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Ein mehr oder weniger narrativ erzählter Besuch im Klub Kinski. An einem Abend, an dem zwei Bands spielten: Cloud Nothings und Hathors.

Für diesen Bericht müsst ihr euch zwei junge, sympathische Typen vorstellen. Sie waren noch nie im Kinski. Sie liefen einfach die Langstrasse entlang, was ziemlich lange dauerte. Aber anstatt die Hausnummer 112 zu finden, landeten sie irgendwann beim «Hooters», was ja gänzlich falsch war. Also spazierten sie, an diesem ersten wirklich mediterranen Tag, an dem unzählige Leute die Strassen belebten, zurück und landeten bei einem Asiarestaurant. Gegenüber war ein Pornokino mit möglichen Perlen der Schmuddelfilmindustrie. Das mieden die beiden Protagonisten jedoch und machten sich stattdessen auf in das Asiarestaurant. Aber das tat nur so als ob. Denn das ist nämlich das Kinski, der Klub des Geschehens.
Die beiden Typen folgten der Treppe nach unten und wussten nicht, was genau sie erwarten würde. Das Kinski, oder besser gesagt der Keller des Klubs, hat auch den Charme des Asiarestaurants. Wobei Opiumhöhle wahrscheinlich treffender ist. Überall Säulen an den Wänden mit der typischen roten Farbe, asiatischen Schriftzeichen und Drachen. Drachen sind ja obligatorisch im europäischen fernen Osten. Ein sehr stimmungsvoller Ort mit ausserordentlich freundlichen Barkeepern (es waren eine Frau und ein Mann).

Das Vorkonzert begann sehr melodiös, sanft und verspielt. Eine Rauchmaschine rauchte fröhlich vor sich hin und rotes Licht sorgte für eine sehr cool-schmuddelige Stimmung. Die Band spielte anfangs sehr ruhig, fast schon sanft. Nach etwa dreissig Sekunden, waren die beiden Besucher des Publikums verwirrt. Eigentlich stand auf der Webseite der Band, dass diese Stoner Rock machen würden. Doch nun zeigte sich das wahre Gesicht, also eigentlich die wahre Musik, der Band. Was für einen Start in das Konzert, welch ein Songaufbau! Vom Sanften wechselte die Band flott zu den harten Riffs und noch härteren Schläge auf die Trommeln. Zu diesem Zeitpunkt war die Gefahr, einen Platzangstanfall zu bekommen, gering. Doch dies änderte sich später. Die Vorgruppe heisst Hathors und kommt aus der Schweiz.

Er wand sich, sprang herum, lief über die Bühne, lag auf den Boden und machte die ganze Zeit durch ein Gesicht, als wäre er von sich selbst überrascht.

Nun also, die beiden Typen standen also an der Bar und waren komplett überrascht. Mit solch einer Wucht, insbesondere von der Vorband, hatten sie nicht gerechnet. Hathors spielten ihren harten, steinigen Rock, der nur manchmal von ruhigen Teilen unterbrochen wurde. Der Bass war sehr, sehr gut abgemischt. Knackig und prägnant trifft es wohl am ehesten. Der Bassist Terry Palmer war eine Sensation. Er wand sich, sprang herum, lief über die Bühne, lag auf den Boden und machte die ganze Zeit durch ein Gesicht, als wäre er von sich selbst überrascht (Verdammt, ich spiele derb geil Bass!). So wirkte es auf die beiden Besucher des Konzertes. Auch technisch überzeugte das Bassspiel. Der Drummer Marcel Munz hämmerte ordentlich in die Becken. Der Gitarrist haute ebenso wie der Drummer auf die Gitarre ein und schrie sich die Seele aus dem Leibe. Doch auch «ruhige» Parts vermochte der Gitarist Marc Bouffé wunderbar rüberzubringen. Anfangs waren die Musiker die Einzigen, die die Musik fühlten. Doch nach und nach sprang das Publikum auf den Stoner-Rock-Zug mit auf (als dann mehr Leute eingetroffen waren). Gespielt wurden Songs vom alten sowie auch neuen Album. Das Kinski, dieser rauchige und stickige Ort harmonierte mit der Band, der Klub wirkte wie geschaffen für Hathors. Und am Ende kam es zu einem unerwarteten Höhepunkt: Der Bassist wand sich auf dem Boden, während Bouffé fröhlich ins Publikum spazierte, nur um am Ende in bester Rock’n’Roll-Manier die Gitarre auf die Bühne zu werfen. Das war mal ein Konzert, an dem die Band sowie das Publikum sichtbar Freude hatten.

