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Nebst Milky Chance bietet auch Steven Wilson am Blue Balls Festival die volle Dröhnung, nur bloss für progressivhungrige Spinner.

Sonne, See und Schwäne. Direkt am Vierwaldstättersee lädt das KKL zum Blue Balls Festival ein, neben unermüdlichen Pokémon-Go Spielern und verpeilten Hipstern kann man sich bei einem vielseitigem Essensangebot auf einen spannenden Konzertabend einstimmen. Steven Wilson is in da hood! Während Milky Chance den Konzertsaal für sich reserviert hat, gibt Zola Jesus einen Auftritt als Vorband für Wilson im Luzerner Saal. Gekonnt verscheucht sie uns wieder hinaus. Jedem das seine. Für uns haben jedenfalls zwei Minuten gereicht.

Der Saal ist vor dem Wilson Gig ’nur‘ mässig voll, jeder hat genügend Platz für seine Wohlfühlzone. An so einem Abend wird kein Gerempel oder Gestampfe erwartet. Auch kein Mitgegröhle, ein schön diplomatisches schweizerisches Konzert. Um punkt 22 Uhr betreten Wilson und seine vierköpfige Band die Bühne und legen direkt los.

Ancestral

Der Abend beginnt gleich mit einem Meisterwerk der Scheibe Hand.Cannot.Erase. Anfangs noch ruhig, so explodiert der Song in harter Manier und bläst einem die volle Ladung Progressiv Rock ins Hirn. Soviel kann man in so kurzer Zeit gar nicht verarbeiten. Wie wippt man noch gleich mit?

Hand.Cannot.Erase.

Nun läuft zeitgleich zum eher poppigen Song auf zwei grossen Bildschirmen im Hintergrund ein Musikvideo. Zu jedem Lied ein passender Clip, eine faszinierende Lichtshow und unberechenbare progressive Rockmusik.

Steven Wilson, der Dude des Progressive Rock (Foto: Blue Balls/Facebook)

Steven Wilson, der Dude des Progressive Rock (Foto: Blue Balls/Facebook)

Routine

Wilson stellt die Band vor und gibt sich humorvoll und sympathisch, ein Musiknerd zum liebhaben. «Let’s play some miserable music». Routine ist dafür ein Beispiel par excellence. Die Band lässt eine traurige Ballade ins Grauen herabfallen und löst sich in einem glanzvollen Schluss auf. Bassist Nick Beggs stimmt mit dem Gesangspart der Sängerin Nina Tayeb (auf der Platte zu hören) ein und ergänzt Wilson perfekt.

Index

Ein Livesound, denn man so hart nie auf eine Scheibe bringen könnte. Die Gitarre viel aggressiver, verzerrter und lauter. Eine Wand bestehend aus wütendem Gitarrensound erschlägt die Zuschauer. Der Song ist düster, verdammt düster.

Lazarus

Wilson widmet den bekannten Porcupine Tree Song dem verstorbenen David Bowie, das Publikum singt mit. Bassist Nick Beggs begleitet mit einer engelähnlichen zweiten Stimme, zusammen mit Kindheitsfotos im Hintergrund bekommt man eine wohlige Gänsehaut.

Home Invasion/ Regret #9

Da schnappt sich Wilson kurzerhand den Bass (ja das kann er auch). Der Track lässt einen an Tarkus von Emerson, Lake & Palmer erinnern, ein Song ganz im Zeichen von Keyboarder Adam Holzmann.

Happy Returns

Melancholie pur. «I feel I’m falling once again. But now there’s no one left to catch me.» Einfach herrlich.

Harmony Korine

Ein bedrückendes Video und noch bedrückenderer Sound. Eingängig. Es läuft mir kalt den Rücken runter. Als wäre man gezwungen einer beklemmenden Freakshow zuzusehen. Nach dem Song gönnt sich Wilson noch einen White Russian, meinen Lieblingsdrink. Der Dude des Progressivrock. Mein Durst ist geweckt.

Don’t Hate Me

Don’t Hate Me… for killing Porcupine Tree? Wir vergeben dir Steven, ein sehr betrübender Track mit bettelndem Refrain.

Vermillioncore

Der härteste und rockigste Track der neusten Platte 4 ½. Der Instrumentaltrack lässt es so richtig krachen. Die sonst eher statische Band lässt die Haare wehen und so tut es auch das Publikum. Oder zumindest einige.

Sleep Together

Yeah! Ein verdammt geiles Porcupine Tree Cover mit einem unschlagbaren Groove von Schlagzeug und Bass, dröhnt und donnert, alles verzerrt natürlich.

The Raven That Refused To Sing

Wundervoll. Gänsehaut pur. Ein trauriges Meisterwerk. Anfangs sanfter Gesang mit einer einfachen Klavierbegleitung. Seine Flehrufe hingegen «Please! Sing! Cry! Cry!» gehen live durch Mark und Bein. Erschaudern, wässrige Augen. Der Song öffnet eine betrübliche Schönheit, man leidet und geniesst.

Sounds of Muzak

Wilson erzählt, dass wann immer er auch im Studio einen popähnlichen Song aufnimmt, er kurzerhand in ein dunkles Kämmerchen verschwindet, um sich als Strafe auszupeitschen. Danach kommt er heraus und fügt «some complicated shit» hinzu. Man muss diesen Typen und seinen Humor einfach lieben. Und natürlich seine Musik. Beim letzten Song des Abends bittet er das Publikum den Refrain mitzusingen. Ein magischer Abschluss.

Der Dude des Progressivrock

Ein verdammt geiles gut zweistündiges Set. Nach dem Gig möchte man als Musiker schleunigst nach Hause und alle Instrumente verbrennen, da man weiss, dass man nie ein solches Niveau erreichen wird. Ich persönlich hatte während beinahe dem ganzen Konzert ein Dauersmile auf, da ich zur Hölle nicht wusste, was der Drummer da genau anstellte und immer noch einen unwiderstehlichen Groove auf die Bühne brachte.

Noch viel schlimmer: Seit ich Wilsons White Russian erblickt habe, stellte ich mich den ganzen Abend auf diese Köstlichkeit ein, nur um an der Bar bitter enttäuscht zu werden. Bibo ergo sum. Oder eben nicht. Dieses Privileg steht wohl bloss dem barfüssigen und langhaarigen Dude auf der Bühne zu, dem Duderino des Progressivrocks. Bleibt zu hoffen, dass ihn seine Reise möglichst bald wieder in die Schweiz führen wird. Und dass ich möglichst bald einen White Russian geniesse.