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Nur einen Tag nach den tragischen Anschlägen in Paris kam wohl jeder Besucher mit einem etwas mulmigen Gefühl zum Anti-Flag-Konzert im Winterthurer Gaswerk. Die politisch motivierte Band erschuf sich und ihren Fans einen Abend, in dem Angst und Terror keinen Platz haben.

Man merkt, dass ein Konzert einem kleinen Festival schon nahe kommt, wenn die exakte Running-Order einerseits bereits via Facebook kommuniziert wird und andererseits einem überall im Club ein Aushang desser entgegen strahlt. So kann dann hinterher wenigstens niemand behaupten, er hätte seine Lieblingsband des Abends durch Nichtwissen verpasst.

Den Konzertabend eröffnete Derek Zanetti, oder mit Künstlernamen The Homeless Gospel Choir genannt. Allein mit seiner Gitarre und seiner leicht schrägen Stimme bestreitet er das Vorprogramm durchwegs sympathisch. Und damit der «Chor» nicht nur in seinem Alias zum Ausdruck kam, gab er sich grosse Mühe, die schon früh erschienenen Zuschauer zum Mitsingen einiger seiner Zeilen zu bewegen.

Nur wenige Minuten später wurde es dann wesentlich lauter im Saal. Die fünf Jungs von Trophy Eyes enterten die Bühne und gaben direkt Vollgas. Während sich die Band wahrlich die Seele aus dem Leib schrie und spielte, zog das Publikum grösstenteils nicht mit. Mich selber konnte die Band auch nicht aus den Latschen hauen, zu konform mit irgend welchen durchschnittlichen Bands aus dem Hardcore-Sektor. Vielleicht finden sich die Australier ja noch, sie scheinen auf jeden Fall noch jung und hungrig zu sein.

Als dritte Vorband bzw. mit einem rund 50-minütigen Auftritt quasi schon als Co-Headliner fungierend, standen Red City Radio als nächstes auf dem Plan. Die Halle war bereits gut gefüllt, wie auch einige Zuschauer, die schon ein paar heben waren, was sich wiederum schlagartig auf die Stimmung auswirkte. Vor der Bühne wurde fröhlich drauf los gerempelt und vielen Zuhörern schienen RCR kein neuer Begriff zu sein, und so sangen sie artig mit. Nun, vielleicht war dies vor allem deshalb gut zu hören, weil die Stimme von Sänger Garret Dale in der Abmischung unter den Instrumenten etwas verloren ging, was besonders bei einer solch markanten Stimme extrem schade ist.

Dass Anti-Flags Chris #2 für einen Song als Gastsänger auftrat, war zwar eine nette Geste, hätte man sich streng genommen aber sparen können, da man auch ihn kaum hörte. Wie dem auch sei: RCR ist dennoch eine Band, die ich nun auf jeden Fall auf dem Schirm habe und hoffe baldigst wieder sehen zu können. Dann aber gerne als Hauptband und besser abgemischt.

Gegen Gewalt, Rassismus und Homophobie

Die Uhr zeigte schon fast halb elf, es wurde langsam aber sicher Zeit für Anti-Flag. Das von altbekannten und aktuellen Songs gut durchmischte Set mit Turncoat eröffnend, hatten Anti-Flag das Publikum innert Sekunden auf ihrer Seite. Die vier Schlagworte des Refrains wurden lauthals mit gebrüllt, die Faust dazu symbolisch in die Luft gereckt. Ein Bild das sich zwischen Pogo-Tanz und Circle-Pit mehrfach über den Abend wiederholte.

Zwischen den Liedern natürlich viele Äusserungen der Band gegen Gewalt, Rassismus und Homophobie, für eine gleichgestellte freie Welt, voller brüderlicher Liebe und Respekt gegenüber anderen. Parolen, die sie direkt in die Tat umsetzen liessen, indem jeder im Publikum aufgefordert wurde, seinem Konzert-Nachbarn die Hand zu schütteln, Arm in Arm zu tanzen und – selbstverständlich – im Moshpit aufeinander Rücksicht zu nehmen und beim Wiederaufstehen zu helfen. Und wenn dies einmal nicht gleich auf Anhieb klappte, hatten Anti-Flag auch kein Problem damit, einen Song zu unterbrechen, bis sichergestellt wurde, dass alles und jeder in Ordnung war.

Ein äusserst kollegialer Konzertabend bei dem man wirklich auch der Band anmerkte, dass ihr viel daran lag mit dem Publikum eine gute Zeit zu haben, während Hass und Furcht Gefühle sind, die nicht an ein Konzert gehören. Wir sind eins.