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Sigur Rós seien schlicht keine gute Liveband, meint Gastkritiker Robin Schwarz. Eine Herleitung in vier Punkten.

eine Gastkritik von Robin Schwarz

Nennt mich meinetwegen einen absichtlichen Querdenker. Die von Musikkritik und Publikum geliebten, frenetisch gefeierten Sigur Rós sind schlicht und einfach keine gute Liveband.

Das ist eine wohl unpopuläre und gar unpässliche Meinung – schliesslich sind Sigur Rós ja eine brillante Band. Sie sind unkonventionell und zeigen sich immer wieder erfinderisch im Umgang mit ihren Instrumenten. Geigenbögen auf Gitarren oder Drumsticks auf Bässen sind Spielarten, die bei Sigur Rós zum Standardprogramm gehören.

Sigur Rós scheren sich nicht um traditionelle Songstrukturen und lassen hin und wieder Tracks auf Platte pressen, die länger als fünf Minuten sind. Sigur Rós machen keine technische, sondern emotionale Musik. Musik, die Wärme und Sehnsucht ausstrahlt, zu grossen Teilen träumerisch und lieblich klingt und kaum von Misstönen gestört ist. Sie ist das diametrale Gegenteil des Technical Death Metal.

Sigur Rós sind ganz und gar friedfertig, nicht subversiv. Dass Sigur Rós Isländer sind, hilft der romantischen Projektion dabei ungemein. Manchmal, nur ganz selten, öffnen Sigur Rós die Tür zur Dunkelheit, aber auch dann nur einen Spalt breit. Es ist dann kein nietzscheanisches In-den-Abgrund-starren, sondern höchstens ein kurzer, verstohlener Augenblick.

Bild: Angela Michel

Das macht Sigur Rós so erfolgreich. Die Formel geht auf. Sie ist interessant aber nicht zu interessant, um ungewollt anstössig zu sein. Le plaisir du texte, ein einflussreicher Essay aus der Literaturkritik von Roland Barthes, berichtet von zwei Arten des Lesens: plaisir, einer Art Wohlgefallen, mit dem sich Leserinnen und Leser ihrer eigenen Denkstruktur versichern und diese Versicherung geniessen können.

Die zweite Form der Lektüre ist die jouissance (beide Wörter lassen sich lose als Lust übersetzen), die komplette Verunsicherung, die Auflösung, das Infragestellen der eigenen Identität, alleine aufgrund der Sprache – die Leserin oder der Leser gibt sich dem Text ganz hin. So ähnlich könnte diese Lusteinteilung auch in der Musik aussehen. Sigur Rós ist plaisir, Gruppen wie die genreverwandten Godspeed You! Black Emperor oder, noch extremer, Sleepytime Gorilla Museum oder Koenjihyakkei sind jouissance.

Das soll keine feindselige Dekonstruktion der Sigur-Rós-Rezeptur sein, im Gegenteil. Sigur Rós haben wahnsinnig viel auf dem Kasten und es dürfte ihnen um einiges leichter fallen, ein Publikum zufriedenzustellen (oder, analog zur Lust am Text: befriedigen) als einer Avantgarde-Band. Kein Zufall, spielten Sigur Rós in der prunkenden Zürcher Samsung Hall. Sigur Rós zu kritisieren ist schwer, denn es gibt eigentlich nicht viel, was kritisiert werden könnte. Spielt Sigur Rós auf, ist das ein Happening, die Musikkritik überschlägt sich mit Lob. Die Rede ist dann oft von «mystischen», «magischen» und «märchenhaften» Abenden. Das Publikum klatscht stürmischen Beifall. Schliesslich reist es auch aus allen Herren Länder an.

