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Der Song ist ein Meilenstein von The Beauty of Gemina. Und einer, der die Furcht aus meinem Herzen löschte.

Rückblende. Im April 2009 befand ich mich zwischen Stuhl und Bank. Ich war gerade vom Gymnasium geflogen, lebte nicht mehr zuhause, sondern schaufelte auf einem Bauernhof im Aargauer Niemandsland Kuhmist. Andererseits wuchs in mir die Gewissheit, Journalist werden zu wollen. Und ich lief immer tiefer in das bittersüsse Labyrinth melancholischer Klänge hinein.

Einige Monate zuvor kaufte ich mir im unlängst geschlossenen «Knochenhaus» das Album A Stranger To Tears von The Beauty of Gemina. Noch nie zuvor hatte mich Musik so sehr fasziniert. Die Komplexität war überwältigend.

Da sass ich nun am Tisch mit dieser Bauernfamilie und in meinem Kopf hallte der Galilee Song nach, während die Bäuerin das Tischgebet sprach. Träge Tage vergingen, bis mich eine SMS von Cornelius Fischer, dem Fotografen, erreichte. Er bot mir ein Interview mit Michael Sele, dem Kopf hinter The Beauty of Gemina, und David Vetsch, dem neuen Bassisten an.

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Michael Sele Bild: Cornelius Fischer

Ich war unschuldige 18 Jahre alt. Noch nie hatte ich ein Interview geführt. Und plötzlich tat sich diese sagenumwobene Welt auf. Ich erhielt Zutritt in die exklusive – und wie ich schnell feststellen musste – sehr langweilige Backstage-Gesellschaft. Doch vorerst war alles neu und aufregend. Wie der erste Schultag.

Die Furcht schwindet

Cornelius und ich fuhren am 17. April nach Schaffhausen. Ich war geradezu dilettantisch vorbereitet. Ich besass keinen Laptop, Smartphones waren noch lange nicht im grossen Stil angekommen und Streaming gab es auch noch nicht. Cornelius drückte mir zwar den Pressetext zu A Stranger To Tears in die Hand, doch der half wenig. Ich hatte – mal abgesehen von Suicide Landscape – keine Ahnung, wie das Debütalbum Diary of a Lost klingt.

Irgendwie brachte ich die beiden Interviews über die Bühne. Ich hatte wohl doppeltes Glück: Erstens war David Vetsch vor seiner ersten Show mit der Band ähnlich aufgekratzt. Und zweitens konnte ich wohl als einer von wenigen jemand anderes als Michael Sele, das omnipräsenten Aushängeschild, interviewen.

And we leave als these fears
These ships without anchors
And we leave all this now
And we all stand up now
And we break down these walls
And it’s coming, it’s coming

Nach einem Abendessen voller pampiger Pasta legten The Beauty of Gemina in der Kammgarn los. Zum ersten Mal hörte ich die Songs von Diary of a Lost. Ich hörte Kingdoms of Cancer und wurde zu einem anderen Menschen. Das Stück zog mich aus einem Sumpf von Angst, Verzweiflung und Unwissenheit.

Kingdoms of Cancer verbiss sich in mein Herz und löschte wie ein gutartiges Virus die Furcht aus. Das Stück schenkte mir Zuversicht.

Die Wucht überwältigt

Das Lied ist ein epochales Werk. Erst hallen in der Ferne heimliche Klänge, bis dann das Schlagzeug und die Gitarre mit einer Urgewalt zum Paukenschlag einsetzen. Die Parallele zu Dylan’s Like A Rolling Stone ist unvermeidlich.

And I’m counting all these fires on the sea
And this cold and dark rain I can see
And this loving is coming down
And I see this light is here

Mit strenger Bestimmtheit schmettert Sele die Zeilen wie ein Prediger von der Kanzel auf mich nieder. Mit dieser Wucht wird man nur schwer fertig.

 

Das schwere und vielschichtige Arrangement, aus dem sich die Melodie nur mit Mühe schälen kann, löst sich erst zum Ende auf, um sich in ein überwältigendes Gitarren-Solo zu ergiessen – voller Wut und Verzweiflung.

Der Song überlebt

Der Song ist wichtig – nicht nur mir persönlich, sondern auch für die Band. Kingdoms of Cancer ist der Prototyp des frühen «Gemina-Sounds». Die Instrumente sind intensiv und Sele’s Phrasierung der repetitiven Texte voller Anmut. Die Atmosphäre verdichtet auf ein explosives Gemisch.

Im persönlichen Gespräch verriet mir Michael Sele kürzlich, dass er damals damit rechnete, dass Kingdoms of Cancer der grosse Hit vom 2006 erschienen Diary of a Lost werden würde. Stattdessen machte Suicide Landscape das Rennen. Doch er gibt Kingdoms of Cancer nicht auf.

Nächstes Jahr feiern The Beauty of Gemina ihr zehnjähriges Bestehen. Am 13. November 2015 versammeln sie auf Anthology Vol 1 ein Best-of mit je zwei Songs pro Album.

Aus Diary of a Lost wird natürlich Suicide Landscape vertreten sein. Und: Kingdoms of Cancer.