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Während drei Tagen öffneten die Bandräume in Zürich ihre Türen und stellten dem Publikum das breite Spektrum der Zürcher Musikschaffenden vor. 

Musik im Spotlight – Soundabout 2016 (Foto: Sacha Saxer)

Musik im Spotlight – Soundabout 2016 (Foto: Sacha Saxer)

Drei Tage, vierzehn Locations und rund drei Dutzend Acts. Da bleibt einem die Qual der Wahl. Ich konnte nur den ersten Tag des Soundabout besuchen und so blieb es leider bei vier Künstlern. Um von diesen vier Musikern wenigstens nichts zu verpassen, entschloss ich mich, den ganzen Abend in der Schneiderei an der Langstrasse verbringen und nicht zwischen den einzelnen Locations hin und her zu wechseln. Eine Entscheidung, die rückblickend gesehen definitiv richtig war.

Manon (Foto: Sacha Saxer)

Manon (Foto: Sacha Saxer)

Pünktlich um 18 Uhr eröffnete Manon das vierte Soundabout Festival mit Distance. Ein sehr intimes Konzert mit zu dem Zeitpunkt rund zwei Dutzend Gästen, die sich laut Manon fast ausschliesslich aus ihrer Familie und Freunden zusammensetzte. Damit passte das Publikum perfekt in die heimelige Wohnzimmeratmosphäre der Schneiderei.

Der grösste Vorteil dieses eher privaten Rahmens war, dass alle der Musik zuhörten und es kein nerviges Geplapper gab. Gleichzeitig war dies allerdings auch ein kleiner Nachteil, weil meine Kamera in diesem ruhigen Umfeld unangenehm laut klang. Aus Rücksicht auf Publikum und Künstler gibt es aus diesem Grund nur wenige Fotos. Es wäre ein Frevel gewesen, den wunderbar sphärischen Klang ihrer Musik noch häufiger zu stören.

Wie auch schon am Songcircle Zürich letzten Monat wurde Manon wieder von Dini Qizmolli an der Gitarre begleitet und auch das Set entsprach grösstenteils jenem vom Bagatelle 93, was aber zum einen verständlich war, da sie erst eine EP veröffentlicht hatte und entsprechend noch kein so grosses Repertoire vorweisen konnte, zum anderen aber auch völlig egal war, denn es sind Songs, die man immer wieder gerne hört. Wie kann man besser ins Wochenende starten, als mir einer dreiviertelstündigen Entführung aus dem tristen Alltag?

Neben dem Cover von Britney Spears’ Toxic, welches wie die meisten Britney-Covers besser als das Original klingt – mein persönlicher Favorit ist allerdings immer noch Children of Bodom’s Version von Oops, I did it again –, spielte Manon auch noch ein Cover von Chris Isaac’s Hit aus den 90ern: Wicked Games. Ein Titel, an welchem sich schon viele versucht hatten und den ich an diesem Abend nochmals hören sollte. Ein Titel, der stark von melancholischen Klängen lebt und deshalb mit Manon’s glasklarer Stimme nicht wirklich wirkt. Dafür wirkt ihr Abschlusssong Beluga um so stärker.

Abresha (Foto: Sacha Saxer)

Abresha (Foto: Sacha Saxer)

Von den sphärischen Klangdimensionen zurück zur Lagerfeuerromantik holte Abresha das Publikum mit ihren eingängigen, von der akustischen Gitarre begleiteten Songs. In Anspielung auf ihre Vorstellung von Thomas (Schneiderei-Chef und Sänger von The Birthday Girls) meinte sie augenzwinkernd: «Meine osteuropäischen Wurzeln kommen übrigens aus dem Kosovo und nein, ich fahr keinen BMW.» Spätestens damit hatte sie die Besucher auf ihrer Seite.

Abreshas Stimme war rauher, verfügte über mehr Druck als jene von Manon und besass einen wunderbar warmen Klang. Die meisten ihrer Songs sang sie auf Englisch, wodurch die zwei Ausnahmen umso stärker hervor traten. Du und Ich, ihr Versuch, ein deutsches Lied zu komponieren, fiel leider etwas ab, könnte aber jederzeit am Radio laufen, vielleicht gerade wegen den Assoziationen zu Silbermond, die der Song einem aufdrängt. Weit besser war ihr Cover von Nexhmije Pagarushas Song E Dehur Jam (Ich bin betrunken), das ursprünglich für einige Kontroversen im Kosovo sorgte, da es sich damals für eine Frau nicht schickte, einen solchen Text zu singen, denn hier merkte man Abresha die Verbundenheit zu ihrer Herkunft an. Authentisch, direkt, einfach nur gut.

