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Die Geschichte von Screaming Headless Torsos ist leider (leider!) weder eine Geschichte, die von wildem Backstage, kotzenden Groupies, Ferkeleien in Nylonstrümpfen noch von Intimfeindschaften einzelner Bandmitglieder erzählt. Aber (aber!), wer von euch hat denn schon gewusst, dass George «dabbel iu» Bush mit dem Indianermädchen Pocahontas verwandt ist? Bäh! – keiner.

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Mit der Entschlossenheit einer Rakete rief David «Fuze» Fiuczynski, renommierter Gitarrist und Musikwissenschaftler, 1989, damals, also in jenem Jahr, in dem der eiserne Vorhang gezogen wurde, das Projekt Screaming Headless Torsos ins Leben. David, geboren in New Ark, als Sohn deutscher Migranten aus New York, verbrachte den größten Teil seiner Jugend in Deutschland, genauer in Neuss. Dort fand er Gabi aus seiner Klasse, Nina Hagen aus Berlin-Friedrichshain und Kraftwerk geil. Normalerweise hörte er sich jedoch Jazzplatten an, die er, selbst bemäntelt von musikalischer Virtuosität, mit jugendlichem Elan studierte.

Miriam fand das, auf ihre ganz besondere und schrullige Art, doof.

Ich sage hier bewusst studierte, nicht (nur) weil ich das mal irgendwo gelesen habe, aber bei David, das wird dem eigenen Hörvermögen spätestens klar, betrachtet man die ganze Breite und Fülle seines musikalischen Schaffens, ist die Vorliebe für musikalischer Eklektizismus allgegenwärtig. Sein Plattenspieler muss wohl oftmals Werke von Eric Dolphy, Steve Vai, vielleicht Zappa, auf jeden Fall das Gitarrenspiel von John McLaughlin gedudelt haben (wenn nicht, auch egal). Auch Paco de Lucia hörte sich David mit seiner Freundin Miriam am Strambergersee, südlich von Köln an, wenn er ihr nicht gerade Kaugummis ins Haar strich. Miriam mochte das, auf ihre ganz besondere und schrullige Art. Das Studieren von Musik schien dem jungen Mann, der David damals noch war, wichtiger als mit Miriam weiterhin am Strambergersee zu sitzen. Also entschloss sich Dave nach Boston zu reisen, um am renommierten New England Konservatorium für Musik halt eben Musik zu studieren. Miriam fand das, auf ihre ganz besondere und schrullige Art, doof.

Miriam fand das, auf ihre ganz besondere und schrullige Art, komisch.

Obwohl die 70er schon längst vorbei, Kennedy und Martin Luther King tot und die Beatles ihre fünf Chevrolets bereits einem indischen Guru aus Jabalpur, also irgendwo zwischen der Indus-Ganges-Ebene und dem Golf von Bengalen, in die Garage gestellt hatten, beschäftigte sich David ausschließlich mit Funk und indischer Musik, arbeitete an diversen Projekten, um von der Hand in den Mund zu leben, versteht sich, und schrieb Miriam manchmal auch einen Brief. Miriam fand das, auf ihre ganz besondere und schrullige Art, komisch.

Miriam, die in einem von Davids Briefen von Faisal bin Abdulrahmans Trinkgewohnheiten vernommen hatte, fand das, auf ihre ganz besondere und schrullige Art, sündhaft.

An einem unschuldigen Dienstag Mitte Mai, irgendwann im Jahr 1992, also in dem Jahr in dem das Gesetz über die Stasi-Akten in Kraft trat, stiess David in Brooklyn in einer Kneipe unter dem Zapfenhahn auf Faisal bin Abdulrahman. Ich sage bewusst unter einem Zapfenhahn, (nicht) weil ich mir diese Geschichte etwa auszudenken vermag, aber weil sich die Gegebenheit nun mal so erzählt, dass Faisal, den alle nur Sally nannten, ab einer gewissen Stunde statt Bier aus dem Glas zu trinken, das «sich selber gleich unter den Zapfenhahn legen», bevorzugte. Miriam, die in einem von Davids Briefen von Faisal bin Abdulrahmans Trinkgewohnheiten vernommen hatte, fand das, auf ihre ganz besondere und schrullige Art, sündhaft.

Sally war zwar kein Inder aber Marokkaner und hatte gute Beziehung zu einem Reisebüro, das sich Al Royal Orient Airways nannte, und unter anderem Flüge in die Maghreb-Staaten, auch nach Marokko im Angebot hatten (man erzählt sich, Sallys Onkel Abdelaziz sei eine grosse Nummer im Schwarzmarktgeschäft für Flugtickets gewesen).

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Daniel Sadownick, Freedom Bremner, David Fiuczynski (Foto: Frank Wang)

David «Fuze» Fiuczynski überlegte nicht lange, spülte sein Bier die Gurgel hinunter, kippte zwei weitere Whiskey Soda nach, biss in ein alt riechendes, schimmliges, mit hauchdünn geschnittenen Käsescheibchen belegtes Brötchen und befand, mit der Entschlossenheit eines Fischadlers, der mit seinem scharfen Schnäbelchen nach Flussfischen wetzt, sofort in den nächsten Flieger nach Marrakesch zu steigen, um mit Berbern auf den Markplätzen zu musizieren. Miriam bekam von alledem nichts mit und konnte, auf ihre ganz besondere und schrullige Art, nichts daran finden, dies gerade deswegen, da sie von Davids Absicht, sich ins Königreich von Marokko fliegen zu lassen, ja gar nichts wusste, so.

