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The Beauty of Gemina überraschen auch nach zehn Jahren. «Minor Sun» ist zudem der ultimative Querschnitt durch die Geschichte des «Gemina-Sounds».

Das Video-Interview mit Michael Sele zu «Minor Sun»
Will that be enough, that’s what I wonder?
Will I feel the sparks in the rain?
Will I see the coloured waves are rising?
Will I see the golden lane?

When I’m dying
When I’m dying
When love is dying
When love is dying

tbog_minorsun

Das Album beginnt mit dem Ende. End marschiert grimmig dem Tod entgegen. Die Gitarre verinnerlichet einen beinahe coolen Groove – auf Schritt und Tritt von den Drums verfolgt – und zerreisst den Vorhang, der den Blick auf Minor Sun versperrt. Die Melodie bäumt sich nur zum Refrain dezent auf und macht doch unmissverständlich klar: The Beauty of Gemina sind zurück.

Das letzte Album Ghost Prayers war ein erster Versuch der Schweizer Band, ihre hochgelobten Akustik-Adaptionen und den frühen «Gemina-Sound» – ein von Elektronik durchwirkten Dark Wave – zu kombinieren. Es gelang dem kreativen Kopf und Sänger Michael Sele bloss hin und wieder, den hohen Ansprüchen gerecht zu werden. Man wartete auf das neue Album. Die Single-Auskopplung Crossroads, ein Cover des Texaners Calvin Russell, versprach die vollständige Fusion, eine Art neuer «Gemina-Sound». Es hätte nichts besser passen können, als Sele die Zeilen sang «I’m standing at the crossroads / There are many roads to take».

The Beauty of Gemina befinden sich im zehnten Jahr ihres Bestehens am Scheideweg. Und alle erwarteten, dass sie sich mit Minor Sun für einen Weg entschieden haben. Nämlich jenen, der durch das Akustik-Album The Myrrh Sessions, Ghost Prayers und zuletzt Crossroads vorgezeichnet wurden.

Lügen strafen

Doch wir lagen falsch: Bereits End irritiert in dieser Hinsicht. Zu hart, zu unnachgiebig öffnet er die Tore zum siebten Studioalbum. Und mit Waiting In The Forest folgt ein düsterer Grundtenor, der an One Step to Heaven vom Debütalbum erinnert. Der Song schraubt sich in Abgründe – die bedrohlichen Gitarren verhallen in der Unendlichkeit. Die Einsamkeit verschlingt alles Licht. Der Protagonist wartet vergeblich im Wald:

I’m waiting in the forest
Now the wind is cold and free
I’m waiting and I’m thinking
How warm it used to be

No, no – I can’t hear you calling
No, no – I can’t hear you calling

Waiting In The Forest ist Dark Wave in Reinkultur. Die Melancholie driftet schon gefährlich in die Depression, die Synthies blitzen hier und da hinter den Bäumen vor. Es scheint, als sei man zurückversetzt in die Zeiten von Diary of a Lost und A Stranger to Tears, den beiden ersten Alben. Doch unter der unheimlichen Stimmung lassen sich die akustischen Elemente isolieren. Gekonnt kaschieren The Beauty of Gemina den akustischen Einfluss bis zur Unkenntlichkeit und strafen gleichzeitig alle Lügen, die dachten, sie hätten ihr Handwerk verlernt, mit dem sie einst gross wurden.

Mit Bitter Sweet Good-Bye schiebt die Band eine weiter Hommage an den Wave nach, doch eine weit weniger beklemmende als Waiting In The Forest. Die Halbtöne sind gewöhnungsbedürftig, machen den Song sperrig. Dafür streben die Instrumente im Refrain ungleich offen und befreit in die Höhen.

Donnergrollen und Hilferufe

Was folgt, ist etwas, das bloss als Spross von One Step to Heaven, Kings Men Come und June 2nd beschrieben werden kann. Endless Time To See ist der erste, mutige Höhepunkt von Minor Sun – eröffnet durch eines der faszinierendsten Intros, das die Band je geschaffen hat. Synthetisch surrend beginnt der Song, Sele «spricht» in die Leere:

Out of sight out of mind – back to life
You hear my voice and I won’t criticise
All is good and endless time I can see
Into my eyes you can still find the answer

Dann verkrümmt sich der Synthesizer zu einer Bridge und Vinzens’ Drums bauen den nötigen Druck auf. Der Song stampft unaufhaltsam weiter im Stechschritt, bis die Gitarre die strenge Formation sprengt und das Arrangement sich bis zur Undurchdringlichkeit verdichtet. Sele versinkt in ein herzerweichendes Leiden, seine Hilferufe kämpfen gegen die schiere instrumentale Übermacht an.

