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Nach einer krankheitsbedingten Auszeit ist Kolumnist und Sänger der Berner Kultband Stiller Has, Endo Anaconda, zurück auf der Bühne. Im Zürcher Kaufleuten stellte er sein neustes Werk Walterfahren unter musikalischer Begleitung und der Moderation von Guido Kalberer, verantwortlich für das Ressort Kultur beim Tages-Anzeiger, statt.


Das Kalb machte“ dann aber doch Anaconda. Bevor es überhaupt los ging, füllte sich der von dezentem Blues berieselte Saal mit Leuten unterschiedlichster Couleur. Exponenten der grauhaarigen Zone und jüngere Exemplare haben sich durch die eisigen Böen gewagt. Endo Anaconda vereinte sie alle mit seiner Poesie.
Nach einer kurzen Anmoderation seitens Kalberer und einer klanglichen Untermalung von Schifer Schafer, der im Laufe des Abends die Bass Drum sowie das Hi-Hat, ein Banjo und die Gitarre bearbeitete, betrat der füllige Lebemann mit österreichischen Wurzeln die Bühne und begann in breitem „Bärndüütsch“ durch den Raum zu dröhnen. Anaconda, ein Mann, der sofort in den Bann zog. Seine Herkunft schlich sich nur mit dem leicht nasalen Deutschakzent beim Vortragen der Texte kurz ins Rampenlicht.
Und die Texte hatten es in sich. Basierend auf Alltäglichem, steigert sich Anaconda in wilde Fantasien. Er braust mit seinem geliebten MX5 namens Walter in den hintersten Winkel des Emmentals und spielt kurz darauf im Sandkasten mit Alt-Bundesrat Samuel Schmid mit ausrangierten Panzermodellen. Die Zeilen des bodenständigen Herren besitzen einen urchigen Charme, vermeiden aber, dümmlich daher zu kommen. Anaconda kreiert poetische Alltagstragik, beissend ironisch und humorvoll. Das die Persönlichkeit aus der Hauptstadt über einen Wortwitz verfügt, der ihm einen Ehrenplatz im Mundart-Olymp direkt neben Mani Matter beschert, und sich dem Naivem hingibt, bewies er dem Publikum auch in den zahlreichen musikalischen Zwischenspielen: „Dä Froschkönig versuuft im Pool und der Romeo isch schwul“ – Doch Endo Anaconda glaubt noch immer an Märchen.
Zwischen den einzelnen, gelesenen Passagen offenbart sich dem Publikum ein reflektierender Mann, der durch den Körper gezwungen ist, einen Gang runter zu schalten. Doch machte sich der innerliche Zwist spürbar, als Anaconda sang, er habe zu viel, er habe zu wenig, aber nie genug. Doch sinnierte er auch humorvoll über das Altern. So hätte er lieber einen Zumba-Kurs buchen als einen Goa-Rave besuchen sollen. Da hätte es ja auch anständige MILFs gehabt. Anaconda provoziert.
Vielleicht ist die Kolumne das perfekte Format für den Sängerknaben. Kurz und bündig erzählt, erschafft er dennoch ausschweifend und ausladend geschmückte Welten, die uns seltsam vertraut sind, doch vollkommen überspitzt und verzerrt sind.
In der anschliessenden Fragerunde erklärte Anaconda, der die Kolumnen mittlerweile an den Nagel gehängt hat, dass er es sich vorstellen könne, auch etwas Längeres zu schreiben. Wir sind gespannt und geniessen in der Zwischenzeit Walterfahren.