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Das Pop-Duo UMA aus Berlin brachte herbstliche Musik in den Portier. Am Monomontag schafften sie Intimität dank tiefem Bass und hohen Stimmen. Nicht nur das, sie schafften es auch den Kollekten-Hut schnell zu füllen.

UMA

Das Berliner Duo UMA in Aktion. (Foto: Erik Hefti)

Ein Gastbeitrag von Erik Hefti

Bevor die Ein-Mann-und-eine-Frau-Band (ist das jetzt gendertechnisch korrekt?) den ersten Song des Konzerts beginnt, erklärt der Gitarrist dem Publikum, er wisse, dass in der Schweiz ein gesetzliche Limite des Lautstärkenpegels existiere. Darum fragt er in die kleine Runde: «Hat jeder seine Ohrenstöpsel, die er braucht?» – Zahlreiche Hände greifen gierig zum Kübelchen, das auf dem Bartresen steht, und nehmen die fehlenden Oropax heraus. «Wir haben eben noch keinen Soundcheck gemacht und müssen noch experimentieren. Wir sind dann froh um Rückmeldungen.»

Musik, die in die Kirche passt

Das erste Stück kommt von ihrem Debüt-Album UMA, das im Juni 2014 erschienen ist. Harte Bässe schlagen aus den Boxen. Es hört sich an, als wäre das Sulzer-Areal wieder zum industriellen Leben erwacht. Eine helle, hohe Stimme setzt an mit «Where have u gone». Eine Zeile, die sich – meditativ wie ein Mantra – immer wieder wiederholt. Das Ganze hört sich wie etwas Sakrales mit Bass an. Es ist schöne Musik, die auch in eine Kirche passen würde. Passend mit den mitgebrachten Lichteffekten wird man so geflasht, dass man fast schon meint, direkte Botschaften vom Herrn zu empfangen.

UMA aus Berlin, bestehend aus Ella und Florian, sind nicht nur mit fast gleicher Frisur als Pop-Duo unterwegs, sie haben auch den gleichen Namen, weil sie sich in einer Bar kennengelernt, verliebt, verlobt und verheiratet haben.
Unabhängig voneinander haben sie bereites viel Erfahrung in der deutschen Musikszene gesammelt: Florian Zwietnig hat schon viele Bühnen dieser Welt gesehen, als er mit Mediengruppe Telekommander unterwegs war. Ella spielte in der Band Go Die Big City auf dem Xylophon und der Blockflöte. Auf die Bühne im Portier lassen sich diese Elemente wieder auffinden, aber nur in der Musik. Physisch vorhanden sind eine Gitarre, ein Laptop, ein E-Piano, ein Crashpad und sehr viel andere Elektronik. Denn alles wird live aufgenommen und dann geloopt, gedehnt oder verzehrt.

Nach dem ersten Stück merken die meisten Zuhörer: Man hätte die Ohrenstöpsel gar nicht gebraucht. Nur wenn man die Lyrics klar und deutlich hätte verstehen wollen, dann wären sie praktisch gewesen. «Ist es sehr laut?», fragt Florian nochmals nach. «Nein, es ist ok.» meint Ella und fügt hinzu: «Wir haben sogar unserer eigenes Licht mitgebracht und es funktioniert endlich.»

Intim mit dem Publikum werden

Das warme, flimmernde Licht – dasselbe, das dem Publikum an grossen Konzerten entgegen geleuchtet wird – ist ein Schlüssel, um durch das Tor zu einer wunderbaren Klangwelt zu gelangen und darin einzutauchen. Mit den starken Bässen werden die Texte und die Musik in die Körper der anwesenden Leute einmassiert.
Das ist ein Konzept, das aufgeht. Ella singt eine Zeile dazu, die sich immer wieder wiederholt und begleitet ist von einem langsamen Technobeat, zu dem man ruhig und hin und her wackeln kann: «They make me wonder, wonder, wonder, wonder…» – So schaffen UMA eine Intimität, die nur auf kleine Bühnen möglich ist. Der Portier ist der perfekte Ort dafür. Mit einem Holz-Drum-Stick schlägt Florian einen Off-Beat auf die Pads und loopt diesen. Das macht das Stück etwas beweglicher.

Auch Holz-Xylophone, die in das Pad reingesamplet werden sind typisch für UMA. Lustige Geräusche, wie Delfin-Geklapper, Meeresgeräusche oder der Ton der Clown-Pfeife, an der man ziehen kann und von ganz tief nach ganz hoch oben gehen, dürfen auch nicht fehlen.