Ein Auftritt voller Melancholie in den Songs und Schalk in den Ansprachen. Eine Künstlerin, deren Konzerte man gerne wieder besucht.

Liv Summer (Foto: Sacha Saxer)

Liv Summer (Foto: Sacha Saxer)

Liv Summer trat diesmal nicht alleine auf die Bühne: Michel Spahr unterstützte sie an der Gitarre, was Liv die Möglichkeit gab, sich bei einzelnen Stücken nicht selber begleiten zu müssen, sondern sich voll und ganz auf den Gesang konzentrieren zu können. Wie schon beim Songcircle Zürich letzten Dezember in der Bar Rossi verzauberte ihre Stimme und ihr erfrischende Art das Publikum im Nu.

Ihre Songs verwandelten die kleine Schneiderei für rund 45 Minuten in ein Stück Route 66. Wunderschöne Americana-Songs, darunter viele, die nicht auf ihrer Debüt-EP zu finden sind, erzeugten ein wohliges Fernweh – falls jemand von einem Reisebüro dies liest: Vielleicht solltet ihr sie als Werbepartnerin gewinnen. Allerdings gab es auch einige Misstöne. Nicht von der Bühne, nein. Aber einem Teil des Publikums schien der Anstand abhanden gekommen zu sein, denn sie führten ohne Rücksicht auf Liv und Michel lautstark banale Gespräche.

Für den Teil des Publikums, das sich noch an seine Kinderstube erinnern konnte, gab Liv verschiedene neue Songs zum Besten, darunter ihr neuestes Werk Growing Older und Six Seven Eight, welches sehr gut mit Kastagnetten funktionieren würde. Mal sehen, was sich bis zum ersten Album so alles ergibt.

The Birthday Girls (Foto: Sacha Saxer)

The Birthday Girls (Foto: Sacha Saxer)

Den Abschluss des Abends bildeten The Birthday Girls, die sich schon mal in Stimmung für ihre Plattentaufe am 1. April im Stall 6 spielten. Die fünfköpfige Truppe sorgten für Abwechslung an dem bisher eher ruhigen Abend. Thomas, Sänger der Band, die trotz des Namens keine Frauen beinhaltet, sang, als gäbe es kein Morgen mehr und zusammen erzeugte eine solch massive Soundwand, dass man befürchten musste, die Schneiderei würde einstürzen – und das war die reduzierte Spielweise. Man darf sich also auf eine grossartige Plattentaufe freuen.

Das internationale Quintett – die Mitglieder stammen aus der Türkei, Chile, England, Österreich und Deutschland – hatte das Publikum ab der ersten Note fest im Griff. Multikulti-Power gegen Schweizer Bünzli Gelaber.

Natürlich spielten sie ihren aus dem Radio bekannten Hit So Serious, doch ihr Cover von Stand By Me war – zumindest für mich – eines der Highlights und liess Hoffnung auf eine gute Version von Wicked Games, die Manon schon angekündigt hatte, aufkommen. Dieser Song bildete dann auch den Abschluss des Konzerts und dank der Wahnsinnsstimme von Thomas wirkte er auch weit stärker als die verträumte Version von Manon. Aber weder gegen Chris Isaac noch gegen Ville Valo hatte Thomas eine Chance. Da sie die letzte Band des Abends waren, konnten sich The Birthday Girls auch eine Zugabe erlauben, und die hatte es in sich. Eine grossartige Live-Band.

Leider konnte ich mir die anderen Tage nicht auch noch zu Gemüte führen, denn es traten noch viele spannende Acts auf. Das Soundabout Festival ist eine geniale Möglichkeit, das Musikschaffen in der Schweiz hautnah kennenzulernen. Besonders erwähnenswert ist auch die Tatsache, dass alle Konzerte ohne Eintritt stattfanden und man jeden Künstler nach dem Auftritt direkt mit einer Kollekte unterstützen konnte. Beim nächsten Soundabout werd ich wieder mit dabei sein. Hoffentlich mit zusätzlicher Unterstützung.