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Iron Maidens Bassist Steve Harris lud zu seinem ersten Konzert mit seinem Solo Projekt British Lion in den Zürcher Komplex 457, doch nur wenige folgten seinem Ruf. Ein Rückblick auf einen durchmischten Abend.

Zico Chain wussten im Komplex 457 zu überzeugen (Sacha Saxer)

Zico Chain wussten im Komplex 457 zu überzeugen (Sacha Saxer)

 

sax. Die Vorfreude, den Bassisten von Iron Maiden vor deren Konzert im Sommer schon mal im kleinen Rahmen hören zu können, war gross. Um so grösser war sie, als ich erfuhr, dass Zico Chain den Abend einleiten würden. Ich hab mir absichtlich das Album von Steve Harris’ Nebenprojekt British Lion nicht angehört, um möglichst unbelastet an das Konzert gehen zu können und mir vor Ort ein Bild von der Leistung der Band machen zu können. Natürlich gingen die kritischen Stimmen meiner Kollegen nicht spurlos an mir vorbei, aber ich hoffte immer noch, dass die einfach übertrieben waren und mich die Musiker auf der Bühne überzeugen können werden.

Der Abend fing schon sehr ernüchternd an, als ich kurz nach Türöffnung in einen mehr oder weniger leeren Komplex 457 trat. Die Vorahnung, dass die Ticketverkäufe im Vorverkauf eher schleppend waren, wurde knallhart bestätigt. Der Saal und die übrigen Räumlichkeiten waren aufs absolut nötigste reduziert, jeder Bereich, der nicht essentiell war, war für die Besucher nicht betretbar. Keine leckeren Komplex-Burger, kein Fumoir – für die Raucher war mal wieder frieren angesagt – nur der eigentliche Saal und der Gang zu den Toiletten und der Garderobe waren zugänglich. Und für die überschaubare Menge von Besuchern blieb immer noch mehr als genügend Platz…

Mit einer knappen halben Stunde Verspätung durften dann endlich Zico Chain auf die Bühne und starteten mit New Romantic auch gleich kräftig durch. Auch wenn man durchaus merkte, dass sie über die spärliche Zuschauerzahl nicht sonderlich glücklich waren – bei ihrem Auftritt als Support für Halestorm im Abart durften sie auf einen ausverkauften Saal blicken – spielten sie dennoch mit viel Elan und Freude ihr leider viel zu kurzes Set. Die Songs waren stärker, der Gesang intensiver und klarer, als beim Hauptact und ich hätte ihnen noch viel länger zuhören können. Die Jungs machten einfach Laune und überzeugten mich nun schon zum zweiten Mal in wenigen Monaten.

Nach einer fast endlos andauernden Umbauphase – nur etwas mehr als eine halbe Stunde, aber vor allem unter den Presseleuten, die schon ahnten, was auf sie zukommen wird, war die Stimmung eher gedämpft –traten dann endlich die Britischen Löwen auf die Bühne. Die ersten Saitenstreiche waren noch schön anzuhören, doch dann begann der Gesang von Richard Taylor. Ich kann mir beim besten Willen nicht erklären, wieso Steve Harris neben solch talentierten Musikern einem solchen Sänger das Mikrofon in die Hand gedrückt hat. Das Gejaule, dass aus der Kehle von Taylor erklang, war definitiv nichts für Vegetarier und andere Tierliebhaber, denn es erinnerte abwechslungsweise an eine geschlachtete Sau, einen getretenen Hund oder eine strangulierte Katze – oftmals alles zusammen. Wirklich grauenhaft und eine Schande für die Leistung der restlichen Band. Steve Harris hat als Iron Maidens Mastermind hinter den meisten Songs einen unglaublichen Leistungsausweis – mit British Lion tut er sich keinen Gefallen. Und mit seinem Namen sollte er eigentlich keine Probleme haben, sich einen talentierten Sänger für seine Band zu suchen.

Vielleicht bin ich ein Sonderling, aber für mich versaut ein schlechter Sänger die gesamte Arbeit einer Band, während ein guter Sänger durchaus über die eine oder andere instrumentale Schwäche hinwegsingen kann.

Etwas Gutes hatte die gesangliche «Leistung» – oder die Absenz eben jener – für mich dann doch noch: Ich konnte wider Erwarten doch noch an die Tuesday Night Unplugged in der Hafenkneipe und kam grad rechtzeitig zur Pause zwischen den beiden Sets, welche die Band jeweils einmal im Monat spielen, in der gemütlichen Spelunke an. Wie üblich hatten die Gebrüder Lim – ihres Zeichens Gitarrist und Bassist der Zürcher Band Redwood – und ihre Kollegen einen neuen Geheimtipp parat: Attila Vural und Isam Shéhade trugen ihre Musik auf akustischer Gitarre und Basssaxophon vor. Wie schon oft wurde ich komplett überrascht und durfte mich an einem mir bis dato unbekannten musikalischen Talent erfreuen. Die Kombination von Blas- und Saiteninstrument funktioniert ausgesprochen gut, gerade auch weil es nicht ein Standardblasinstrument war und Attila seine Gitarre zwischendurch auch als Schlagzeugersatz verwendete. In den letzten Monaten hat mich die Tuesday Night Unplugged soweit überzeugt, dass sie für mich einen Fixpunkt im Monat darstellt, den ich nur ungern missen möchte. Grossartige Musiker mit einer unbändigen Spielfreude und dazu eine ausgelassenes Publikum und eine freundliche Barcrew, dazu regelmässig unbekannte, aber äusserst begabte lokale Künstler und ein Glas von Phil’s Bio Früchte-Eistee. Was will man mehr von einem gemütlichen Abend?

Der herrliche Auftritt von Zico Chain im Komplex 457 und der gemütliche Ausklang in der Hafenkneipe vermochten über den enttäuschenden Auftritt von Steve Harris British Lion hinwegzutrösten, aber dennoch hätte man dem Iron Maiden Bassisten mehr Erfolg mit seinem Nebenprojekt gegönnt.

 

Fotos: Sacha Saxer