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Guthrie Govan, Bryan Beller, und Marco Minnemann sind The Aristocrats. Die US-Prog-Rocker gelten als klassische Soupergroup. Nun steht eine Europa-Tour an, bestehend aus etwa einem Dutzend Konzerten, die einzigen dieses Jahr. Bassist Bryan Beller erzählt, wie die Zusammenarbeit des Trios funktioniert.

Als Supergroup The Aristocrats kommt ihr nicht gerade oft zum Touren. Weshalb jetzt gerade eine Europa-Tournee?

Bryan Beller: Wir waren schon lange nicht mehr in Europa, hatten dieses Fenster von einem Monat und schauten mal, was klappen würde. Eine reine Europatour war an sich nicht beabsichtigt, hat sich beim Booking aber dann so ergeben. Für uns ist das gut so.

Weshalb?

Weil Europa sehr vielschichtig ist. Ein Publikum in Madrid ist etwa komplett anders als jenes in Zürich.

Was heisst das?

Die Menschen geniessen unsere Songs einfach auf unterschiedliche Art, je nach Herkunft. Mal mit mehr Intuition, mal mit mehr Intellekt. Richtig erklärbar ist das nicht. Aber die Erfahrung über die vielen Jahre bestätigt das immer wieder.

Haben diese Unterschiede einen Einfluss darauf, wie Ihr eure Songs performt?

Durchaus. Wir spielen unsere Songs auf sehr intuitive, organische Weise. Das Publikum kreiert eine Energie, die unseren Zugang zur Musik beeinflusst. Aber das hat alles seine Grenzen. Jeder Song hat vorgesehene Momente der Improvisation. Aber bloss, weil einer von uns Lust hat, 45 Minuten auf einem Akkord herum zu improvisieren, heisst das noch lange nicht, dass wir das auch tun. Wir haben eine Art ungeschriebenen Kodex in der Band, dass unsere Intuition ein gewisses Mass nicht überschreiten darf und dem Sinn des Songs immer untergeordnet bleiben muss.

Wie oft steht ihr pro Jahr eigentlich zusammen auf der Bühne?

Das kommt sehr aufs Jahr an. 2013 und 2016 spielten wir praktisch jede Show gemeinsam. Dann gehen wir wieder getrennte Wege. Für uns ist diese Diversität lebenswichtig.

Weshalb?

Wir haben uns für einen Job entschieden, bei dem wir nicht morgens ins Büro und abends nach Hause gehen. Das taten wir, weil wir uns Abwechslung im Leben wünschten. Deshalb ist uns extrem wichtig, dass jeder sein Ding machen kann, wenn er es will.

Bedeuten diese langen Pausen jeweils einen Neubeginnn oder könnt ihr einfach weitermachen, wo ihr stehen geblieben seid?

Die Antwort ist Ja.

Also beides?

Im Grunde schon. Eine Pause ist immer gut und bedeutet keineswegs, dass man alles wegwirft, was man aufgebaut hat. Wir haben als The Aristocrats eine musikalische Tradition für uns selbst erschaffen. Darauf können wir immer wieder aufbauen, wenn wir wieder zusammenkommen. Zeitgleich ist die Wiedervereinigung nach einer langen Pause immer wie ein Neubeginn.

 

«Wir haben alle dieselbe musikalische Herkunft, Zappa, Queen, Led Zeppelin, Fusion-Sachen.»

— Bryan Beller, Bassist von The Aristocrats

Inwiefern ist es dann ein Neubeginn?

Weil in der Zwischenzeit jeder neue musikalische Wege gegangen ist und neue Inspiration in unser Trio bringt. Vor The Aristocrats waren wir alle schon Solo-Künstler. Die Band basiert auf diesem Kontext und funktioniert nur, wenn jeder weiterhin Solokünstler bleiben kann. Ich arbeite selber gerade an einem Solo-Doppelalbum, weil ich Songs mit ganz vielen Schichten im Kopf hatte, die man im Trio nicht spielen kann. Seit bald anderthalb Jahren dreht sich bei mir alles um diese Songs. Da ist es eine wunderbare Abwechslung, wieder mal einfach klein im Trio zu spielen.

Bryan Beller (Mitte). Bild: zvg

Ist es nicht auch eine Schwierigkeit, wenn sich drei Solo-Künstler plötzlich einander unterordnen sollen?

Erstaunlicherweise hatten wir nie auch nur ansatzweise ein Problem damit. Wir haben alle dieselbe musikalische Herkunft, Zappa, Queen, Led Zeppelin, Fusion-Sachen. Wir müssen nicht über unsere musikalische Ausrichtung sprechen. Alles passiert automatisch.

Allerdings schreibt bei Euch jeder einfach seine Songs. Co-Writing gibt’s nicht.

Nein. Aber du könntest nicht sagen, welcher Song vom wem ist, wenn du es nicht nachliest. Oder?

Stimmt schon. Aber habt ihr nie darüber nachgedacht, mal etwas zusammen zu komponieren?

Nein. Wir haben eine Formel gefunden, die funktioniert. Jeder komponiert für sich, bringt seine Songs in die Band – pro Album je drei Songs. Dann arbeiten wir an den Kompositionen. Wir haben auf diese Weise drei Alben aufgenommen und sind glücklich damit. Der Sound leidet in keiner Weise darunter. Weshalb sollten wir daran etwas ändern?

Vor der offiziellen Band-Gründung gab es einen gemeinsamen Gig mit einer einzigen Probe im Vorfeld. Habt ihr an Eurer Probenkadenz etwas geändert?

Kommt drauf an. Weshalb sollen wir eine Woche lang proben, wenn wir unsere Songs beherrschen? Aber wir sind diesbezüglich nicht arrogant. Auch wir üben unsere Musik ein.

Wie denn?

Neues Material etwa studieren wir jeweils drei Tage lang ein, dann gibt’s vier Konzerte hintereinander. Wir haben eine spezielle Location dafür. Wir bitten die Zuschauer auch inständig, nichts von den Konzerten auf Youtube zu posten. Wenn wir die Songs auf diese Weise einstudiert und am Publikum getestet haben, gehen wir ins Studio. Danach sind diese Songs für uns bekanntes Material und wir benötigen nicht mehr viel Probeaufwand.

Entwickeln sich alte Songs live zu ganz neuen, die ihr wieder aufnehmen könntet?

Songs entwickeln sich so auf jeden Fall. Manchmal haben wir auch ganz neue Ideen, wenn wir einen länger nicht gespielt haben. Aber ein Song ist ein Song. Er wird aufgenommen und das ist seine Geburt. Danach kann er grösser und breiter werden, aber deswegen muss man ihn nicht nochmals auf die Welt bringen.

Gibt’s in Zürich neues Material von The Aristocrats?

Nein, wir spielen von unserem Back-Katalog. Das genaue Set steht noch nicht definitiv. Während der ersten Shows spielt sich das auch noch etwas ein. Aber Zürich liegt etwa in der Mitte der Tour. Bis dahin dürften wir wissen, was wir machen.

The Aristocrats, 14. September, Kaufleuten Zürich