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Len Sander aus Zürich. Hinter diesem Namen steckt kein Modelabel oder ein Solo-Künstler mit Wurzeln im Ausland, sondern sechs Freunde die ihre gemeinsame Liebe zur Musik ein kleines Gesamtkunstwerk namens «Phantom Garden» gesteckt haben.

Len Sander

Len Sander (Foto: zvg)

Wer sich Len Sanders Debütalbum Phantom Garden hingibt verliert sich in den weiten Klangsphären, welche die Band aus dem Raum Zürich in völliger Eigenregie während mehreren Jahren erarbeitet und nach Vollendung den Hörern zugänglich gemacht hat. Von Space Pop ist die Rede, wenn es das Werk der sechs Musikern geht. Auf Empfehlung zu ruhiger Stunde und in vollem Gewand zu hören, nun nach Veröffentlichung des Albums auch gerne live. Wie der Entstehungsprozess hinter dem Erstling aussah und wie die Wege der Sechs aufeinander trafen erzählen Sängerin Blanka Inauen, Pianist Alessandro Hug und Gitarrist Dennis Schärer im Interview mit Negative White.

Negative White: Eure Songs sind komplex und erstrecken sich auf mehrere Ebenen, es braucht mehr als ein Anhören um alles zu erfassen. Wie habt ihr euch an die Erarbeitung einzelner Lieder gemacht, seid ihr Stück für Stück angegangen?

Alessandro Hug: Wir haben eigentlich ständig an allen Songs gearbeitet, haben uns aber schon jeweils auf zwei oder drei davon fokussiert. Aber wir haben immer wieder auf die alten Songs zurückgeschaut und uns daran erinnert, was wir damals gelernt haben und worauf wir achteten. Es kam auch vor, dass wir älteres Material noch einmal angingen weil wir dachten „Hey Moment, das können wir jetzt besser“.

Wenn lange an einem Song gearbeitet wird und man zu Sechst ist, achtet jeder auf Details und was es noch beizufügen gäbe. Seid ihr auf Dauer nie Gefahr gelaufen, einen Song zu überladen und zuviel in ein Stück hineinzupacken?

Alessandro: Diese Gefahr war sicher teilweise vorhanden. Aber durch Flavio, der viel mitproduziert hatte, kam System in das Ganze und er behielt die Übersicht. Durch seine überlegte Arbeitsweise war eine klare Struktur vorhanden und er ging auf neue Ideen ein, sagte aber auch, man solle nicht gleich einen ganzen Song in Frage stellen sondern vielmehr schauen, wo das Problem liege. Und durch einzelne Schritte kann ein Stück stufenweise verbessert werden. Durch dieses systematische Abwägen konnte bei sechs Personen viel Chaos verhindert werden und es ist klar, dass bei so vielen Personen manchmal Chaos vorhanden war. Wir haben jedes Element mit einer gewissen Skepsis angeschaut und uns gefragt, ob es so schon gut genug ist.

Dennis Schärer: Und es war für uns alle ja klar, dass wir nicht eine Band sein wollen die nur ein Album rausbringt und damit ist es erledigt. Darum sagten wir uns an gewissen Punkten auch, dass es jetzt gut ist und wir damit abschliessen können. Ideen die dir noch vorschwebten, konntest du so zu einem späteren Zeitpunkt bei einem anderen Stück vielleicht trotzdem anwenden.

Wenn eine Band gemeinsam an der Entstehung eines Albums arbeitet, ist es ein gemeinsamer Pfad den man geht. Wie habt ihr zusammen an den Liedern gearbeitet und waren teils Kompromisse nötig um gemeinsam fortzufahren?

Alessandro: Loslassen war eine wichtige Sache. Kompromisse zu finden ist das eine. Wenn jedoch jemand von einer Idee überzeugt ist, muss auch geklärt werden, wieso diese nicht passen oder funktionieren würde. Es gab Momente, bei denen ein Bandmitglied nicht verstanden hat, wieso etwas nicht noch besser sein kann. In solchen Situationen sind Erklärungen wichtig, damit auch Vertrauen und Verständnis gewahrt werden kann.

