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Im kleinen aber feinen Showroom in der Winterthurer Altstadt gewährte mir Anna Baumgartner, Gründerin von «Biomazing», einen Einblick ins Sortiment des nachhaltigen Bio-Ladens. Online und durch den Showroom verkauft Anna zahlreiche Kosmetikprodukte und sogenannte Superfoods an Menschen, die Qualität suchen und erkennen, dass biologische Produkte durchaus mit den Standards mithalten können und sie oft sogar übertreffen. Bei einer Tasse Rosenblütentee wurde mein Interview zum philosophischen Diskurs.

2014-07-17_Biomazing

Foto: Katja Lindenmann

Ich mache gespannt vor der Nummer 55 an der Stadthausstrasse in Winterthur halt und zögere einen Moment, bevor ich auf die Klingel drücke, die mich zu Anna Baumgartner, der Chefin von Biomazing und somit in den Showroom des nachhaltigen Geschäfts für Kosmetikartikel und mehr im zweiten Stock bringen wird. Ich versuche in meinem Kopf das Klischee zu vertreiben, das mir ein Bild von einer Frau in Filzjäckchen und Stricksocken heraufbeschwört. Während ich auf die Klingel drücke – der Stimme nach hat sich die junge Frau eigentlich so gar nicht nach Leinenhemden angehört – überlege ich weiter und denke dabei an unser Telefongespräch letztens, da wird mir auch schon die Tür mit einem lauten Summen geöffnet. Ich trete in den etwas verlassenen Gang und gehe die Treppe hoch. Dort begrüsst mich, übers ganze Gesicht strahlend, eine hübsche, junge Frau in einem schicken, schwarzen Kleid und führt mich sofort durch einige Türen in einen lichtdurchfluteten Raum. Das Klischee in meinem Kopf ist mit dem Auftauchen von Anna verpufft.

Während ich meine Kamera und meine Tasche ablege, wird mir auch schon ein Tee angeboten; wie auf der Website versprochen. Der Showroom anstelle eines offenen Geschäfts sei eine bewusste Wertschätzung an den Kunden und die Produkte. Mit einem Termin sichert man sich nämlich auch eine individuelle Beratung; und diese ist Gold wert, so viel nehme ich meinem Bericht vorweg!

Ich entscheide mich für einen Rosentee und beginne mich dann in den zahlreichen Regalen, die im hinteren Teil des Raumes aufgestellt sind, umzusehen. Mir fällt auf, wie liebevoll der Raum eingerichtet ist. Zwischen den Produkten stehen kunstvolle Tässchen aus Porzellan, die aber nicht zum Verkauf seien, sondern an die Apotheke erinnern sollen, die früher in diesem Raum ihre Kundschaft empfing. Zwischen Tees und Kosmetikprodukten stapeln sich unter anderem Body-Lotions, Lippenbalsame, Shampoos, Schminksachen und Superfoods. Superfoods, also besonders gesunde und vielseitige Esswaren, und Kosmetik würden beide ins Sortiment gehören, weil die Kundschaft dieselbe sei, beantwortet mir Anna meine Frage. „Wer viel Wert auf qualitativ hochwertige, giftstofffreie Pflegeprodukte legt, ernährt sich meist auch gesund.“ Einer der beiden Praktikanten bringt meinen Tee und ein Glas mit einem der Superfoods, den Chia-Samen, die mir Anna zum Probieren angeboten hat. Ich setze mich gegenüber von ihr an einen Tisch direkt vor der Fensterfront mit Blick auf die Altstadt. Neben meiner grossen, dampfenden Tasse steht nun dieses kleine Glas, mit Wasser und Chia-Samen gefüllt. Langsam beginnen diese vom Boden aufzusteigen, da sie mit dem Wasserkontakt zu quellen beginnen. Genau diese Fähigkeit macht die Samen so vielseitig wirksam. Da sie im Magen viel Platz einnehmen, helfen sie vielen Leuten abzunehmen oder den Blutzuckerspiegel über einen längeren Zeitraum konstant zu halten. So viel hat mir Anna vorhin bereits erklärt und schmunzelnd angefügt, dass die Samen anfangs gar nicht bei der Kundschaft gefruchtet hätten. Das kann ich mir gut vorstellen, denn richtig lecker sehen sie nicht aus. Erst als Angelina Jolie einmal in einem Interview von ihnen gesprochen hätte, sei die Nachfrage immens geworden. So gross, dass sie oftmals gar nicht genug an Lager hätte. Dass Angelina Jolie der Auslöser dafür war, findet Anna zwar nicht unbedingt gut, denn die Samen sollen keine Anregung fürs Abmagern sein. Jedoch zeigt die Situation, dass alternative Bioprodukte, obwohl momentan im Trend, oft einfach nur zu unbekannt sind, um viele Leute zu begeistern und damit auch von grossen Namen abhängig sind.

