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Die akustische Reise war für The Beauty of Gemina eine Explosion. Das bekannte Klanggefüge wurde in seinen Grundfesten erschüttert. Mit «Ghost Prayers» bricht die Schweizer Band Konventionen und Genre-Grenzen auf. Eine Betrachtung.

 The-Beauty-of-Gemina_Ghost-Prayers

Es begann alles im Jahr 2012. Die Schweizer Band The Beauty of Gemina unterschrieb für das vierte Studioalbum Iscariot Blues bei Universal Music. Auf dieser Scheibe findet sich der Song Badlands, der countryesk durch die Prärie hüpfte. Das war etwas völlig Neues im Universum des «Gemina-Sounds», der bis dahin aus dicht verwobenen Synthie-Flächen und Wave-Gitarren bestand.
Ein Jahr später folgte das hochgelobte Akustikalbum The Myrrh Sessions. Erst jetzt wurde vielen so richtig bewusst, wie ausgezeichnet diese Musiker ihre Instrumente beherrschten. Die neu arrangierten Songs hatten nichts mehr mit der Dunkelheit der Gotik zu tun.
Das eigentliche Meisterwerk auf The Myrrh Sessions haben The Beauty of Gemina auf Ghost Prayers erneut vollbracht: Sie transportierten die Essenz des Gemina-Sounds in eine neue Klanglandschaft. Und diese Essenz heisst Intensität.

Erinnerung an das schaurig Schöne

Das akustische Experiment war eine Explosion, die das Gefüge der Band in seinen Grundfesten erschütterte, einstürzen liess, um Platz für eine neue Ära zu schaffen. Der Opener One Million Stars ist die exemplarische Fusion von Akustik und dem Wave-Sound von Iscariot Blues. Michael Sele und seine Mitmusiker nehmen von Beginn weg Fahrt auf. Ihre Absichten sind klar: Auf zum Horizont! Wahre Grösse beweisen sie in der letzten Sequenz mit melancholischen Klavierklängen ganz ohne ihr hohes Tempo zu drosseln.
All Those Days ist ein Song, der auf einem früheren Album sein könnte. Ein postpunkiges Schlagzeug, elektronische Finessen im Hintergrund und die repetitiven Zeilen aus der mystischen Stimme Michael Sele’s. Dass The Beauty of Gemina das schaurig Schöne nicht vergessen haben, beweisen sie sogleich mit Hundred Lies. Sanft segeln sie in einen dunklen Abgrund. Schleichend mäandrieren sie in den düsteren Gefilden. Schleppend, verzweifelt und sich windend ist Hundred Lies ein Song, der sich in eine Reihe mit Into Black (A Stranger To Tears, 2008) stellt.

Schöne neue Welt

Dann kommt ein unglaublicher Befreiungschlag. Wie ein Sprung ins eisige Wasser an einem verschlafenen Morgen. Dancer On a Frozen Lake steigt mit einer packenden Bass-Line ein. Dann folgt Sele murmelnd, raunend, geheimnisvoll. Langsam baut sich die Gitarre im Hintergrund auf. Der Song blüht auf wie eine Blume in den ersten warmen Frühlingssonnenstrahlen. Das Eis bricht. Willkommen in der schönen neuen Welt von The Beauty of Gemina.
Die Harmonie wird abrupt zersägt, wenn sich die scharfen Gitarren von Run Run Run durch den Raum fräsen. Atemlos peischt die Band hier durch die Taktwechsel. Ein sperriger Track, der bewusst mit allen Konventionen des Rocks bricht. Es ist wohl der schwierigste Song auf Ghost Prayers. Trotzdem besticht gerade hier das Songwriting:

«And the fire in my heart is like these burning bridges
To an unreal land where good things grow»

 

Durch die Badlands mitten ins Herz

Szenewechsel. Wir sind wieder in den Badlands, doch diesmal Down By The Horses. Was für ein Song, was für Lyrics. Ein leidenschaftliches Liebeslied irgendwo zwischen Dylan, Springsteen und Cash.