Bild: Angela Michel

Was kann da so ein Absichtlichmotzer wie ich noch Schlechtes daran finden? Sonst ist mir ja Sigur Rós lieb und teuer. Und eigentlich bin ich ja mit grossen Hoffnungen nach Stettbach gepilgert. Die meiner Meinung nach schwache Performance am letztjährigen Zürich Openair hatte ich als klassisches Opfer eines Openairs abgetan. Aber damit habe ich mich wohl geirrt. Hier die Gründe:

1. Schwache Performance

So faszinierend und genial das Bühnenbild von Sigur Rós jeweils ist, die Band davor ist starr. Die drei Männer stehen an Ort und Stelle, Jónsi streicht zwar mit Geigenbogen und orgiastischem Gesichtsausdruck über die Gitarrensaiten. Bewegung ist aber kaum im Spiel. Die Show ist das Bühnenbild, nicht die Band. Die blieb nämlich sogar für Post-Rock-Verhältnisse (!) blass. Bei anderen Post-Rock-Shows gibt es zumindest oft ein Chaos aus diversen zum Einsatz kommenden Effektgeräten und Pedalen, das man aus der ersten Reihe bewundern kann.

2. Null Flexibilität

Genauso starr wie die Band ist auch die Liste an gespielten Songs. Setlist.fm listet für beinahe alle Konzerte dieser Tour das exakt selbe Set. Dynamik: Fehlanzeige. Eine gute Liveband rattert nicht einfach ein Programm runter, sondern fühlt den Raum.

Unvergessen bleibt das damals restlos ausverkaufte und trotzdem übervolle Konzert der Pagan-Metal-Band Equilibrium im Werk 21 in Zürich anno 2006. Die Band zuckte damals mit den Schultern und spielte den Song «Met» aufgrund des fanatisch feiernden Publikums nonchalant halt noch ein zweites Mal. Mit Erfolg. Sowas hätten Sigur Rós nie gewagt.

Und warum um Himmels Willen unterbricht eine Band, die nicht aus Tattergreisen besteht, ein Konzert für eine 15-minütige Pause und lässt den Schwung der ersten sieben Lieder wieder verfliegen? Im Publikum: Verwirrte Gesichter, die dann aber umso froher waren, dass das Konzert, das mit 65 Franken für einen Stehplatz nicht gerade günstig ist, noch nicht vorbei war.

3. Playback-Show statt Live-Auftritt

Wer die opulente Musik von Sigur Rós hört und danach unvorbereitet an ein Konzert reist, wird überrascht sein. Auf der Bühne stehen gerade einmal drei Personen. Gitarre, Bass, Schlagzeug. Hin und wieder kommt ein Piano zum Einsatz – auf Kosten eines anderen Instruments. Wie lässt sich die Musik von Sigur Rós denn mit nur drei Menschen live spielen? Zum Beispiel mit dem Streicher- und Experimentalquartett Amiina (wie auf der DVD «Heima») oder Sessionmusiker. Das scheint für Sigur Rós aber keine Option mehr zu sein.

An den Finanzen oder der Organisation kann es nicht liegen – die um einiges unbekanntere Klassik-Metal-Band Haggard steht mit manchmal mehr als 15 Musikern auf der Bühne und können das auch. Ohne Sessionmusiker braucht es also Ersatz. Deshalb benützt die Band grosszügig – und das ist eine riesige Untertreibung – sogenannte Overdubs. Darunter finden sich diverse Tonspuren von Instrumenten, Soundeffekten und sogar Gesangslinien.

Das Resultat: Ein Grossteil der Musik kommt vom Band statt von der Band, dass man meinen könnte Sigur Rós machen einfach ein bisschen Karaoke Plus. Bei all der Sigur-Rósschen Vielschichtigkeit wird es so unheimlich schwierig, überhaupt noch zu identifizieren, woher der Sound stammt oder wieviel der Musik nun wirklich live ist.

Livemusik soll doch eigentlich performt werden.Da stehen ja Menschen auf der Bühne, bei deren Musizieren man zuschauen will. Das wirkliche «Musikmachen» zeigt Sigur Rós kaum. Das ist deshalb enttäuschend, weil man doch eigentlich genau sehen will, wie diese magische Musik live auf der Bühne entsteht, nicht, wie sie einfach vom Computer abgespielt wird.

