Ein Passwort wird per E-Mail an Sie geschickt

Opfer: Post-Kilbi-Depression. Tatort: Bad Bonn. Datum: 9.6. Täter: John Dwyer und seine Rasselbande. Tatwaffe: Fuzzige Surfabilly-Gitarre, grooviger Bass und zwei hyperaktive Drumkits. Tod durch Tanz, herbeigeführt durch wilden Garage-Punk.

Die Post-Kilbi-Depression. Wenn die schönste Kilbi am Ende der Welt zu Ende geht, können mich Amsel und Drossel morgens noch so schön wach singen, der Kaffee noch so sehr mit Baileys bereichert werden – die Welt ist grau, Vergangenheit bleibt Himmel auf Erden. Melancholisch beginnt jeder Tag mit dem Rückblick an ein wundervolles Festival, fühlen tut man sich, als würde Neil Young einen durch den ganzen Tag begleiten.

Kaliforniens lauteste Garage-Punker

Gerade eine Woche nach dem kleinen aber feinen Festival stand schon das nächste Konzert im Bad Bonn an, nämlich Thee Oh Sees. Zuletzt an der Kilbi 2015 zu Gast. Das darf man sich natürlich nicht entgehen lassen. Seither hat sich bei den Kaliforniern allerdings viel getan: Drei neue Studioalben und ein Live-Album, ein Line-Up-Wechsel und die Namensänderung von Thee Oh Sees in Oh Sees sowie eine neu angekündigte Scheibe mit dem Namen Orc.

Freitagabend, auf der Veranda tummeln sich schon viele Gestrandete. Lärm steht auf dem Speiseplan. Als Apéro gibt es von der Freiburger Band Rodrigo legèren Punk mit fetzigen Gitarren, mit einer ordentlichen Portion Hall garniert und monoton serviert. Dazu einen White Russian.

Wein muss sein

Irgendetwas vor oder nach 10 Uhr. Direkt vor der Bühne wird ohne Speis aber mit Trank gewartet. Zwei Schlagzeuge stehen vor mir, schon kriege ich feuchte Augen. Links daneben beginnt das Reich des Gitarrero und Sängers John Dwyer; drei Verstärker-Boxen, zwei Heads, Räucherstäbe, Mini-Keyboard und eine Flasche Wein. Die Gitarre hält er so hoch oben, als wäre er einer der Beatles. Einfach übersät mit Tattoos. Irgendwo rechts in der Ecke versteckt sich noch der Bassist. Soundcheck beginnt, die Truppe prüft die Instrumente durch während Dwyer sein Räucherstäbchen anzündet. Nach einem grosszügigen Schluck aus seiner Flasche wird noch kurz auf den Boden gespuckt und die Party kann beginnen.

Plastic Plant

Die erste Garage-Punk-Explosion gibt es mit Plastic Plant, die hallende Gitarre beisst sich in die Trommelfelle während beide Schlagzeuge lospreschen. Zusammen mit Bass bildet die Rhythmussektion einen Groove, denn man nur als «verdammt sexy» bezeichnen kann. Seele will tanzen, der Körper gibt nach. Die Haare wehen in der Luft, der Nacken dirigiert die Richtung, eine Hand umklammert sorgsam das kühle Bier.

Tidal Wave

Direkt danach und ohne Vorwarnung folgt Tidal Wave. Ein Song so «smooth» als würde man mit dem Surfboard eine Welle aus bunten Pillen hinuntergleiten, bis die harten Wogen der Gezeiten einen vom Brett katapultieren und man in den tiefen der Surf-Psychobilly-Ozeanen ersäuft. Aber dafür glücklich.

Vom bebenden Sumpf

Nach dem dritten Song spüren sich die vordersten Reihen nicht mehr. In geziemter Punk-Attitüde wird man zum Spielball der Gezeiten. Die Meute tobt, das Bonn kocht. Schulter kracht an Schulter, umherschwingende Haare landen im Gesicht und Bier kleckst an die Kleider der Besucher. Langsam wird mein Shirt nass, sei es vom Bier oder vom Schweiss.

Der Psycho-Boogie-Woogie geht weiter. Ein Typ lässt sich von der Menschenmenge tragen und haut beinahe die Deckenbeleuchtung nieder, bis er sich selbst recht forsch am Boden der Tatsachen wiederfindet. Die Gitarre von Dwyer versetzt Leib und Seele in Bewegungsdrang, die punkige Rhythmik der Drumkits verfolgen wie Jagdhunde und die Bassläufe poltern bis tief in die Hörgänge hinein. Die Schuhe kleben vom Bier und Schweiss am Boden, das Bonn wird zum bebenden Sumpf.

Von der lauten Sauna

Jeder Track rasant und brachial, mit eingängigen Parts und Platz zur Improvisation. Der Nacken malträtiert, die leere Bierflasche gesellt sich wie zig andere direkt ans Schlagzeug. Die Schlagzeuger spielen tight und doch wild. Meine Haare schweissnass. Das Bonn eine lärmige Sauna. Dwyer, mit dem Mikrofon im Mund, brüllt zum erneuten Kriegstanz. Ich werde in die Toms des Schlagzeuger geschubst, eine Hand reisst mich zurück und ich werfe mich wieder ins Getümmel.

Dwyer spielt seine Solis als wären sie catchy Bassläufe, dazu ohne Pleck – sondern mit Zeigefinger oder Daumen. Der Kopf schwingt sich in Ekstase. Die Amps dröhnen auf Hochtouren, meinerseits surrt mein linkes Ohr. Nach einer gefühlten Ewigkeit im Nirwana ein Blick auf die Uhr, irgendwas nach 12 Uhr. Die Band hat ihr Set beendet. Zeit, die Sauna zu verlassen, den Durst zu löschen und ein trockenes Shirt zu kaufen.

Diese Songs wurden gespielt…

… aber an die genaue Reihenfolge kann ich mich abgesehen von den ersten beiden nicht erinnern und vielleicht auch an ein bis zwei Tracks. Hier das Essenzielle.

  1. Plastic Plant
  2. Tidal Wave
  3. Dead Energy
  4. Contraption / Soul Desert
  5. Toe Cutter – Thumb Buster
  6. Web
  7. Sticky Hulks
  8. The Dream
  9. Encrypted Bounce
  10. Withered Hand
  11. I Come From The Mountains

Ein bisschen Lärm muss sein

So wurde meine Post-Kilbi-Zeit doch gleich versüsst, ja gleich zu Tode gepoltert. Der Krach fürs Herz. Zwei Tage nach dem Konzert bleiben immer noch Nackenschmerzen, so muss es sein.