All this time all you feel is love
All this time all you feel it’s love
All this time all you feel is love
All this time all you feel it’s love

Die Situation scheint aussichtslos, bis plötzlich die Sound-Wand einstürzt. Der Bruch verschafft Sele für einen kurzen Moment Platz zum Atmen. Doch das Arrangement türmt sich schnell wieder auf, überschwemmt den Sänger kurz darauf wieder mit naturgewaltiger Unbarmherzigkeit.

An der Kreuzung

Die Band nimmt Fahrt auf: Close To The Fire klingt, als hätten die Musiker die Aufnahme vorwärts gespult. Nicht zu viel, aber der Song rast in einem für The Beauty of Gemina atemberaubenden Tempo davon. Close To The Fire erinnert an grosse Hymnen von den Editors oder den Killers. Ein Gefühl der Unaufhaltbarkeit, der Unsterblichkeit macht sich breit – umgeben von einer hoffnungsvollen Aura. Atemlos und doch lebendig.
Einzig der Fade-out bleibt als bitterer Nachgeschmack, wirkt deplatziert, wo eigentlich ein gewaltiges Schlussbouquet das Rockfeuerwerk hätte beenden sollen. Stattdessen franst der Song etwas gar lustlos aus.

Dann kommt die Kreuzung. Crossroads ist eine Coverversion, das Original stammt von Calvin Russell. Das adaptierte Crossroads ist eine sanftmütige Wave-Ballade geworden. Überzeugt zeichnet die akustische Gitarre den Weg vor, schlingernd sucht die Elektronische nach Anhaltspunkten, ob dieser vorbestimmte Weg auch tatsächlich richtig ist. Der Song erinnert an One Million Stars. Seles Stimme an die Verschleifungen in Dancer On A Frozen Lake.

Aber all diese Formalitäten und Vergleiche lenken von der einen Tatsache ab, die Crossroads zu einem Triumph werden lassen: Der erste Song des neuen «Gemina-Sounds».

Vielleicht ist es deshalb Absicht, vielleicht purer Zufall, dass Crossroads mit der Nummer 6 beinahe im Zentrum des Albums steht. So wirkt der Song im Album selbst wie eine Kreuzung. Denn mit dem folgenden Down On The Lane scheint es, als ob die Band tatsächlich einen akustischeren Weg eingeschlagen hat. Die leicht verspielte, schwer melancholische Ballade fliesst filigran durch die pathetischen Streicher-Flächen wie das erste welke Blatt auf einem kühlen Fluss. Es ist die perfekte Symbiose von traditionellem Wave und Akustik. Nach etwas mehr als zwei Minuten stürzt sich die Band mit der Bridge in einen unglaublichen Strudel, in dem alles zusammen kommt, was ihre Musik ausmacht. Down On The Lane ist nach Endless Time To See das zweite Leuchtfeuer von Minor Sun.

Michael Sele, Mac Vinzens und Andi Zuber

Michael Sele, Mac Vinzens und Andi Zuber

Chirurgische Präzision

Mit A Thousand Lakes brechen The Beauty of Gemina die Harmonie. Es ist tückisch, den Grund für die Sperrigkeit des Songs zu finden. Die querstehende Hookline ist ein Aspekt. Seles Stimme echoet fast schon losgelöst vom Drive der Instrumente. Das Arrangement taumelt und schwankt, fängt sich im letzten Moment auf, um gleich wieder auf die andere Seite zu kippen.

Mit Wonders haben The Beauty of Gemina bereits ein wieder ein überragendes Intro im Petto. Das märchenhafte Glockenspiel legt einen Rhythmus vor, der kurzerhand vom schlagartigen Einsatz der übrigen Instrumente neu ausgerichtet wird. Beinahe lieblich schwebt hier die Melodie. Die E-Gitarre hält sich erst zurück, bis sie dann kurz und scharf in den Raum fräst. Man würde denken, dass ein solcher Schnitt die Zärtlichkeit von Wonders verletzen würde. Aber nein, mit chirurgischer Präzision gleitet die besaitete Klinge in einem Kunstgriff an den Organen des Songs vorbei.

