Nach vier gewöhnlichen Studioalben veröffentlicht die Schweizer Wave-Band The Beauty of Gemina nun eine Sammlung mit akustischen Adaptionen ihrer bisherigen Songs. Was langweilig klingt, überrascht durch Frische und neue Facetten.

Jede zweite Band hat bereits ein Akustikalbum. Wir kennen alle das schale Gitarrengeschrumme, wo eigentlich harte Riffs gnadenlos durch die Verstärker gehauen werden sollten. Wieso müssen The Beauty of Gemina sich das nun auch antun?

Zunächst: Weil sie es können. Nachdem in den vergangenen Jahren vier Alben vollgepackt mit hypnotischen und düster-schwingenden Klängen erschienen sind, war der Schritt zur Akustik beinahe absehbar. Bereits 2010 hatten die Musiker einige Songs bei der Release-Party von At The End Of The Sea reinterpretiert, was jedoch der breiten Öffentlichkeit weitgehend verborgen blieb. Spätestens beim letztjährig erschienen Iscariot Blues und dem Song Stairs, den die Band auf Teufel komm raus beworben hat, schien ein Akustikalbum nicht nur in greifbarer Nähe, sondern war der logische Schritt.
Das Projekt kam ins Rollen und so nahm man den Strom aus dem Sound und ging mit Diary of Dreams auf Tour. Danach kamen Mels und Winterthur in den Genuss der akustischen Version der Beauties und das Publikum konnte bereits erahnen, wie ein solches Akustikalbum daher kommen würde.

Dann liess die Band um den weisshaarigen Michael Sele die Katze aus dem Sack: The Myrrh Sessions.
Das Album ist das Abbild der Akustikshows, aber doch mehr als blosses Abklappern des eigenen Werkes. Es handelt sich um echte Reinterpretationen, wo die Songs von Grund auf neu konzipiert wurden. Dabei wagen die Musiker sich sogar an technoide, stampfende Tracks wie etwas The Lonesome Death of a Goth DJ ran. Das Ergebnis ist zweifellos fantastisch und mag durch seinen Jazz-Einschlag Grufti-Gemüter vor den Kopf zu stossen. Trotzdem bleibt die markante Stimme Seles weiterhin der dunkle, mysthische Faden, der sich durch die Geschichte des Gemina-Sounds schlängelt.
Ob es wirklich nötig war, dass Stairs erneut auf ein Album gefunden hat, ist fraglich. Der Song ist bereits im Original durch das dominante Klavierspiel sehr akustisch angehaucht. Dafür bietet Dark Rain erneut ein wahrer Ohrenschmaus und ist einer, wenn nicht gar der Höhepunkt des Albums. Schnell vorwärts preschend trabt der Song in bester Badlands-Manier und Country-affinen Elementen durch die triste Gegend. Das ist tatsächlich eine Meisterleistung.
Auch das Cover Listening Wind von den Talking Heads darf sich unbeschämt in die Reihe der unzähligen anderen Versionen dieses Songs einreihen. Und zwar in den vorderen Rängen. Der Gemina-Sound verleiht diesem Stück die Melancholie, die es eben braucht, um den Song glaubhaft interpretieren zu können. Michael Sele erklärte im Interview, weshalb das Lied auf die Platte passt.

Akustikalben sind für gewöhnlich eine sichere Sache. Ein Deal im geschützten Bereich auf Kosten der Fans. The Beauty of Gemina hat sich zum Glück bewusst gegen diese auf der Hand liegende Möglichkeit entschieden. Mit Mut zum Experiment und beinahe revolutionären Absichten hätten sie auch überwältigend scheitern können. Doch sie können erhobenen Hauptes aus ihrem Klanglabor schreiten, denn die Prüfung wurde bestanden. Selbst der neue Song Last Words bindet sich in die bestehende Umgebung ein und bietet frische Nahrung für alle «Shadow Dancers», wie die Anhänger der Band genannt werden.
Natürlich ist auch The Myrrh Sessions nur für jene wirklich spannend, die die «Rock-Alben» bereits im Gehör tragen. Es war aber auch nie die Absicht, mit der Akustik-Phase primär neue Fans zu gewinnen. Vielmehr ist es halt (wie jedes Akustikalbum) ein Geschenk an die treue Anhängerschaft. Da bleibt nur der Band selbst Anerkennung zu zollen, dass sie es sich bei diesem Geschenk wenigstens nicht leicht gemacht haben.

Release
Schweiz: 15. Februar 2013 / weltweit: 22. Februar 2013

Label
No Cut/SPV

Tracklist
01. Myrrh I
02. Narcotica
03. Rumours
04. Suicide Landscape
05. Dark Rain
06. Listening Wind
07. Golden Age
08. The Lonesome Death of a Goth DJ
09. Hunters
10. Kingdoms of Cancer
11. Myrrh II
12. Last Night Home
13. Stairs
14. Obscura
15. Last Words

Line-Up
Michael Sele (Words & Music, Vocals, Guitars, Keyboards, Programming), David Vetsch (Bass), Mac Vinzens (Drums), Marco Gassner (Gitarre)

Gastmusiker auf The Myrrh Sessions
Philip Hirsiger (Violin), Rachel M Wieser (Violin), Andrea Sutter (Cello)