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Die 10. Ausgabe des Greenfield Festivals ging zu Ende. Bilanz nach zehn Jahren und nach den letzten drei Tagen: Interlaken und das Wetter werden nie Freunde, vor den Organisatoren gibt es einige Hüte zu ziehen, aber auch nach zehn Jahren Erfahrung zwei, drei Hühnchen zu rupfen und nicht nur die Headliner Iron Maiden, Linkin Park und Soundgarden sorgten für eine gebührende Geburtstagsparty.

Grossartige Stimmung is weit über Mitternacht hinaus: Greenfield Festival 2014 (Foto: Sacha Saxer)

Grossartige Stimmung bis weit über Mitternacht hinaus: Greenfield Festival 2014 (Foto: Sacha Saxer)

Zehn Jahre sind eine stolze Zeit, auf die die Organisatoren des Greenfield Festivals zurückblicken dürfen. Als das beschauliche Interlaken 2005 zum ersten Mal gerockt wurde, standen die Chancen bei 50:50, ob die Schweiz ein weiteres grosses Festival verkraften würde oder ein reines Rockfestival überhaupt den Nerv der Zeit träfe und nebst Gampel, Gurten und Frauenfeld eine Lücke füllte. Letzteres schien der Fall zu sein, denn rund 25’000 Besucher überrannten Bahnhof, Dorfläden und den Flugplatz. Jetzt, zehn Jahre später, sieht es konstant aus. So strömten die letzten drei Tage rund 24’000 Fans ins Berner Oberland. Etwas weniger als im Rekordjahr 2013.

Konstanz zeigt sich auch bei den Besuchern selbst, denn das Greenfield scheint von Anfang an als Traditionsfestival prädestiniert gewesen zu sein. Treue Fans der ersten Stunde kehren seit der ersten Ausgabe Jahr für Jahr wieder an einen der schönsten Fleckchen der Schweiz. Und das, obwohl man seit dem ersten Festival mit Gewitter und Schlamm rechnen muss, da das Wetter im Berner Oberland bekannterweise unbeständig ist. So war es natürlich auch dieses Mal – die heissen Sommertage wurden gegen Abend gewissenhaft mit Regenschauern und Gewittern abgekühlt, Schlammschlachten vor den Bühnen waren somit vorprogrammiert und auch organisatorisch machte der Regen zu schaffen, denn das Jack Daniels Barzelt musste abgebaut werden und die Broilers mussten ihr Konzert kurz unterbrechen, weil es so stark regnete – aber mehr dazu später.

Greenfield Festival 2014, Donnerstag: Der Auftakt

Seit 2011 geht es in Interlaken bereits am Donnerstag los, dafür „nur“ bis Samstag. Mit Sack und Pack kamen die ersten Rockfans nämlich schon am Mittwochmittag in Interlaken an und warteten auf den Einlass. Wer einen guten Campingplatz und noch saubere ToiTois möchte, fährt mit dieser Strategie super. Das Festivalgelände wartet nämlich an diesem inoffiziellen ersten Abend auch schon mit diversen Bars und Opening Partys auf, bei denen es sich aufs Festival einstimmen lässt.

Das Wetter spielte an diesem ersten Tag mehr als mit. Sommerliche 28 Grad sorgten dafür, dass die Festivalfans die Geländeeröffnung kaum abwarten konnten und die Vorfreude auf die Nachmittagsbands Talco, Donuts und co. war riesig. Zuerst fiel aber der offizielle Startschuss um 14 Uhr mit der traditionellen Eröffnung der Alphornbläser – ein passendes Must vor der Kulisse des Berner Oberlandes und mit Sicherheit auch ein Highlight für einige der internationalen Künstler, die bereits vor Ort waren.

Danach rockten die italienischen Ska-Punks von Talco die Hauptbühne und wurden von einer echten Greenfield-Traditionsband (von denen es so einige gibt) abgelöst: den Donots. Zwischendurch gab es einen Abstecher zu den amerikanischen The Used auf der Club Stage, die ebenfalls nicht zum ersten Mal in Interlaken auftraten. Warum sie gern nach Interlaken zurückkommen und wieso es den The Used-Sänger Bert eigentlich in seine Wahlheimat Australien verschlagen hat, gibt es übrigens demnächst im Interview nachzulesen, zu dem Negative White Bert noch kurz vor dem Auftritt in Interlaken getroffen hat.