Blanka Inauen: Am Anfang war Niemand wirklich gewillt Kompromisse einzugehen. Doch etwa nach zwei bis drei Jahren, schwer zu sagen wie lange wir dran waren, sind wir alle vernünftiger geworden. Denn auf Dauer wurde klar, dass wir sonst so nie fertig würden. So lernten wir auf die anderen zu hören und gingen auf Erklärungen ein. Und zum anderen muss gesagt sein, dass wir eine gewisse Rollenaufteilung haben. Ich bin für die Lyrics und Vocals zuständig und die anderen geben mir Feedback. Dennis beschränkt sich auf die Gitarre und Alessandro, Simon und Flavio nehmen sich Beats und Arrangements vor. Trotzdem war es nicht immer ein harmonischer Prozess, zum Teil gerieten wir aneinander, aber so etwas gehört auch dazu. Aber trotz der Tatsache, dass wir insgesamt sechs Bandmitglieder sind, gab es nicht viele Streitereien. Denn schlussendlich hatten alle dieselbe Grundvorstellung, wie das Album klingen soll.

Len Sander

«Wow, echt super entspannend. Da würde ich mich am liebsten gemütlich auf der Couch erholen» (Foto: zvg)

 

Ihr habt für euer Debüt alles in Eigenregie erarbeitet und euch über den ganzen Entstehungsprozess vieles beigebracht, was es für die Produktion eines Albums benötigt. Gibt es aber auch Punkte, die ihr in Zukunft abgeben würdet und auf Aussenstehende vertrauen?

Blanka: Nein, eher im Gegenteil. Am Anfang dachte ich noch „Was? Ihr wollt alles selber machen?“. Ich hatte Bedenken, dass es Jahre dauern würde, bis wir erlernt hätten selber aufzunehmen. Doch andererseits wäre da sonst jemand gewesen, der uns reingeredet hätte und das wollten wir nicht. Und eine weitere Überlegung war, dass es in der Schweiz schwierig sein würde einen Produzenten zu finden, der unsere Art von Musik versteht. Nun sind wir froh, haben wir das Album selbst erarbeitet, auch wenn es länger gedauert hat.

Ein solch gesamthaftes Album, für das ihr euch lange Zeit gelassen habt, fordert Zusammenhalt und gemeinsames Denken. Da stellt sich die Frage, wie ihr zu Beginn als Band zusammengefunden habt und zu etwas Gemeinsamen verschmolzen seid?

Blanka: Dieser Prozess hat sehr lange gedauert. Nicht nur mit Blick auf das physische Zusammentreffen, sondern auch was das Musikalische anbelangt. Meinerseits habe ich mit meinem Bruder, der auch dazugehört, schon immer Musik gemacht. Seit der frühen Kindheit eigentlich. Irgendwann ist er dann nach Zürich gezogen. In Zürich hat er festgestellt, dass unser Cousin Flavio auch Musik macht und so haben sie begonnen zusammen herumzutüfteln. Flavio war schon damals ein Kollege von Alessandro und der hatte einen Bandraum. Dennis und Markus waren Freunde von Alessandro und Flavio. Die kommen alle aus dem gleichen Dorf. Ich habe damals in Lausanne gewohnt und eine Zeit lang auch noch in Mexiko, aber als ich dann irgendwann auch nach Zürich kam, konnten wir so richtig loslegen.

Alessandro: Das alles ist glaube ich in etwa sechs Jahre her, oder so.

Blanka: Nein, nein, das ist viel länger her. Das sind nun gut etwa zehn Jahre. Zuerst trafen wir uns nur für Jam-Sessions, ohne Ziel und vorgegebene Richtung. Leute kamen und gingen und es kristallisierte sich über die Zeit raus, wer wirklich dazugehört. Dennis beispielsweise war immer dabei, er kam und blieb sozusagen. (lachen)

Dennis: Ich war damals noch in einer anderen Formation unterwegs und habe eher klassische Gitarre gespielt. Aber in dieser Zeit ging es auch darum, was jeder von uns in Zukunft tun möchte und welche Richtung er im Leben aber auch in Sachen Musik einschlagen möchte. Aber lustig war, dass wir damals alle dieselbe Vorstellung von Musik hatten, diese jedoch völlig anders aussah als heute. So haben wir uns eigentlich zusammen in die jetzige Richtung entwickelt.