Qualität steht an erster Stelle

Ich frage Anna nach den Grundpfeilern ihres Geschäftskonzepts und erfahre, dass es darum geht, Produkte zu finden, die giftstofffrei sind, dem Kunden alle Inhaltsstoffe offenlegen und die aussergewöhnlich sind und somit keine Alternative zu bestehenden Produkten von Grossverteilern darstellen, sondern Einzigartigkeit geniessen. Eines dieser Produkte ist ein Haarspray, den es bei Biomazing zu kaufen gibt. Dieser Haarspray wird vom Produzenten als Bio-Lebensmittel herausgegeben und ist tatsächlich auch als solches abgesegnet und deklariert, um dem Kunden somit ganz klar zu zeigen, dass die Inhaltsstoffe zu hundert Prozent giftfrei sind. Trotz dem Fokus auf Nachhaltigkeit und Fairness in der Produktion sowie biologischen Inhaltsstoffen, liegt die Priorität von Biomazing ganz klar auf der Qualität der Produkte. Anna betont deshalb: «Die Leute sollen unsere Produkte kaufen, weil sie von ihrer Qualität überzeugt sind und nicht, weil sie biologisch sind.»

Dieses Credo beeindruckt mich. Endlich mal die Message: Bio bedeutet nicht unbedingt, Abstriche machen zu müssen! Tatsächlich verkauft Anna ihren Shop und ihre Produkte nicht über das Aushängeschild „Nachhaltigkeit“. Biomazing macht keine bezahlte Werbung und brüstet sich nicht mit der Philosophie des biologischen Lebensstils. Dies macht Anna ganz bewusst so. „Was bringt dir ein Aluminiumfreier Deo, wenn er schlicht nichts bringt?“ Die Produkte, die sie verkauft, sollen nicht als biologische Alternative gekauft werden, sondern weil die Kunden das Produkt an sich so schätzen, dass sie kein anderes mehr möchten. Im Gespräch schneiden wir den momentanen „Biotrend“ und auch die Gegenbewegung, die mittlerweile entsteht, an.

Während wir so dasitzen und sprechen, fragt mich Anna oft auch direkt, wie ich persönlich denn dies und das regle, ob ich denn selbst Erfahrung mit biologischen Produkten hätte und ich fühle mich etwas überrumpelt. Normalerweise stelle ich die Fragen, doch das Interview mit Anna wurde schnell zu einem angenehmen und sehr interessanten Diskurs über Gott und die Welt. Darüber, ob der Konsument oder der Produzent die grössere Verantwortung über eine nachhaltige Produktion trägt, dass Bio nicht zum Religionsersatz werden soll und ob es verwerflich ist, die Nachhaltigkeit als Marktlücke auszunutzen.

Die Frau hinter Biomazing

2014-07-17_Biomazing

Anna ist dabei sehr ehrlich und zeigt mir ihre Weltansicht, die mich in den Bann zieht. Sie möchte niemandem vorschreiben, wie er zu leben hat, sondern versucht ihren Lebensstil nur anderen zu zeigen. Wir sind uns einig darüber, dass der Konsument heutzutage keine Chance mehr hat, einen Überblick über die vielen Produkte und deren Inhaltsstoffe oder Qualität zu behalten und Anna bestätigt meine Annahme, dass sie mit ihrem Laden auf gewisse Weise auch Verantwortung übernimmt, die sie dem Kunden dadurch abnimmt.

Die Idee für ein eigenes Geschäft war schon lange da, bereits als Anna Baumgartner noch Jus in Harvard studierte. 2011 stieg sie dann in ihre jetzige Branche ein und seit ungefähr eineinhalb Jahren gibt es die Marke Biomazing, die vor allem über den Onlineshop floriert.

Ich habe mittlerweile meinen Tee beinahe ausgetrunken und stöbere wieder durch die Produkte. Ich stelle eine Menge Fragen und kann mich bereits jetzt kaum entscheiden, was ich alles gerne nach Hause nehmen würde. Begeistert bin ich schon einmal von der Deocreme, die lediglich aus Tonerde und Kräutern besteht. Anna erzählt mir stolz: «Ich habe beispielsweise Bergsteiger und Rennvelofahrer als Kunden, die einmal im Jahr kommen und sich an die 16 Dosen dieser Deocreme als Vorrat kaufen und damit total zufrieden sind.»