UMA kann mit ihrer Musik aber nicht nur Klangwelten, sondern auch szenische Situationen erschaffen. Man fühlt sich gerade mitten drin versetzt. Beispielsweise ist man am Anfang eines Stückes mit einem Geheimagent auf der Flucht und läuft durch lange Gänge mit vielen Türen. Hinten fallen Schüsse. Man kann sich aber gerade noch ducken. Hinter jeder Tür könnte eine Gefahr lauern.
Begleitet mit kurzen Gitarrenakkorden und dem eindrücklichen Bass, der den Herzschlag wiedergibt, macht es die Illusion perfekt. Die Stimmung wird gegen Ende des Stückes immer düsterer. Die unzählige Elektronik auf der Bühne lässt den Eindruck aufkommen, als würden mehrere Backgroundsängerinnen Ella unterstützen. Die Gitarrensaiten werden ruhig und platziert angeschlagen. Ein langsamer Drum’n’Bass wird so entwickelt. Die Flucht glückt und die Szene findet ein Ende.

Sympathisches Paar macht einen Wettbewerb

Die Elektronik, mit der so viel möglich ist, kann manchmal auch ein Eigenleben entwickeln. «Die Technik spielt uns oft auch Streiche und bereitet uns sorgen. Wir müssen eventuell in der Mitte des Songs wieder aufhören, weil es uns einfach nicht gelingen will.», erklärt Florian bevor sie den Song Minutes anspielen. Eine Klarinette setzt an, ein paar DJ-Scratches sowie ein langes «Mmmmmmaiaiai».
Ellas Performance dazu hat etwas Jazziges an sich. Mit den Händen fuchtelt sie wild herum, als wäre sie Joe Cocker. Ihr ganzer Körper wird zur starken Stimme, dass man das Auf und Ab ihres Atems im ganzen Körper erkennen kann. «Ich liebe eure Brockenhalle.», sagt sie dem Publikum spontan und dann weiter: «Heute haben wir die Rheinfälle besucht, das war ziemlich schön.»

Du solltest langsam dein Hirn dafür gebrauchen, wofür es gedacht ist.Ella zu Florian

Was sich ziemlich zufällig anhört, erklärt Ella so: «Wir überlegen uns vor jedem Konzert den ganzen Tag lang, was wir dem Publikum erzählen können. Und dann am Abend vergessen wir alles wieder.» – Florian gibt zu, dass nicht einmal die aktuelle Single kennt und dass Ella dann wirklich meinte: «Du solltest langsam dein Hirn dafür gebrauchen, wofür es gedacht ist.»

Kurz vor Ende des Konzerts wollen UMA noch einen Wettbewerb durchführen. Dabei können die Zuhörer ihr Debüt-Album gewinnen. «Wir spielen eine Coverversion und ihr müsste erraten wer es ist. In allen Städten, in denen wir gespielt haben, haben die Leute das Lied schon nach den ersten Paar tönen erkannt. Ausser in Münster, die waren nicht sehr kulturbegeistert.» – Ein paar Töne werden mit der Gitarre angeschlagen und sogleich beweisen die Winterthurer, dass sie in Sachen Musik eine Ahnung haben. Es ist das Stück Where Is My Mind von den Pixies, das am Ende des Films Fight Club, als alle Hochhäuser und Banken in die Luft gesprengt werden, gespielt wird. Die Version von den Berlinern ist sehr elektronisch und lässt einige mit den Fingern schnippen. Hört sich komisch an, ist aber so.

Psychologische Geschicklichkeit

Da der Monomontag mit spontanen Gönner-Beiträgen finanziert wird, erklärt Florian vor dem allerletzenden Lied die vier verschiedenen Gönner-Typen. Er hat ja schliesslich einmal Psychologie studiert.

Es ist das Highlight, weil jeder Gönner-Typ mit einer theatralischen Einlage illustriert wird. Der Arrogant-Gönnerhafte geht stolzen Schrittes auf den Sammelhut zu und wirft das Geld, und zwar ziemlich viel, einfach in Richtung Hut, sodass es aussieht, als würde er Geld regnen lassen. Der Musikfanatische-Gönner geht auf den Boden runter, wirft die Hände in die Luft, fast schon anbetend, und verbeugt sich vor der Bühne. Der reiche und belustigte Typ sitzt auf dem Barhocker, knüllt das Geld zusammen, wirft diesen Knäuel und trifft den Hut. Der letzte Typ will Florian nach längerem Studieren einfach nicht mehr einfallen. Er muss sein Hirn, wie Ella gesagt hat, wirklich ein bisschen mehr gebrauchen, wofür es gedacht ist.

Dieses nicht einstudierte Highlight ist ein geschickter Schachzug. Denn während dem letzten Lied, das sich eigentlich sehr nach Feel-Good-Easy-Listening, aber dennoch nachdenklich anhört und mit Geräuschen von einem Glasflaschen-Xylophon umgesetzt wird, hört man schon überall im Publikum die Portemonnaies und Taschen öffnen und das Rascheln des Geldes. Der Gönnerbeitrag muss an diesem Monomontag sehr hoch gewesen sein.