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Wenn urbane Kühle und erfrischende Naturgewalten musikalisch aufeinander treffen, ist dies schwierig in Worte zu fassen. Wie es zu klingen vermag zeigt jedoch das Duo Odd Beholder mit ihrem Debüt-Kurzalbum «Lighting».

Odd Beholder (Foto: zvg)

Odd Beholder (Foto: zvg)

2013 in einem Luftschutzbunker bei Zürich zusammengefunden, sind Odd Beholder innerhalb dieser gut drei Jahren bis zu ihrem jetzigen Debüt als Duo nicht nur künstlerisch herangewachsen, sondern vielmehr etwas Eigenes geworden. Mit Lighting, wie der sechs Songs starke Erstling heisst, haben Daniela Weinmann (Gesang, Gitarre) und James Varghese (Bass, Synthesizer) es geschafft Musik zu formen, die auch wortwörtlich ihre eigene Form hat. Statt sich mit ähnlich klingenden Bands zu vergleichen oder eine Genre-Einstufung erhaschen zu wollen, gestalten die Beiden so lieber ihre eigene Welt.

Denn was auf dem am 13. Mai veröffentlichten Kurzalbum zu finden ist, lässt sich einerseits in einen intimen Raum fassen und geht doch über unsere Grenzen hinaus. Odd Beholder wischen Wörter wie Indie oder Alternative beiseite, beschränken sich nicht auf einprägsame Texte oder Synthesizer in der Schwebe, sondern überraschen hinter jeder Ecke mit neuer Verspieltheit zwischen Stillstand und Aufbruch. Sei es nun die träumerisch umgarnende Erstauskopplung Landscape Escape, die einem einmal gehört nicht mehr loslässt, oder die mit minimalen wie prägnanten Drum-Samples angereicherte Liebes-Offenbarung Gravity: Odd Beholder finden die gekonnte Balance zwischen Musik die sich nicht fassen lässt und Klängen, die doch eine bekannte Wärme im Innern auslösen.

Negative White: Daniela, einmal in den Sog der Klangwelten von Odd Beholder eingetaucht, ist es schwer sich diesem Kosmos wieder zu entziehen. Inwiefern tauchst du jeweils in eure Musik ein, nachdem du nach Songwriting und Produktion jedes Stück schon unzählige Male gehört sowie performt hast?

Daniela Weinmann: Das, was ich am meisten an den Songs mag, ist das, was ich an ihnen nicht begreife. Ich denke nicht, dass die Musik live funktionieren wird, wenn ich nicht selbst in sie eintauchen kann. Zum Glück kapiere ich unsere eigene Musik nicht. Je mehr ich Musik mache, desto weniger begreife ich sie, aber desto mehr fällt mir auf. Musik besteht aus lauter Frequenzen, die wir nie alle unterscheiden können, die sich überlagern, verschieben, gegenseitig verformen. Musik ist Physik, und diese Physik geht beim Hören auch noch durch unsere Psyche. Hinhören. Hinhören hilft. Wenn du meinst, du hast es begriffen, hast du verloren.

Wenn du meinst, du hast es begriffen, hast du verloren.

In den kühlen wie auch einnehmenden Klängen von Stücken wie Landscape Escape oder dem siebenminütigen Konstrukt Lighting passiert vieles und doch klingt alles gesamthaft angenehm minimal – wie schafft ihr die Balance zwischen Intimität und Epos?

Schaffen wir es? Mir kommt es vor, als höre ich den Gesang gleichzeitig wie von ganz weit weg, er verschwindet fast in der Umgebung. Doch ich stehe auch direkt neben der singenden Person, man kann sie atmen hören. Vielleicht stehen diese Perspektiven für zwei Gefühlslagen, die mich beschäftigen. Das eine Gefühl ist eine Art interesselose, freundliche Vogelperspektive. Das andere Gefühl ist von brenzliger Intimität. Intimes ist riskant, man will es meistens verstecken, man will es nur in auserwählten Momenten teilen.

