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The Rolling Stones – Blue & Lonesome

Nach elf Jahren veröffentlichen die Rolling Stones ein neues Album – ohne einen einzigen Song selbst zu schreiben. Weshalb «Blue & Lonesome» trotzdem gut ist.

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Zeiten ändern sich. Anfang der 60er-Jahre konnte man die konservative Mittelklasse noch schockieren: mit den Hüftschwüngen von Elvis, den Protestsongs des Folk oder einfach mit langen Haaren. Damals war der Rhythm’n’Blues für die coolen schwarzen Männer vorgesehen. Just zu dieser Zeit wagten sich ein paar naseweise Burschen aus England an genau diesen Stil: die Rolling Stones. Sie wurden von der Babyboomer-Jugend für den rebellischen Affront gefeiert.

Ja, die Zeiten ändern sich wahrlich. Heute sind die Rebellen von damals der Mittelstand von heute. Sie rebellieren noch immer – getrieben von Verlustängsten. Nach der Siegesrede von Donald Trump ertönte You Can’t Always Get What You Want… von den Stones.

Die beste Coverband

Die Rolling Stones selber sind nun alte Männer. Urgrossväter. Sie waren die Outlaws der Sixties. Zerstörten den Hippie-Traum in Altamont. Konservierten ihre Körper mit Alkohol, Gras, Koks und Heroin. Versanken in den 80ern in der Krise und erfanden sich darauf neu – und den Stadion-Rock gleich mit. Längst gehören sie zum Establishment. Seit gefühlten Jahrzehnten ist die Band auf Abschiedstournee, spielt dabei so manch junge Band an die Wand und lebt gut von ihrer Legende.

Leben gut von ihrer Legende: The Rolling Stones. Bild: zvg

Leben gut von ihrer Legende: The Rolling Stones. Bild: zvg

2012 veröffentlichten sie die mittelmässige Single Doom & Gloom. Das letzte Album A Bigger Bang erschien vor satten elf Jahren. Und heute – am 2. Dezember 2016 – spielen sie 50 Jahre nach ihrer Gründung nochmals mit dem Feuer. Denn mit dem neusten Album Blue & Lonesome laufen sie – wie jede grosse Band – zum Abschluss der Karriere Gefahr, den eigenen Mythos zu zerstören. Böse Zungen behaupten schon lange: Die Rolling Stones sind die beste Stones-Coverband da draussen.

Doch die Stones sind raffiniert. Einerseits ist es egal, was für ein Album sie auf den Markt werfen. Sie wissen: Es wird sich irrsinnig gut verkaufen. Andererseits haben sie sich die Mühe gespart, eigene Songs zu schreiben. Alle zwölf Songs sind gecovert, aufgenommen in nur drei Tagen in den British Grove Studios. Auch «God himself» Eric Clapton schaute für zwei Songs vorbei. Ein Coveralbum gehört mittlerweile zum guten Ton: Paul McCartney tat es mit Kisses On The Bottom (2012), Bob Dylan zog mit den Sinatra-Interpretation auf Shadows in the Night (2015) nach.

Freude an der Variation

Dennoch: «You can’t judge a book by the cover», sang Bo Diddly 1962, der dem von Willie Dixon geschriebenen Song zur Bekanntheit verhalf. Und ja, auch die Stones coverten ihn wenig später. Auf dem ersten, selbstbetitelten Album fand sich gerademal ein Song aus der Jagger-Richards-Schmiede. Man sollte Blue & Lonesome also zumindest eine Chance geben.

Let the good Lord shine a light on you – die Stones, diese alten, weissen Männer, haben ein lupenreines Bluesalbum aufgenommen. Das ist schon ein gutes Zeichen, versuchen sie so immerhin nicht an ihre Hymnen heranzukommen.

Sie lassen in den zwölf Songs die Riffs leiden, blasen Coolness durch die Mundharmonika und verkörpern den Landstrassen-Groove mit Unmissverständlichkeit. Natürlich bestätigt sich auch die grösste Befürchtung: alles klingt vertraut. Alles ist hundertprozentig The Rolling Stones. Das darf man positiv wie negativ bewerten. Was die Band aber demonstriert, ist etwas, das der modernen Rockmusik abhanden gekommen ist: Freude an der Variation. Wann hat man zuletzt das Piano so virtuos klimpern gehört wie in All of Your Love? Und wann gab sich eine Band letztmals so leidenschaftlich den Gitarren-Eskapaden hin wie in I Can’t Quit You Baby? Da verzeiht man ihnen gerne diesen Schon-gehört-Reflex.

Rock’n’Roll-Romantik

Vielleicht stimmt es ja doch und die Stones sind wirklich die beste Coverband. Zumindest auf Blue & Lonesome zeigen sie in dieser Hinsicht ihre Qualitäten. So schlimm ist das nicht, denn mit dem Album schicken sie den ergrauten Mittelstand auf eine Zeitreise und die Jugend hinter die Schulbank, wo sie lernen, was Spielfreude heisst.

Es ist egal, dass die Gitarren leicht röcheln, die Stimme dezent im Arrangement hallt. Man stellt sich gerne vor, wie die Rock-Dinosaurier gemeinsam im Studio sassen und an den Interpretationen experimentierten. Mick Jagger mit einer Flasche Mineralwasser und Keith Richards mit einer Fluppe im Mundwinkel.

Blue & Lonesome stellt in gewisser Weise die Rock’n’Roll-Romantik wieder her. Gerade bei den kräftigeren Nummern Just Your Fool, I Gotta Go, Ride ’Em On Down und Just Like I Treat You erwischt man sich immer wieder beim Gedanken: «Verdammt, das klingt schon geil!» – und vergisst dabei eine Träne, dass die guten Zeiten vorbei sind oder man sie nie erlebt hat.

Blue & Lonesome ist sowas wie das letzte Aufbegehren der alten Garde. Ein ehrfürchtiges Monument. Eine Rückkehr zu den Wurzeln. Es fällt schwer, sich die Songs auf den gigantomanischen Bühnen vorzustellen. Mehr als je zuvor tritt die Band in den Hintergrund einer verrauchten Kneipe im Greenwich Village, wo Ginsberg an neuen Gedichten studiert und sich Dylan mit der E-Gitarre bekannt macht.

Also gönnt man sich ein kühles Bier, legt Blue & Lonesome auf und wünscht sich insgeheim mehr solche Musik.

Blue & Lonesome

4
/5
2. Dezember 2016

Release

Rolling Stone Records

Label

Tracklist

  1. Just Your Fool
  2. Commit a Crime
  3. Blue and Lonesome
  4. All of Your Love
  5. I Gotta Go
  6. Everybody Knows About My Good Thing
  7. Ride 'Em On Down
  8. Hate to See You Go
  9. Hoo Doo Blues
  10. Little Rain
  11. Just Like I Treat You
  12. I Can't Quit You Baby