Die Band setzt dann wieder zu einem schaurigen, fast sieben minütigen Opus an. Another Death. Unheimlich schleichen sich die hallenden Gitarren aus der Finsternis an. Kreisen um die Beute wie Raubkatzen.

And the silence carries on
Forgotten who I am
All death
All death

Beinahe zerstört Another Death die Theorie, dass The Beauty of Gemina nach Crossroads einen neuen Weg eingeschlagen haben. Seziert man jedoch die einzelnen Teile des Songs, fällt auf, dass die einzelnen Instrumente für sich organisch klingen und sich nur ganz versteckt dahinter eine kleine elektronische Note versteckt. Doch in der Kombination zeichnen die Klänge eine überaus sinister anmutende Unterwelt.

Erregende Funken

Was nun folgt, ist ein ultimativer Stilbruch. Steckte Another Death noch tief im Dark Wave-Nebel fest, fegt Wednesday Radio die Schwaden mit einem Streich fort. Das grenzt schon an Indie-Rock: Die Drums treiben, die Gitarren sind kaum im Zaum zu halten. Leidenschaftlich schnell arbeitet sich Sele durch die Strophen, die ganz explizit werden:

Feel your lips at night
You’re going down on me
Break on through the treasure
Open hearts

Und der Refrain schreit «Stadion-Rock» aus vollen Lungen. Wednesday Radio versprüht erregende Funken.

Diesem explosiven Cocktail folgt sozusagen der Kater: Der Winter Song wird getragen von verträumten Gitarren-Klängen, überzogen mit samtigen Streichern. Es ist eine tiefe, im Gothic verwurzelte Traurigkeit, die dem Song anhaftet. Es ist eine trostlose Welt, welche die Musik hier heraufbeschwört. Doch die müde Nachdenklichkeit in Seles Stimme legt sich wie eine wärmende Decke um die Schultern. Und wenn der Sänger zu seinen klagenden «Eehhs» ansetzt, läuft es einem winterlich kalt den Rücken hinab.

Wie Jahrringe eines Baums

Beschlossen wird Minor Sun mit Silent Land. Die Wave-Gitarren surren durch die Nacht. Ein schleichender Dark Wave-Epos, die zwar arm an Text, dafür reich an ausufernden Klangflächen ist.

Die grosse Frage lautet nun: Ist Minor Sun besser als Ghost Prayers? Schaffen es The Beauty of Gemina nun, ihren Variantenreichtum in einem konsistenten Sound zu verarbeiten?

Was die Band mit Minor Sun geschaffen haben, ist der erste, unüberhörbare Grundstein für den neuen «Gemina-Sound». The Beauty of Gemina schaffen es mit den krachenden Rock-Hymnen Wednesday Radio und Close To The Fire zu überraschen. Gleichzeitig huldigen sie der Düsternis, aus der sie vor zehn Jahren entsprangen.

Michael Sele steht nach zehn Jahren mit seiner Band an einer Kreuzung.

Michael Sele steht nach zehn Jahren mit seiner Band an einer Kreuzung.

Der Sound des Albums fühlt sich organischer an als noch bei Ghost Prayers. Zu bemüht schien die Band damals, ihre neue akustische Facette in ihre Musik einzuflechten. Nun scheint die Metamorphose fürs erste gelungen und fühlt sich in der Nachbetrachtung überraschend natürlich an.

Minor Sun besticht jedoch vor allem durch seinen historischen Charakter. Das Album ist ein Querschnitt durch das Schaffen von The Beauty of Gemina. Wie Jahrringe lassen sich die Songs und ihre Elemente auslesen, datieren und der Entwicklung zuordnen. Gerade deshalb ist Minor Sun vielleicht ein besseres Nachschlagewerk als das Best-of Anthology Vol. 1.

Die Songs fügen sich nahtlos in den Katalog ein und sind doch frisch. Der Staub des alten «Gemina-Sounds» wurde weggefegt und aufpoliert. Trotzdem bleibt sich die Band treu. Das Album kann mit den frühen Perlen problemlos mithalten. Minor Sun ist eines der besten Werke von The Beauty of Gemina.

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