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«Kulturförderung ist doch keine Beschäftigungspolitik»

Am letzten Freitag luden wir zur Diskussion über den Sinn und Unsinn von Kultursubventionen. Neben den drei Podiumsgästen debattierte auch das Publikum kräftig mit.

In Kooperation mit Negative White hat das Zentrum Karl der Grosse am 22. Oktober zur Diskussion über Kultursubventionen geladen, in deren (Knack)Nussschale die Verteilung von Subventionen liegen sollte.

Dazu wurden Gäste mit zunächst klar unterschiedlichen Einstellungen bezüglich der aktuellen Subventionsvergaben eingeladen. So vertrat Eva-Maria Würth als Dozentin der Hochschule Luzern für Design und Kunst in – aufgrund ihrer zusätzlichen Tätigkeit als Zürcher SP-Kantonsrätin – politischer Manier den Nischenkunst-Förderanspruch. Dagegen machte sich Pius Knüsel, Direktor der sich selbstfinanzierenden Volkshochschule Zürich und Mitautor des Buchs Der Kulturinfarkt, vor allem für die Loslösung von Subventionen stark zu machen suchte.

Im Kreuzfeuer dieser wortschlachtvertrauten Sprecher sass zudem Janine Cathrein, die als Sängerin der Zürcher Indie-Folk-Band JOSH die subventionsbeantragenden Kleinkünstler vertreten sollte.

An Anfang stand die Gaslampe

Per Gaslampe eröffnete der Diskussionsmoderator Jonas Gabrieli, Redaktor der Winterthurer Regionalzeitung «Der Landbote», die Diskussion mit der zündenden Frage, welchen Zweck denn Subventionen haben, die aufgrund eines Gaslampen-Brandes im damaligen Schauspielhaus entstanden seien, weil die Stadt Zürich sich finanziell am Wiederaufbau beteiligt hatte – und ab da Kulturförderung mitunter Teil der Stadtpflichten wurde.

Wenngleich die Frage eher auf einen globalen Einstieg ins Thema «Verteilung der Subventionen in der Stadt Zürich» abzielte, so wurde damit eine Grundsatzdiskussion zu «Subventionen: ja oder nein!» eröffnet, auf die die Redner wie folgt antworteten.

«Zu viel Geld für Kultur schadet nur»

Pius Knüsel thematisierte bereits in seinem Buchprojekt Der Kulturinfarkt, dass die öffentliche geförderte Kultur die Gesellschaft spalte und, überspitzt gesagt, Subventionen darüber bestimmen, was denn nun als gesellschaftsfähiges Kulturgut gelte.

«Kulturförderung ist doch keine Beschäftigungspolitik.»

Dabei sollte doch, so Knüsel während der Diskussion, Kulturförderung keine Sozialhilfe oder Beschäftigungspolitik sein, weil sich die Stadt für die in ihrem Bildungssystem ausgebildeten Künstler verantwortlich fühle.

Knüsel erläuterte, dass die Ökonomisierung der Kulturförderung eine Verdrehung des fundamentalen Gedankens der Kulturförderung sei und die radikalste Problemlösung darin bestünde, grössere, subventionserhaltende Institutionen zu schliessen. Da der institutionelle Rahmen jedoch (noch) sehr essenziell für die Akzeptanz von Kunst sei, stünde dieser Radikalschlag nicht zur Debatte.

Deshalb proklamierte Knüsel die Loslösung von Subventionen, da dies dem Künstler oder der im Kunstdiskurs tätigen Institution – wie beispielsweise die Volkshochschule Zürich – gewisse Freiheiten bezüglich der Kunstgestaltung und -verwaltung offen lasse, obschon die Gesellschaft und ihre Bedürfnisse in Bezug auf den Kunstkonsum nicht ausser Acht gelassen werden dürfe.

Kulturleuchttürme und Nischenlichter

Eva-Maria Würth insistierte darauf, dass Kulturförderung einer intrinsischen und nicht marktorientierten Motivation entspringen solle. Sie ist der Meinung, dass Kulturförderung einerseits eine Haltung in der Gesellschaft sei und andererseits aber auch eine Verpflichtung der Stadt. Denn die Stadt habe eine gewisse Verantwortung der in ihrem Bildungssystem ausgebildeten Künstler gegenüber zu tragen.

Eva-Maria Würth und Moderator Jonas Gabrieli. Bild: Janosch Tröhler

«Kulturförderung ist eine Haltung in der Gesellschaft»

Denn nach Würths Ansicht trägt Kultur, immersiv betrachtet, Wertbildung und in weiterem Sinne zu Frieden in der Gesellschaft bei, was den Kulturförderbedarf immens unterstreiche. Dabei wäre es zwar primär marginal, ob nun grössere «Kulturleuchttürme» wie das Schauspielhaus, das Landesmuseum oder das Opernhaus Subventionen erhielten oder die Gelder Kunsteinzelkämpfer wie einzelne Musiker, Künstler oder kleinere Kunsthäusern zukämen.

Jedoch hält Würth es für nötig, die Subventionen insgesamt um das Doppelte zu erhöhen (von 150 Millionen Schweizer Franken auf 300 Millionen pro Jahr).

Crowd, crowd, Crowdfunding

Da Janine Cathrein für die Realisierung ihres zweiten Albums trotz langwieriger Vorarbeit lediglich einen Achtel des geplanten Budgets in Subventionsform zugesprochen bekommen hatte, setzt sie nun – wie bereits beim zweiten Album von JOSH – auf Crowdfunding.

«Kunst ist subjektiv.»

Ungeachtet dessen, dass Knüsel Crowdfunding als Solidaritätshascherei bezeichnete, zeigte Cathrein die Effizienz und offensichtliche Funktionalität der Subventionsalternative auf, wodurch sie sich dem Entscheidungsanspruch der Gesellschaft, was denn nun Kunst sei, entziehen könne, da genau ein solch subjektives Kunstverständnis in einem Entscheiderkollektiv, so Cathrein, wahrscheinlich über die Subventionsverteilung bestimme.

«Lönd eus doch äfach echli chifle»

Unter den Diskussionsgästen wurden Stimmen dahingehend laut, dass zwar wohl eine Umverteilung der Subventionen angemessen wäre, dabei jedoch weitere Diskussionspunkte auf dem förderungshungrigen Kulturboden zu besprechen seien.

So wurde beispielsweise vorgeschlagen, per Punktesystem die Stadtbevölkerung – ganz in schweizerischem Demokratiesinn – in die Subventionsverteilung mit einzubeziehen. Dabei eröffnete sich aber ein Fragegeysir bezüglich des Fördergutes: Sollte man nicht eher Altes erhalten, denn Neues erschaffen? Was ist fördernswerter; Kulturgut oder Kulturtradition? Sollte man eher Kunstschaffende mit Erfolgspotential oder aber Nischenkünstler fördern?

An dieser Stelle führte Knüsel zum Anfang zurück, indem er die Frage in den Raum stellte, ob denn nicht vielmehr die Oper denn die Popmusik das momentane Nischenprodukt der aktuellen Kunstlandschaft sei. Und auf Gabrielis Frage hin, wie sich denn nun eine Einigung im Diskurs über Kulturförderung finden liesse, meinte der Kulturinfarkt-Autor lediglich: «Müemr das denn? Lönd eus doch äfach echli chifle.»

Das Publikum diskutierte eifrig mit. Bild: Janosch Tröhler