Ein Passwort wird per E-Mail an Sie geschickt

Spätestens seit den Snowden-Enthüllungen ist die globale Überwachung ein Thema in der Öffentlichkeit. Die Überwachung ist auch in der Pop-Musik angekommen.

Die ganze Welt wird abgehört, ohne sich zu wehren. Die ganze Welt? Nein! Einige unbeugsame Musiker beginnen sich zu Wehren. Und sorgen so dafür, dass die Kritik am Überwachungsstaat nicht nur in Film und Literatur ein Thema ist, sondern auch in der Musik.

Agnes Obel steht für wunderbar sanften Pop. Und spätestens seit dem neusten Album für Pop mit grossen Themen. Nein, nicht die Liebe und das Leben. Citizen Of Glass heisst ihr Werk und – wie der Name verrät – drehen sich die meisten Songs um den gläsernen Bürger.

«Der gläserne Bürger» dient als Metapher für die «vollständig durchleuchteten» Menschen. Man sieht durch die Wände, die Haut, hindurch, mitten hinein ins tiefste und intimste. Alles aus unserem Alltag ist sichtbar.

Alles allen zeigen

Das Konzept-Album handelt vom Verlust des Privaten. In Trojan Horse versucht sie das Gefühl des Gläsernen zu beschreiben. Gegenüber dem Radio Deutschlandfunk erzählte Obel:

«Es ist ein Problem für jeden von uns. Wir werden alle dazu gedrängt, uns selbst zu offenbaren. Indem wir unsere Autobiografie online stellen und unsere eigene Geschichte erzählen. Es sind Medien entwickelt worden, die uns suggerieren, dass wir das wollen.»

2013 entstand die Idee, wie Obel der französischen Zeitung «Le Monde» verrät: «Es war während der Tour des vorherigen Albums Aventine. Es war kurz nach den Offenbarungen von Edward Snowden über die Handlung der NSA und ich las viele Artikel über die Massenüberwachung.»

Der Überwachungsstaat als Vaterfigur

Mit Watch Me veröffentlichte Anohni bereits Anfang Jahr eine Ode an den Überwachungsstaat:

Daddy
Watch me my hotel room
Watch my outline as I move from city to city
Watch me watching pornography
Watch me talking to my friends and my family

Anohni verwendet die Metapher der Helikoptereltern, die NSA als Vaterfigur. Hinter dem Pseudonym verbirgt sich Antony Hegarty, bekannt von Antony and the Johnsons. Die Transgender-Künstlerin sieht diese Entwicklung zur Überwachung kritisch. Gegenüber dem Magazin «Lenny» sagt Anohni: «Im Überwachungsstaat wird uns allen die Unschuldsvermutung abgesprochen. Das ist ein gefährlicher Ort um zu Leben».

Die amerikanische Blues-Band Natural Child widmet der NSA ebenfalls einen Song. Natural Child wählen in NSA Blues den ironischen Weg:

Don’t worry about a thing
We’ve got your number

Und die Band schildert das komplett gläserne Leben. Nicht ganz unbesorgt sagen Natural Child: «Keep on rockin’ in the free world while it’s still free.»

Der Überwachungsstaat als Stalker

Aber nicht erst in diesem Jahr entdeckte die Pop-Musik die Überwachung. Bereits 2014 veröffentlichte Holly Herndon ein Song über die Überwachung. Der Song Home erzeugt eine unangenehme Stimmung, Herdon gibt der NSA die Rolle des Stalkers: «I can feel you in my room.»

Die Künstlerin braucht ihren Laptop wie ein Instrument und hat deshalb, wie sie selber sagt, eine emotionale Beziehung zu ihrem Computer aufgebaut. In diesem Kontext ist Home ein Break-Up-Song mit ihrem Laptop, denn sie kann ihm nicht mehr trauen. Der Laptop wird höchst wahrscheinlich überwacht.

Im ersten Quartal 2016 trat Edward Snowden sogar selbst in Erscheinung. Der Whistleblower hatte auf dem Song Exit von Jean-Michel Jarre einen Gastauftritt. Der französische Elektronica-Pionier Jarre wollte einen hektischen, «obsessiven Techno-Track über Big Data und die Menschenjagd auf Snowden» schreiben, wie er dem «Guardian» erzählte.

Diese Beispiele zeigen: Die Überwachung ist eindeutig in der Pop-Musik angekommen. Nach dem Film und der Literatur behandelt nun die Musik eine der grossen Thematiken des 21. Jahrhundert. Bis jetzt haben sich Musiker überwachungskritisch geäussert. Spannend ist die Frage, ob wir bald mit bejubelnder Musik über die Überwachung rechnen dürfen.