Die Chia-Samen greife ich mir sofort, ich als Frühstücksmuffel bin begeistert von den kleinen Sattmachern, die zudem sehr vielseitig eingesetzt werden können. Auch ein Dose Baobab kommt mit. Das Pulver aus den Früchten des Bananenbrotbaums hat einen leckeren Zitrus-Geschmack und versorgt den Körper, neben zahlreichen anderen tollen Inhaltsstoffen, mit sechs mal mehr Vitamin C, als es eine  Zitrone könnte. Die Produktion des Pulvers ist zudem eine tolle Sache. Anna erzählt mir, dass die Bananenbrotbäume nur von Einheimischen Stämmen und einzelnen Familien bewirtschaftet werden und nicht in grossen Plantagen wachsen. Um das Pulver also produzieren zu können, muss das Wohlergehen der Leute vor Ort gesichert werden. Der Verkauf von dem Wunderpulver bewirkt also einen direkten Austausch.

Ich hake nach, wie es denn mit dem Import aussieht, da ja offenbar doch einige Produkte aus dem Ausland kommen und Anna erklärt mir, dass sie natürlich so viele Dinge wie möglich aus der Schweiz bezieht, dass aber gerade bei Kosmetikartikeln schlicht zu wenig Ware vorhanden sei. Der Import aller Verkaufsartikel sei aber CO2-neutral, das sei ihr total wichtig und dafür gebe es verschiedene Zusammenarbeiten mit Lieferanten, von denen sie diese Neutralität erkaufe. Auch bei den Verpackungen zieht sich die Nachhaltigkeit durch. All diese Informationen, die ich im Gespräch erhalte, zeigen mir, dass ein Besuch im Showroom echt empfehlenswert ist. Man kann sich alle Produkte zeigen und erklären lassen, Dinge probieren und Neues entdecken.

Preise nicht höher

Aus einem grossen Regal mit «Pukka-Tees» wähle ich  Lemongrass-Ginger und darf noch viele einzelne Tees zum Probieren mitnehmen. Anna zeigt mir dann noch einen ihrer „Best-Seller“: Dr. Sponge. Ich denke natürlich sofort an Spongebob Schwammkopf; ob der was taugt? Der Schwamm aus konjac, einer asiatischen Pflanze, die dort eigentlich zu Nudeln verarbeitet wird, unterstützt den natürlichen Säureschutzmantel der Haut und dient so als Ersatz für chemische Duschgels. Zusatzstoffe wie Bambuskohle, die fettige Haut optimal pflegt oder Aloe Vera für trockene Haut, machen den organischen Schwamm  für jeden zum Wundermittel. Zwei Exemplare nehme ich ebenfalls mit. Beides zusammen liegt unter 20 Franken und allgemein sind die Preise, wenn man sie nicht gerade mit Migros-Budget-Produkten vergleicht, nicht höher als beispielsweise bei Coop City. Nur, dass man sie mit besserem Gewissen geniesst und sicher weiss, was drin ist, oder besser gesagt, was eben nicht. Auch dies überrascht mich positiv.

Teurer könnte es nur werden, weil die grosse Auswahl an tollen Produkten, die zudem wunderschön verpackt sind, einladen, alles probieren zu wollen.

Nach zweieinhalb Stunden verlasse ich den Showroom und meine Papiertüte platzt beinahe. Anna hat mir viele Proben mitgegeben und ich freue mich schon darauf, jede einzelne davon auszuprobieren. Ganz oben in meiner Tasche liegt eine kleine Kugel, eine sogenannte „Samen-Bombe“. Die kann man, wo immer man will, hinwerfen und setzt somit wilde Blumen, die ganz ohne Pflege heranwachsen: ein tolles Geschenk!

Was bleibt

Ich verlasse Biomazing mit mehr als nur einer Tüte voller spannender Produkte. Ich trage ein Lächeln auf den Lippen und denke weiter über unser tolles Gespräch nach. Die selbsternannte „Oberbiotante“ Anna hat mich mit ihrer energiegeladenen Persönlichkeit inspiriert und das auf eine völlig zwanglose und angenehme Weise. Bio heisst nicht Abstriche zu machen, weder in Qualität noch Lebensfreude. Anna zeigt an sich selbst ganz einfach nur die Möglichkeiten der Natur auf und macht einen damit beinahe neidisch. Verzicht muss gar nicht sein, wir müssen nur wissen, wo man was kriegt; Biomazing ist dazu ein kleiner Wegweiser.

Am nächsten Morgen mache ich mir meine Chia-Samen und schlürfe Tee. Einen Kunden mehr hat Anna schon. Einige Produkte, wie der Deo, haben die grossen Marken bereits aus meinem Alltag verdrängt und ich hoffe, es werden noch viele mehr. Schmunzelnd denke ich an gestern zurück:

Wenn ich gross bin, möchte ich auch Biotante werden.