Die beiden Typen waren also total überrascht. Nicht nur war der Klub so herrlich absurd, nein, auch die Vorgruppe war der Hammer gewesen. Entsprechend hoch waren die Erwartungen. Doch – wie gesagt – es war heiss im Kinski. Und das Bedürfnis des einen Typen nach einer Zigarette war sehr gross. Also ging es raus und nach zwei Zigaretten wieder rein. Cloud Nothings hatten zu diesem Zeitpunkt bereits angefangen zu spielen. Was man vielleicht erwähnen sollte: der eine Typ ist ein totaler Fanboy, der andere kannte nur ein Lied der Gruppe und wurde sozusagen mitgeschleppt. Dies gibt uns die Möglichkeit, zwei verschiedene Blickwinkel zuzeigen.

Nun gut, wo waren wir? Die Band um den Musiker Dylan Baldi, der alleine für die Musik zuständig ist, hatte bereits begonnen. Das Kinski war zu diesem Zeitpunkt sehr voll, wobei vor der Bühne wie so oft ein «Sicherheitsabstand» eingehalten wurde. Cloud Nothings spielten in erster Line Songs ihres am 1. April erschienen Albums Here and Nowhere Else. Doch ab und zu griffen sie auf alte Songs zurück (etwa Wasted Days oder Should Have). So weit so gut. Doch irgendwie war die Atmosphäre ein wenig komisch. Das waren sich der Fanboy und der andere einig.

Leider war der Gesang oft gefangen im Sumpf der Saiteninstrumente.

Ein Hauptgrund war der Sound. Die Drums waren super (nach dem Motto: das Gute zuerst). Der Rest eher weniger. Bass und Gitarre verbreiten sich, was irgendwie zu Lo-Fi dazugehört, aber nicht in dem Ausmass sein muss, insbesondere, da auf den Aufnahmen dies nicht so ist. Und dann der Gesang. Dass war wirklich schade. Der Sänger ist nicht eine Person die flüstert. Singen und manchmal schreien sind definitiv die besseren Verben. Leider war der Gesang oft gefangen im Sumpf der Saiteninstrumente. Gerade bei Musik, die zu einem grossen Teil von der charismatischen Stimme des Sängers lebt, sollte das nicht der Fall sein. Die Band spielte sehr schnell. Und durch die mangelhafte Abmischung sowie das hohe Tempo war irgendwie alles nicht so toll. Natürlich war es ein Gaudi für Fans der Band. Der andere Typ aber hatte manchmal Freude, aber des Öfteren war er weniger angetan. Interaktion mit dem Publikum gab es kaum. Insbesondere der Bassist wirkte wenig motiviert, ganz im Gegensatz zu dem von Hathors.

Cloud Nothings

Der Sound war nicht wirklich gut abgemischt. Kein Vorteil für Cloud Nothings. (Foto: zvg)

All das führte dazu, dass keine wirkliche Verbindung zwischen Band und Publikum hergestellt wurde. Manchmal war die Verbindung zum Greifen nahe, verflog aber sofortig wieder. Immerhin gab es wenige mit dem Smartphone filmende Zuschauer. Dies war sehr angenehm. Das Konzert war alles in allem nicht schlecht, aber auch nicht überragend gut. Nach etwa einer Stunde und ohne Zugabe war es Zeit für die beiden Zuhörer zu gehen. Sie erklommen die Treppen raus aus der Höhle und fanden sich wieder draussen in der warmen Langstrasse. Beide waren sich einig, dass das Konzert von Hathors total gut und überraschend gewesen war. Bei Cloud Nothings scheiden sich die Geister. Die offensichtlichen Mängel sahen beide. Jedoch war der Nicht-Fanboy kaum überzeugt. Ein zweites Mal würde er sich die Band nicht ansehen gehen. Der Fan der Band hingegen würde sofort nochmals gehen, obwohl er ein wenig enttäuscht war. Jede Band hat schlechtere Tage. Dies kann passieren. So spazierten sie die dunkle Langstrasse entlang und holten sich ein Bier.