«Come down, down, down to the riverside and let’s be one tonight»

Kleine Spielereien der Gitarre verwandeln den Song in eine funkelnde Schatztruhe voller Edelsteine, aus denen das Talent der Musiker leuchtet. Plötzlich fragt man sich: Ist das noch die gleiche Band, die mit Suicide Landscape die Gothic-Szene eroberte?

Mit When We Know haben The Beauty of Gemina ein unglaubliches Stück Musik erschaffen. Es ist schwierig, den Song überhaupt in Worte zu fassen. Es ist doch bloss eine Stimme, eine Gitarre und ein Cello. Während Hundred Lies die Melancholie zelebriert, zerreist einem When We Know gnadenlos das Herz. Der Song lässt dir keine Chance, Tränen schiessen in die Augen, die Stimme versagt und der kalte Schauer lässt dich nicht mehr los.

«If we know the name of our fear we’re not in danger
If we will not change the way we go»

The Beauty of Gemina - Ghost Prayers - Promo 2

Mac Vinzens, Michael Sele, Marco Gassner und Dave Meier (Foto: zvg)

Nach dem Höhepunkt

Down By The Horses und When We Know sind das Herz des Albums und gleichzeitig die Höhepunkte. Deshalb haben es alle folgenden Songs verdammt schwer. Wenn Isle of Desire und Kingdoms of Cancer (beide Diary of a Lost, 2006) gemeinsam tanzen, entsteht Dragon. Speziell ist hier, dass nicht mehr die Instrumente alleine für die Melodie verantwortlich sind. Hauptsächlich erzeugt die Stimme das Auf und Ab des Songs.
I Wish You Could Die ist eine Hommage an den ursprünglichen Gothic Rock und Dark Wave. Manchmal erinnern die schlingernden Gitarren an The Cure. Dem Song fehlt aber der entscheidende Funke.

Das Bühnenfeuerwerk kommt noch

Der neblige Vorhang, den die Tränen von When We Know zurückgelassen haben, ist verdunstet. Nun sehen wir wieder klar. Zeit für das Feuerwerk. Nochmals geben The Beauty of Gemina richtig Gas. Der sirrende Gitarren-Bogen gibt Time For Heartache ein explosives Live-Potential. Da bleibt kein Tanzbein ruhig stehen.
Mariannah wurde bereits als Single bekannt. Doch im Vergleich zur Konkurrenz auf dem Album hat Mariannah einen schweren Stand. Einzig das Akkordeon lässt das Lied abheben. Der aufmüpfige Song mündet im abschliessenden Epos Darkness. Unmissverständlich machen The Beauty of Gemina nochmals klar, dass sie ihre Wurzeln nicht vergessen haben. Fast zwölf Minuten beweist die Band ihr Können in einer ausufernden und krachenden Komposition. Flehend und ziehend stürzt alles in sich zusammen. Ein gewaltiges Schlussbouquet.

Mit Ghost Prayers entwickelt sich The Beauty of Gemina mit einem riesigen Schritt über Genre-Grenzen hinaus. Das Album lässt sich nicht länger schubladisieren. Anhänger der Schwarzen Szene finden daran genauso gefallen wie Fans von komplexer Rockmusik. Gekonnt balancieren The Beauty of Gemina auf der Gratwanderung zwischen leichtfüssigem Optimismus und schwermütiger Sehnsucht. Ghost Prayers ist so vielfältig wie noch kein Gemina-Album davor.

Release
21. Februar 2014

Label
NoCut

Tracklist
01. One Million Stars
02. All Those Days
03. Hundred Lies
04. Dancer On a Frozen Lake
05. Run Run Run
06. Down By The Horses
07. When We Know
08. Dragon
09. I Wish You Could Die
10. Time For Heartache
11. Mariannah
12. Darkness

Line-Up
Michael Sele: Vocals, Guitars, Piano, Organ, Balalaika, Akkordeon, Programming
Mac Vinzens: Drums
Marco Gassner: Guitars
Philipp Küng: Bass
Felix Gerlach: Cello (Track 7)
Lisa Morgenstern: Backing Vocals (Track 1)

Plattentaufe
15. März 2014, X-Tra Zürich