, dass alle Stücke komplett anders klingen würden, als man sie kannte.

Neue Töne

Dadurch, dass Laura allerdings nicht einfach den «Speutzknebel», den wir aus der Primarschule kennen, spielte, sondern eine E-Blockflöte names Elody, vermog sie viele klangliche Disparitäten zu kompensieren und konnte gleichzeitig den Gesang von Andrea punktuell unterstützen.

Der Abend war ein Dankeschön an die Unterstützer der WeMakeIt-Kampange, mit der sich die Band die Produktion ihrer neuen CD Civitas Interitus sichern wollte. Entsprechend wurden die neuen Songs des Albums rauf und runter gespielt. Und auch wenn es sich etwas einseitig anhört, die wichtigste Neuerung war Laura. Selv spielte seine Gitarre wie ein junger Gott – er vermag noch nicht an Damir (Gonoreas) heranzukommen, aber sein Spiel war ein Genuss für die Ohren.

Piri hämmerte souverän wie eh und je in die Felle und Pauli zeigte, dass mal eben doch mehr als nur Dum-Dum-Dum aus einem Bass herausholen kann. Bei Andrea sah man ganz klar, dass ihr die Bühne gefehlt hatte. Die junge Dame liess keine Gelegenheit aus, ihre Haare kreisen zu lassen und wenn sich nicht gerade mit Singen beschäftigt war, strahlte sie wie ein Honigkuchenpferd. Wegen genau dieser Spielfreude geht man an Konzerte.

Aber zurück zur Newcomerin. Es war ihr allererster Auftritt mit der Band und man merkte ihr die Nervosität an. Diese legte sich im Verlauf des Konzertes etwas, so dass sie mehr aus sich herauskommen konnte. Das Back to Back Spiel mit Pauli sollten sie definitiv fix ins Programm aufnehmen. Allgemein kann man Laura nur ein wenig mehr Selbstvertrauen wünschen, denn sie ergänzt die Band in einer Art und Weise, die, so glaube ich, Infinitas selber noch nicht erkannt hat.

Ich muss zugeben, ich war am Anfang auch sehr skeptisch, als ich hörte, dass die Violine durch eine Blockflöte ersetzt werden sollte. Da sind doch klanglich Welten dazwischen dacht ich mir. Nach diesem Abend hatte ich keine Zweifel mehr. Alleine die Unterstützung des Gesangs wäre den Wechsel wert gewesen. Gleichzeit stellt die Blockflöte aber ein solches Alleinstellungsmerkmal dar,  dass man sich fragt, wieso nicht schon früher eine Band den Mut zu dieser Entscheidung hatte. Es bleibt zu hoffen, dass sich Infinitas nicht den Sirenenklängen einer Violine hingeben, sondern knallhart ihren neuen, komplett eigenen Sound mit der Blockflöte durchziehen. Denn ich kenne locker ein Dutzend Bands mit Violine, aber nur eine mit einer Blockflöte.

Die Rezension des neuen Albums wird spannend werden, da ich weiss, dass man die Songs live so wohl nie hören wird. Laura war nämlich während den Aufnahmen noch nicht dabei. Einzig als Backgroundsängerin und auf dem Bonustrack wird sie zu hören sein.

Für Negative White ist die ganze Sache insofern speziell, als dass Infinitas Laura wegen der Rezension ihrer Maturaarbeit bei uns überhaupt erst angefragt hatte. Das ist wohl das erste Mal, dass ein Artikel von Negative White aktiv die Laufbahn einer Künstlerin beeinflusst hat. Ich denke, weder mir noch Laura, als sie mich damals schüchtern angefragt hatte, ob ich eine Kritik über ihre Maturaarbeit schreiben würde, hätten je gedacht, dass dadurch das Lineup einer Band oder gar das Leben einer jungen Musikerin verändert würde.