Miriam fand das Buch, auf ihre ganz besondere und schrullige Art, romantisch.

Erst einmal in Marrakesch angekommen, reiste David «Fuze» Fiuczynski dann auch nach Fès, Oujda, Meknès, Agadir, Ifrane, Rabat und Tétouan. Dort spielte er auf den Marktplätzen von Marokko auf seiner Doppelhalsgitarre mit den Berbern, die anständige Leute waren und die ihm zwei Teppiche, heißen Tee und ein Sonntagsfährtchen durch das Atlasgebirge aufschwatzten. In Sevilla ging David und die Berber mit ihrer Musik noch an die Weltausstellung. Dort nudelten sie auf diversen Veranstaltungen, Bars und kleinen Imbisskneipen. Im selben Jahr trat Armenien der Weltbank bei und erstmals in der Geschichte der Mongolei fanden demokratische Wahlen statt. Miriam, die Schwimmlehrerin geworden war, ein eher käsiges Mädel, las viele Bücher, wenn sie nicht gerad im Schwimmbecken rumschwaderte. Eines gefiel ihr ganz besonders: 12 Geschichten von Dschingis Kahn des deutsch-finnischen Autors Jarvlö Hoppipolla. Miriam fand das Buch, auf ihre ganz besondere und schrullige Art, romantisch.

Und Doppelhalsgitarren?! – Finde ich auf eine ganz besondere und schrullige Art, pedantisch.

David «Fuze» Fiuczynski hatte zwar die Schnauze voll von Europa, vertiefte sein Wissen aber zunehmends in der Musiktheorie, Klassik (das heisst, das ganze Stockhausen-Zeugs und der Kreis um Pierre Boulez), sogenannter World Music, Mestizo, Raggae und Klezmer. Endlich (endlich!) wieder in New York angekommen, holte er seine Freunde und Bandmitglieder der Screaming Headless Torsos beim Tonstudio der Columbia Universität ab und lud sie alle zum Libanesen ein. Sie stopfen sich voll mit Hülsenfrüchte, Humus, Taboulé und Schawarmas. Einer der Bandmitglieder, hatte zu viel Fladenbrot gemampft, dass er kaum mehr richtig überlegen mochte, als ihm David ein Berber-Teppich aus Marokko andrehte.

Die sechs Freunde, die Screaming Torsos, watschelten nach dem Essen, kugelrund wie sie waren, genährt und zufrieden gesättigt, zu Davids alter Wohnung, zogen sich gegenseitig die Schuhe aus und hörten die ganze Nacht lang Musik von John Zorn. Zorn, der sein leben lang das Zeug dafür gehabt hätte, dass bei ihm fremde Chevrolets in der Garage parkiert würden, offenbarte den Jungs, ein unheimlich frivoles Jazzspiel, eine Partitur der Gottlosigkeit – improvisationsfreundlich ausgedrückt. Die Torsos, fühlten sich lustig und schworen sich gegenseitige Freundschaft und die künftige Improvisation mit Musikstilen, um mit sämtlicher Orthodoxie des Musikgeschäfts zu brechen.

Klar, das liest sich auf dem Bildschirm jetzt so schmackhaft, aber mal unter uns, was ist daraus geworden? Die Scheibe Code Red, die 2014 erschienen ist, also in jenem Jahr, in dem die elfte Handball-Europameisterschaft in Dänemark ausgetragen wurde (Sieg für die Franzosen bei einem Endstand von 41:32 gegen die quirligen Dänen) – geht einem, zwar erst nach mehrmaligen Hören aber dafür umso mehr, auf den Sack (ja, das sagt sich jetzt hier so schön schnöde dahin, wie es sich liest). Rap, Punk, Soul und R&B. Ja gut, Funk ist auch mit dabei, Metal und Hip Hop. Meistens hört sich die Scheibe aber an, als sei sie ein zwanghaft kläglicher Versuch in die Nähe von Praxis zu kommen, nervig. «Den Jungs und David fehlt nötige Müsli», flötete Miriam, als ich sie auf die neue Scheibe ansprach.

Zu gezähmt für Ween-Liebhaber, die es gerne feixend boshaft im Ohr haben, zu anständig für Zappa-Fanatiker, die nach dem Motto Anything, Anytime, Anyplace For No Reason At All ihr Gusto der Musik einkreisen. Also was machen wir mit der Scheibe? Wir werfen sie denjenigen unters Christbäumchen, die schon immer mal wissen wollten, wie es sich anhört, wenn Jar Jar Binks die Stimme zum Gesang ansetzt (Torso Track, Brooce Swayne), der Sänger Ahmed Best ist nämlich Synchronsprecher der daddeligen Figur aus der kultigen Sternen-Saga. Und Doppelhalsgitarren?! – Finde ich auf eine ganz besondere und schrullige Art, pedantisch.

Release
26. September 2014

Label
Revolver Distribution Services

Tracklist
01. Code Red
02. Brooce Swayne (feat. James Valentine)
03. Wizard of Woo (feat. Bernie Worrell)
04. Field of Light
05. With You
06. Fried Tongue
07. Sideways (Interlude) (feat. Casey Benjamin & Chris Fisher)
08. Running Black Water
09. Almond Pear in Love
10. Dead Christmas Trees
11. My Reasons for Silence