Unmöglich wäre das nicht. The Low Anthem spielte letztes Jahr ein Konzert im Zürcher Bogen F, bei dem diverse Holzinstrumente zum Nachahmen von Tieren genutzt wurden, eine Schreibmaschine Spezialeffekte produzierte, eine singende Säge zum Einsatz kam… Dort hat die Band alles dafür getan, die Energie und Kreativität aus dem Studio auf die Bühne zu transponieren.

Der Overdub-Overload hat bei Sigur Rós noch einen anderen unerwünschten Effekt. Die sonst so reiche Musik klingt plötzlich immer ähnlich. Ein Song fliesst belanglos in den nächsten über, wie ein leicht auf- und wieder zugedrehter Wasserhahn. Es ist ein Plätschern, dem diese verspielten Schnörkel fehlen, diese kleinen Geräusche und Klänge, die Sigur Rós sonst so einzigartig und vergnüglich machen. Und die Wärme, diese heimelige, strahlende Wärme, mit der Sigur Rós sonst sogar das bitterkalte Island zu schmelzen vermögen scheint? Die ist einfach weg, untergegangen in all der kühlen Elektronik.

4. Keine Publikumsinteraktion

«Publikum? Was ist das?» – Sigur Rós (wahrscheinlich). Sigur Rós musizieren für sich. Das Publikum ist – wie schon bei der Setlist – grösstenteils irrelevant. Das einzige Worte, das die Band je ans Publikum richtet, ist «takk», isländisch für «danke», in Grossformat auf den Hintergrund der Bühne projiziert. Einfach von der Bühne marschieren geht ja auch nicht. Sonstige Interaktion? Fehlanzeige. Erst ganz am Ende des Konzerts lassen sich die drei Musiker vom Publikum zweimal zurück auf die Bühne applaudieren. Allerdings nur, um sich zu verneigen und zu winken. Eine Zugabe gibt es keine.

Die persönliche Hörerfahrung mit Sigur Rós ist für jeden etwas Besonderes. Diese Musik zu entdecken, zum ersten Mal zu hören, wird meist zu einer bleibenden Erinnerung. Sigur Rós ist fähig, Musik zu schaffen, die ein gespenstisches Vertrauen und Nähe, die intime Momente schafft. Für eine Band, die ein derartiges Hörerlebnis kreieren kann, ist es umso verstörender, wie distanziert sie auf der Bühne bleibt. Aber vielleicht – das ist eine kühne These – gehört eine solche Band auch schlicht nicht auf die Bühne, genau, wie gewisse Filme zuhause, ganz alleine für sich, viel besser wirken.

Bild: Angela Michel

Zu sagen, Sigur Rós wäre eine schlechte Liveband, ist vermutlich dennoch ein unfaires Assessment. Passender wäre wohl: Diese Version von Sigur Rós ist nicht so gut, wie diese Band eigentlich sein könnte.

Dazu hat Jonsi wohl noch einen schlechten Abend erwischt: Beim letzten Song tritt er Utensilien auf der Bühne um, eine Box muss vom Bassisten wieder hergerichtet werden und der Mikrofonständer fliegt in den Fotograben, gefährlich nahe an Zuschauern vorbei, wie eine Berufskollegin berichtet. Dazu schrie Jonsi ins Publikum, etwas, was verdächtig nach «Bitches» geklungen haben soll, aber, im Zweifel für den Angeklagten, vielleicht «auch nur etwas auf Isländisch» gewesen ist.

Einen Vertrauensbonus kann ich Sigur Rós aber noch geben: Die Samsung Hall ist als Location für ein Sigur-Rós-Konzert wohl nicht besser geeignet als das Zürich Open Air. Riesig, protzig, steril. Mehr ein Konsumtempel als Ort für Musikfans. Das passt eigentlich so gar nicht zu einer Band, die so laut still sein kann. Sigur Rós müsste man von ganz nah sehen, nur einen Meter entfernt, auf gleicher Höhe, so, dass jedes Kratzen des Cellobogens von Jónsi und das kollektive Atmen des Publikums hörbar wird.