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Unsere verzerrte Wahrnehmung der Musik

Liebe Leserinnen und Leser, wir haben eine verzerrte Wahrnehmung der Musik.

Wir erleben eine konstruierte Wirklichkeit, deren Wurzeln zurückreichen bis in die 60er-Jahre. Die Bilder von Bob Dylan als Held der Folk-getriebenen Bürgerrechtsbewegung oder von den Rolling Stones als Rebellen gegen das Establishment britischer Biederkeit. Auch die Urgewalt von Hendrix‘ Star Spangled Banner am legendären Woodstock ist unvergessen. Sie zementierten eine Vorstellung von Musik als Treiber der Freiheit und rückten die Musiker als «Outlaws», als Kämpfer für eine gerechte Sache ins Rampenlicht. Nichts manifestiert diese Wirklichkeit besser als der Mythos von «Sex, drugs, and Rock’n’Roll».

Doch vermutlich hat sich diese Vorstellung nie ganz mit der Realität gedeckt. Schon damals ging es nur um eines: Geld.

Eine der berüchtigsten Figuren war Allen Klein, der die Rolling Stones aufs Kreuz legte und sich ihre Urheberrechte erschlich. Noch heute werden die frühen Werke der Band von seiner Firma ABKCO vertrieben.

Geld ist Macht, und so lenkten die Manager und Plattenfirmen jahrzehntelang das Geschäft, verdienten sich goldene Nasen, während den Musikern nur goldene Schallplatten blieben. Es ging den Unternehmen so gut, dass sie fett und träge wurden. So bemerkten sie nicht, dass sich an der Westküste der USA ein Sturm zusammenbraute: Napster.

Nun wurde Musik nicht mehr gekauft, sondern kostenlos geteilt. Der digitale Schulhof war da und entriss den Alten die Macht. Nur, wohin wechselte der ganze Einfluss? An die Musiker? Nein, an die Tech-Konzerne, an Apple, Spotify und wie sie alle heissen…

Allerdings schreiben auch die Streaming-Dienste rote Zahlen. Die grossen Labels haben ihre letzten Reserven in Spotify gesteckt, wo sie nun Bit um Bit verbrannt werden. Wo wird das enden? Immerhin schafften sie es, die Künstler ein weiteres Mal zu betrügen: Die Musikerinnen und Musiker brauchen abertausende Streams um sich eine Flasche Mineralwasser kaufen zu können. Somit sind sie weiterhin der Spielball der Zwischenhändler, die dicke Margen draufschlagen und satte Gewinne einstreichen.

Währenddessen verharren wir Konsumenten in unserem naiven Weltbild. Das ist keine Überraschung: Die Musik als Teil der Unterhaltungsindustrie hat kein Interesse an Transparenz. Der schöne Schein wird im Namen unserer Bespassungssucht bewahrt.

Da müssen wir uns auch ehrlich fragen: Wollen wir denn all die schmutzigen Details hinter den Kulissen kennen Zerstört das Wissen um Systeme wie jenes des «European Talent Exchange Programme» nicht unsere romantische Vorstellung von Musik?

Natürlich tut es das. Doch wir müssen uns kümmern. Wir fordern überall sonst ebenso Transparenz, damit wir informierte Entscheidungen treffen können. Unseren Kulturkonsum betreiben wir weiter, ohne uns zu hinterfragen. Es ist unser wenig reflektiertes Verhalten, das zum Leidwesen jener beiträgt, die uns mit ihren Klängen berühren. Weil die Musik den gleichen marktwirtschaftlichen Mechanismen unterworfen ist, liegt ein Teil der Verantwortung bei uns.

Wollen wir es billig oder biologisch, Ausbeutung oder Fairtrade? Wollen wir latenten Sexismus hinter den Kulissen widerspruchslos hinnehmen? Möchten wir unseren Geschmack alleine den Algorithmen überlassen?

Das sind Fragen, die wir stellen müssen. Wenn uns etwas an der Musik liegt, müssen wir konsequent handeln und sie honorieren.

Unsere Haltung ist entscheidend.