Die Arbeit der Betreuerinnen und Betreuer in den Durchgangszentren kann sehr belastend sein. Nicht wenige Asylsuchende leiden unter psychischen Problemen – manche davon versuchen sogar, sich das Leben zu nehmen.

von Saare Yosief, «bärner studizytig»

Michael* fing während seines Studiums bei einem Asylzentrum in der Nachtschicht als Betreuer an. Nach einigen Jahren wechselte er ins Tagesteam und übernahm mehr Verantwortung. Er kennt mittlerweile die gängigen Fragen zu seinem Beruf: «Viele Leute interessiert häufig nur: Gibt es Gewalt? Habt ihr oft Schlägereien? Welche Nationalität macht am meisten Probleme?» Dabei wird vergessen, dass seine Arbeit mit viel Aufwand und schwierigen Situationen verbunden ist.

Sein Aufgabengebiet umfasst nicht nur die Betreuung der Menschen im Asylzentrum, sondern ebenfalls die gesamte Administration: «Wir machen für hundert Leute die Termine wie Arztbesuche ab, wickeln ihre Post ab, nehmen Kontakt mit dem Migrationsamt auf, führen ihre gesamten Daten, organisieren Schulen, koordinieren Beschäftigungsprogramme und Freizeitangebote. Diese reine Büroarbeit nimmt enorm viel Zeit in Anspruch.»

Ausserdem müssen die Betreuerinnen und Betreuer den Asylsuchenden im Durchgangszentrum zur Seite stehen. Darunter auch denjenigen mit medizinischen Schwierigkeiten: «Es gibt Leute mit psychischen Problemen, die sehr viel Betreuung brauchen. Da schaut vom Tagesteam jeweils jemand speziell zu einer oder zwei Personen, wobei diejenigen ohne Probleme ebenfalls betreut werden müssen.»

Doch er dachte kaum, dass eine asylsuchende Person versuchen würde, sich das Leben zu nehmen.

Bei seiner Anstellung wusste Michael, dass sein Beruf nicht einfach sein würde. Er war sich bewusst, dass schwierige Situationen entstehen könnten, wenn beispielsweise jemand ausgeschafft oder es Gewalt geben würde. Er lernte durch seine Erfahrungen auch dazu, wie dass es beispielsweise eben Asylsuchende mit psychischen Problemen gibt: «Einige entwickeln aufgrund des Erlebten psychogene Krampfanfälle, die ähnlich sind wie ein epileptischer Anfall.»

Doch er dachte kaum, dass eine asylsuchende Person versuchen würde, sich das Leben zu nehmen. Dennoch musste er bis heute bei seinen beruflichen Tätigkeiten im Asylwesen zwei Suizidversuche miterleben. Eine Suizidgefährdung geht oft  mit  seelischen  Symptomen –  vor  allem Depressionen – einher, welche gut behandelbar sind.

Der erste Suizidversuch

Einmal schaute Michael kurz vor Dienstschluss nach einer asylsuchenden Person. Die Person schien den ganzen Tag bereits niedergeschlagen. Doch keinesfalls vermutete Michael eine Suizidgefährdung, weil diese auch nicht immer zu erkennen ist. Es hatten sich verschiedene negative Umstände summiert, welche diese Person in eine psychosoziale Krise trieben und zur suizidalen Handlung verleiteten.

Zusätzlich litt die Person auch an psychogenen Krampfanfällen. In diesem Fall hatte die Person noch keine folgenschwere suizidale Handlung vollzogen, als Michael sie fand. Im Anschluss darauf liess die Person ihre psychischen Probleme behandeln und sie konnte aus der Therapie wieder entlassen werden.**

Der zweite Suizidversuch

Damit kann jedoch keinesfalls die Behauptung aufgestellt werden, dass Michael auf den zweiten Suizidversuch einer anderen asylsuchenden Person vorbereitet war. Es wäre wohl zynisch anzunehmen, dass das Miterleben eines Suizidversuches einen auf weitere Suizidversuche vorbereiten würde.