Ich suche Erhabenheit nicht wie Caspar David Friedrich im Abendlicht oder in der Naturszenerie. Ich stelle mir eher banale Schauplätze vor. Man steht eben nicht gerade vor dem Sonnenuntergang, wenn man zum ersten Mal einen Kuss versucht, sondern vor dem Ping-Pong-Tisch der Dorfschule. Ich versuche, mich an genau solche realen Situationen zu erinnern. Dann erzähle ich nur soviel davon, dass das blosse Gefühl übrig bleibt. Bei der Musik machen wir es wohl genauso. Einfach so wenig von allem wie nötig, und doch genug. Wie beim Salzen.

Irgendwo zwischen Raum und Zeit, zwischen Natur und Universum, zwischen Sein und Schein findet sich eure Musik. Das Ganze als Indie Pop abzutun wäre zu simpel, es Dream Pop zu nennen zu eintönig und ein eigenes Genre zu erkoren etwas gewagt. Wie umschreibst du den Sound, den ihr seit eurer Gründung 2013 zu eurem Eigenen gemacht habt?

Ich glaube wir haben noch nie ein ernsthaftes Gespräch darüber geführt, in welches Genre wir unsere Musik einordnen. Wir nennen es lapidar «Pop». Ich finde Spannungsverhältnisse interessant: Ich stelle mir vor, den Chillwave in den Bleistiftspitzer zu stecken. Oder dem Rock die Göre zu rauben. Dem Hip Hop die Eier abzuschneiden, die Ambient Music ungemütlich zu machen. Und darüber sehr freundlich zu singen.

Das Video zu eurer aktuellen Single Landscape Escape entstand in Aserbaidschan und strotzt vor dem Vorort herrschenden Leben sowie Gesichtern voller Geschichten und Emotionen. Textlich verbindest du viel Rohes, Lebensfragen und Elemente – wie persönlich sind die Bilder und Emotionen die Lieder wie dieses auslösen?

Ich kann nichts erfinden. Meine Fantasie langweilt mich. Das Radikale ist das Reale. Ich interessiere mich dafür, wie Menschen überleben, woran sie sich erfreuen, an was sie zerbrechen, wie sie sich behaupten – ich unternahm sogar einen ernsthaften Versuch, Journalistin zu werden. Insofern ist der Reportage-Stil des Videoclips sehr passend. Ich finde es interessant, dass mich viele gefragt haben, wieso wir den Videoclip in Aserbaidschan gedreht haben. Mich überraschte, dass die Leute vor allem in den Vordergrund gestellt haben, dass es ein «exotischer» Schauplatz ist.

Ich sehe Menschen, und in den Menschen sehe ich mich selbst.

Ich identifiziere mich aber mit dem Mädchen im Video, das eine Smiley-Mütze trägt. Ihr schüchternen, neugierigen Blick erinnert mich an meine eigene Pubertät. Ich identifiziere mich auch mit der älteren Frau, die in die Kamera blickt. Ihre Neugierde scheint verschwunden, die Welt strömt nicht in ihre Augen hinein, sondern aus ihnen heraus. Ich sehe mich in den tanzenden Jungs, ich würde auch so tanzen können wollen. Ich sehe Menschen, und in den Menschen sehe ich mich selbst. Man sagt, dass man Reportagen über das Andere, den Anderen schreibt. Ich glaube aber, ich schrieb meine Reportagen im Grunde über mich selbst.

Odd Beholder (Foto: zvg)

Odd Beholder (Foto: zvg)

Mit dem Release von Lighting geht die Reise von euch als Odd Beholder so richtig los, auch wenn schon zur Entstehung des Albums einiges an Ländern und Kulturen involviert war. Wie wichtig sind euch diese Freiheit wie auch Verspieltheit für kommende Prozesse und was erwartet uns Kommendes von euch?

Gibt es einen besseren Grund, Kunst bzw. Musik machen zu wollen, als die Lust an der Freiheit, am Spiel? Die Lust am Geld ist wohl kein kluger Grund. Wir sind an der zweiten EP dran. Und am zweiten Video. Diesmal geht es um Architektur. Und wir haben uns getraut zu tanzen. Zumindest ein bisschen. Wenn wir uns denn schlussendlich nicht wieder aus dem Film herausschneiden.

Odd_Beholder-lighting

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Release
13. Mai 2016

Tracklist

  1. Young Knife
  2. Landscape Escape
  3. Out of Office Reply
  4. Gravity
  5. Lighting
  6. Silence