Schlussendlich habt ihr euch in Richtung Trip Hop oder – wie ihr es selbst umschreibt – Space Pop entwickelt. Bei diesem Stil ist es schwierig sich an der Schweizer Musikszene zu orientieren. Habt ihr euch für euer Album bewusst von grossen Namen beeinflussen lassen und die Musik, welche ihr persönlich hört, zum Vorbild nehmen können?

Blanka: Bei mir ist dieser Prozess eher unbewusst. Natürlich hat die Musik, welche du hörst, Einfluss auf deine eigene Musik. Was aber auch Teil vom Ganzen ist, sind die Klassiker aus der Kindheit, die grossen Popstars, deren Melodien sich in deinen Kopf eingeprägt haben und unvergessen bleiben. Ich glaube die beeinflussen mich auch, wenn ich an einer Vocal Line arbeite. Das alles passiert eher unbewusst. Bei meinem Bruder Simon ist der Effekt viel stärker. Er hört instensiv ein Album während zwei bis drei Wochen, wenn er davon begeistert ist. Und wenn er sich danach an einen Song macht, wird dies auch sofort klar. (lacht)

Dennis: Aber dadurch, dass wir zu Sechst sind und verschiedene Einflüsse auf einen Song einwirken, laufen wir nicht Gefahr, dass der Song auf einmal klingt wie von einer gewissen Band. Wenn also Simon beispielsweise zwei Wochen Trentemoller hört, merkt man dies der Songskizze an. Weil jeder Song jedoch durch unser Sechsergespann geht, entsteht daraus trotz Einflüssen von Radiohead oder Massive Attack am Ende ein Len Sander-Stück.

Wenn es nun darum geht, was die Leute zu «Wie klingt Len Sander?» sagen sollen, das eine persönliche Sache. Es ist Musik, für die sich der Hörer Zeit lassen soll. Was wäre euer Wunsch, wie eure Musik ankommen soll, abgesehen davon, dass sie mit grossen Namen vergleichbar ist?

Alessandro: Das ist eine lustige Angelegenheit. Es kam zum Teil vor, dass wir einen Song ausgearbeitet hatten und uns unsere eigenen Vorstellungen von den Reaktionen darauf machten. Da denkt man sich so «Ah geil, das wird ein Hit. Dazu werden die Leute sicher tanzen». Dann spielst du den Song jemandem vor und der sagt «Wow, echt super entspannend. Da würde ich mich am liebsten gemütlich auf der Couch erholen». (lacht) Und auch wenn dies nicht dein Plan war, ist es völlig okay. Denn jeder hat seine eigene Wahrnehmung und bei so einem Musikstil ist es unberechenbar, wie die Leute darauf reagieren werden. Wir hätten es uns einfach machen und klare Strukturen verwenden können, wo es klar ist, welche Emotionen damit ausgelöst werden. Doch wenn du nicht einem vorgegebenen Raster entsprechende Musik machst, ist es je länger desto schwerer zu kontrollieren, was die Musik beim Hörer auslöst. So wird sie zwar unberechenbar, aber durch die verschiedenen Arten sie zu interpretieren sehr persönlich.

Dennis: Für mich persönlich war immer wichtig, dass die Leute merken, dass uns die Musik an sich wichtig ist. Es war auch nicht die Absicht, die Songs so zu produzieren, dass sie jedem gefallen. Wir bringen viel Persönliches in unseren Sound und es war uns vor allem wichtig, dass wir uns darin wiederfinden. Umso schöner ist es aber natürlich, wenn es auch anderen Leuten gefällt. Was mir aber am Herzen liegt, ist den Leuten zeigen zu können, dass Len Sander eine tolle Live-Band ist. Denn auf der Bühne ist diese Art von Musik noch einmal ein ganz anderes Erlebnis.

 

Und diese Art von Live-Erlebnis will die Band in Zukunft den Leuten offenbaren. Lange genug haben sie sich im Studio, beziehungsweise Bandraum eingeschlossen. Len Sander poch darauf nun die angestaute Energie auf der Bühne umzusetzen und wir dürfen einiges erwarten von der aufblühenden Band aus Zürich. Auch weitere Musik-Videos sollen folgen und Kollaborationen mit visuellen Künstlern. Die sechsköpfige Truppe hat noch einiges im Kocher und auch an musikalischem Folgematerial mangelt es nicht.