Wer sich nun weder von der guten Stimmung der Donots oder The Used hat anstecken lassen, der wurde anschliessend von Zebrahead nicht verschont. Diese Jungs würden mit ihrer quirlig-bunten Show wahrscheinlich auch Black Metaller zum Lachen bringen, nur dass denen das Greenfield wohl zu wenig true wäre. Etwas düsterer wurde es dann wahrhaftig mit Bring me the Horizon auf der Hauptbühne. Die vier jungen Briten schmetterten vor allem Songs von ihrem aktuellen Album ins Publikum, das wider Erwarten nicht zu 90% aus Emos bestand und Sänger Oliver Sykes punktete vor allem durch Sympathie, wie er sich nach jedem Song ein Tränchen der Dankbarkeit aus dem Augenwinkel zu wischen schien und „thank you, cheers“ ins Mikrofon hauchte.
Mit etwas mehr Selbstverständlichkeit um ihre Personen schienen die Jungs von Callejon anschliessend auf der Club Stage zu spielen, trotz der mässigen Rückmeldungen der Anwesenden. Auch dass ihre Version des Fettes Brot-Klassikers Schwule Mädchen eher ein unterdrücktes Gähnen als helle Begeisterung hervorrief, schien sie nicht gross zu stören.

Auf der Hauptbühne ging derweil der Multikulti weiter – denn ein durch und durch bunter Haufen Leute mit mindestens einem genau so grossen Haufen unterschiedlichster Instrumente sorgte für einen noch grösseren Haufen guter Laune: Gogol Bordello waren da. Tanzen liess sich zu ihrer wilden Zigeunermusik kaum – man musste einfach hüpfen und am besten mit allen Körperteilen um sich schlenkern, um dem wilden Treiben auf der Bühne irgendwie gerecht zu werden. Hartgesottene „Greenfielder“ wurden wohl nicht ganz warm mit ihnen, zum Sommerwetter passte aber kaum etwas besser.
Die erwähnten Hartgesottenen fanden sich nämlich schon bald bei der Clubstage ein, denn dort spielte Altmeister Phil Anselmo mit seinen Illegals zum ersten Mal in der Schweiz. Was er ablieferte war selbstverständlich kein Pantera-Gedenkkonzert oder ähnliches, die Songauswahl irritierte aber etwas und sie schienen gerade die experimentelleren, verschnörkelteren Songs mitgebracht zu haben. Nach den erwähnten Spassbands war dies aber willkommen anspruchsvoll.

Gegen den späten Nachmittag verdüsterte sich der Himmel und es war sogar von Sturmwarnungen die Rede – der Regen liess ebenfalls nicht auf sich warten. Der erste Tag ging schon bald zu Neige und als nächstes standen die langersehnten Headliner auf der Hauptbühne. Vom schlechten Wetter liess sich da niemand abhalten, auch nicht Linkin Park. Sie kamen dieses Mal tatsächlich, nachdem sie 2008 ihren Auftritt abgesagt hatten. Da das Greenfield Festival immer auch jüngere Rockfans anzieht, kamen diese bei Linkin Park aber generationenweise auf ihre Kosten. Zur Erklärung: Solche, die mit ersten erfolgreichen Scheiben wie Meteora und Hybrid Theory aufgewachsen waren (und mit dem damals erst aufkommenden Nu Metal einen neuen Zugang zur härteren Musik fanden), wurden am Donnerstag nicht enttäuscht, da Songs wie In the End oder Crawling natürlich nicht fehlten. Doch vor allem gab es neuere Songs zu hören und so wurde man von ihren gekonnten Verflechtungen aus Nu Metal, HipHop und ihren unverwechselbaren elektronischen Einflüssen mitgerissen – und bei den eher jüngeren Songs sang auch das eher jüngere Publikum mit. Begleitet von einer spannenden Lichtshow spielten Linkin Park also ein souveränes Konzert, das einen musikalisch bewegten Tag erst mal zu Ende gehen liess… Aber halt, da war ja noch jemand? Die Dropkick Murphys kamen nämlich nach Linkin Park auf die Hauptbühne und waren die eigentlichen Headliner des Donnerstags – nur leider war ihr Konzert verglichen mit ihren legendären Clubshows langweilig und belanglos, so dass man sich besser schon mal mit guten Erinnerungen an die kleineren Acts des Tages vom Festivalgelände verzog.