Twilight ist vorbei und die nicht-kommerzielle Welt wartet auf böse Vampirgeschichten mit viel Blut und Feuer. Aber dieser Softkitsch scheint sich wie eine Seuche zu verbreiten: Auch Blutengel wurde getroffen. Etwas origineller und erotischer hätte ich mir die ganze Show am letzten Freitagabend auf jeden Fall vorgestellt. Musikalisch war ihr Auftritt einwandfrei, aber es fehlte einfach der gewisse blutrünstige Biss.

Tanz, Mädel, Tanz! – Chris Pohl in seinem Element (Sacha Saxer)

Tanz, Mädel, Tanz! – Chris Pohl in seinem Element (Foto: Sacha Saxer)

Die Zuschauer, welche am Freitagabend bereits zum Support erschienen, wurden Zeugen einer Blutengel-Lightversion. Seelennacht bestehend aus Marc Ziegler als Sänger, Texter und Songschreiber ergänzt mit seinem Keyboardspieler Matthias Lasowski, lieferten einen soliden ersten Auftritt in der Schweiz. Musikalisch liegt die Band sehr nahe bei Blutengel, zumal er Englisch wie auch Deutsch singt und seine tiefe Bassstimme mit elektronischen Elektroklängen vereint wird. Die Texte sind tiefgründig, aber insgesamt würde die Musik noch mehr Abwechslung vertragen.
Ziegler erschien im Anzug und hatte eine enorm starke Bühnenpräsenz. Er strahlte Konzentration und Ernsthaftigkeit aus. Etwas komisch wirkten dann aber, als er sein Jackett ausgezogen hat, die schwarzen In-Ear Monitore, welche ihm um den Hals baumelten.

Genauso unpassend wie die Kopfhörer, fand ich später dann zeitweise auch die Outfits der Tänzerinnen beim Hauptact Blutengel. Grundsätzlich hatten die drei ihren Job echt im Griff, die Bewegungen flossen, die Choreos waren meist stimmig, aber die Kleider wirkten oft lieblos. So zum Beispiel beim Lapdance auf den Leopardenstühlen, als sie mit normaler Hose und einfachen Top ihre durchtrainierten Körper präsentierten. Sexy ja, aber erotisch mit Gothic-Touch wäre für ein solches Konzert doch echt angebrachter gewesen? Die sonstigen Showeinlagen waren durchschnittlich kreativ vom Trinken aus dem Blutkelch, zwei wilden zu Tier gewordenen Mädels an der Leine, über Todesengel, Goldmariechen, einer blutverschmierten Braut bis zu den strippenden Nonnen. Blutengel bediente sich den einfachsten Klischees einer vampiralen Show. Dem Publikum gefiel dieser Softporno aber offenbar sehr gut – gemessen an der Anzahl Handys, welche ständig in die Luft gehalten wurden.

Der Meister Chris Pohl selber mit seiner Duettpartnerin Ulrike Goldmann gaben sich sinnlich bis explosiv. Stimmlich harmonierten die beiden extrem gut und man hat das Gefühl, dass sich Blutengel mit dem neuen Album Monument darum etwas weiter vorgewagt haben, als auch schon. Der minimalistische Elektro-Sound und düstere Synthieklänge sind natürlich weiter der Hauptbestandteil der Musik, aber insgesamt wirken die Songs frischer. Unterstützung erhielten die beiden zudem durch eine Cellospielerin, Voilistin und dem Schlagzeugspieler, welcher mit seinen Leuchtsticks und seinen kräftigen weitausgeholten Schlägen schon fast an einen Yamato-Spieler erinnerte. Gerade bei den von Pohl angesagten «Gothic meets Classic»-Lieder verliehen die Musiker ein gänsehauterzeugendes Gefühl und Tiefgang. Die Setliste insgesamt bot eine sehr gelungene Mischung aus alten und neuen Songs – ein Wechsel aus Gefühl und kochender Stimmung, bei der ein kleiner Teil des Publikums sogar mittanzte.
Musikalisch befinden sich Blutengel auf einem guten Level, jetzt dürfen sie wieder mehr aus ihren Bühnenshows machen und die Liebe ins Detail stecken.

Fotos: Sacha Saxer

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