Das zweite Mal befand sich die asylsuchende Person inmitten der suizidalen Handlung, worauf Michael von Adrenalin getrieben, instinktiv handelnd und mit Hilfe anderer die Person daran hindern konnte, sich das Leben zu nehmen. Die Person hat sich ebenfalls in eine Psychotherapie begeben, um ihre psychischen Leiden zu behandeln. Das Schildern der Geschehnisse ist für Michael offensichtlich noch belastend.

Er hat im Anschluss an das zweite Ereignis von sich aus ein/e PsychiaterIn aufgesucht, um das Erlebte zu verarbeiten. Ebenso tauschte er sich mit einem Mitarbeiter aus, welcher ähnliche Erfahrungen gemacht hatte.

«Ich glaube nicht, dass man dazu eine Schulung machen kann. Es wäre schwierig die Situationen zu üben.»

Bild: Sam von Dach

Lara* ist Betreuerin in einem anderen Durchgangszentrum. Sie befand sich in den Ferien, als an ihrem Arbeitsort eine asylsuchende Person versuchte, sich das Leben zu nehmen. Laras Betroffenheit war durch die grosse Distanz nicht kleiner. Sie kannte die Person gut und las die Geschehnisse in den Ferien im Rapport nach. Auch bei ihr war keine Suizidgefährdung zu erkennen.

Für die gesamte Belegschaft des Durchgangszentrums war der Suizidversuch gleichzeitig ein Schock und eine Überraschung – es hatte kein Bewusstsein dafür gegeben, dass sich eine asylsuchende Person das Leben hatte nehmen wollen. Der Suizid konnte durch eine Reanimation verhindert werden, wobei sich die Person anschliessend ebenfalls psychisch behandeln liess. Nach der Entlassung aus der Psychiatrie hielt die asylsuchende Person rückblickend fest, depressiv gewesen zu sein. Ausserdem habe sie sich sozusagen in einer psychosozialen Krise befunden und hätte eigentlich keinen Suizid begehen wollen.

Ein Bewusstsein entwickeln

Lara und Michael sind sich einig, dass eine interne Aufklärung über Suizidversuche in Durchgangszentren angemessen wäre. «Ich glaube nicht, dass man dazu eine Schulung machen kann. Es wäre schwierig die Situationen zu üben», stellt Michael klar. Aber Lara findet dennoch: «Eine interne Informationsveranstaltung zu diesem Thema wäre auch für die neuen Betreuer sehr hilfreich. So könnte sich von Anfang an ein Bewusstsein dafür entwickeln.»

Laut Dr. med. Patrick Haemmerle, Gründungsmitglied von IPSILON – der Initiative zur Prävention von Suizid in der Schweiz, gibt es auch «gute und hilfreiche Weiterbildungen, welche Professionellen helfen, Menschen in suizidalen Krisen zu erkennen und ihnen in geeigneter Weise zu helfen.»

Zwischen Durchgangszentrum und Psychiatrie

Michael und Lara hinterfragen aber die Grenzen ihrer Kapazitäten und Kenntnisse. Michael beschäftigt, dass für Menschen mit psychischen Leiden nicht eine sozialpsychiatrische Beratungsstelle mit besserer medizinischer Betreuung geschaffen wird: «Es gibt verteilt auf die verschiedenen Zentren viele Personen mit psychischen Leiden und wir müssen damit umgehen können. Das Kernproblem dabei ist, dass es Fälle gibt, die sehr viel Betreuung brauchen.»

Auch Lara findet es fragwürdig, dass Asylsuchende mit psychischen Leiden nach einer Behandlung unmittelbar zurück ins Durchgangszentrum gebracht werden. Bei einer medizinischen Sonderunterbringung könnte spezifisch geschultes Personal vertiefter auf die Asylsuchenden eingehen. Michael findet: «Durch eine sozialpsychiatrische Beratungsstelle könnte die Situation in den Zentren entspannt werden.» Das Grundlegende Problem vermutet er aber in der Finanzierung: «Wie so oft fehlt es dazu an Geld.»

*Name geändert.
**Um die Gefahr von Nachahmesuiziden zu verringern, sind die Geschehnisse sowie die betroffenen Personen nur schematisch beschrieben.

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