Die niederländische Band Son Mieux spielte im Badener Werkk. Sie bewiesen vor allem eines: Live sind sie unschlagbar.

Die Lichter gehen aus und Werkk in Baden verwandelt sich in einen Tempel. Vibrierende, dunkle Bässe dröhnen und eine melodisch hüpfende Stimme, die auch vor Halbtönen nicht Halt macht, erklingt.

Ellas aus Brugg eröffnen einen vielversprechenden Abend. In ihrer Musik paart sich Nachdenklichkeit mit dezentem Epos. Der Blick von Sängerin Jorina Stamm schweift über die Köpfe, doch scheint es mehr, als sei die ganze Band seit dem ersten Song in eine andere Welt abgetaucht. Eine Welt aus Licht und Klang.

Apropos Licht: Das Werkk liefert eine eindrückliche Kulisse, die manchen Zürcher Club locker in den Schatten stellt. Worin sich Zürcher und Aargauer – leider – nicht unterscheiden, ist das unsägliche Geplapper: Lest doch mal unser Plädoyer fürs Schnauzehalten. Danke.

Das wohl Bewundernswerteste an Ellas ist aber, dass sie die Längen nicht fürchten. Nein, sie umarmen sie sogar. Nur so schaffen sie es, dass ihre Songs mehr als nur Songs werden: Es sind Landschaften, die Geschichten erzählen.

Bild: Janosch Tröhler

Die Tragik in ihren Erzählungen wird im Werkk plötzlich gemeine Realität. Immer wieder hustet Sängerin Stamm. Dann sagt sie: «Wir haben vor dem Konzert noch gesagt: Endlich ein Auftritt, an dem ich nicht krank bin. Und jetzt hat’s mir irgendwie die Stimme genommen.»

Das Übernatürliche des Sounds weicht der Menschlichkeit. Beinahe scheint ihr Gig auseinander zu fallen. Doch Ellas kämpfen tapfer weiter, verbissen darauf, die Atmosphäre um jeden Preis aufrecht zu erhalten.

Der Kampf lohnt sich: Die Band können sich für die schwierigen Verhältnisse angemessen aufrappeln. Die Single Strange World, die bei Negative White Premiere feierte, geht ohne merkliches Husten über die Bühne. So bleibt ein starker Eindruck zurück – mit einer sympathisch-menschlichen Note. Und man fragt sich: Wie grossartig müssen Ellas sein, wenn sie topfit sind?

Der Charmeur aus dem Norden

Es ist fast schon ironisch, dass eine Band aus dem «Norden» die kühlen Klänge von Ellas wegfegt. Wobei Norden natürlich relativ ist. Aber das Temperament der Niederländer Son Mieux ist heiss wie ein Sommer in Spanien.

Es sind sonnige Klänge, die das Werkk nun erfüllen. Son Mieux haben ein Händchen für Ohrwurm-Melodien mit einem folkigen Touch. Dann mischen sie etwas treibenden Pop dazu und es entstehen luftige Hymnen. Doch live, da drehen sie erst richtig auf.

Zwar beginnt ihr Auftritt auf der gemütlichen Seite, doch spätestens Easy bringt Tempo. Frontmann Camiel Meiresonne ist der geborene Entertainer, der nur einen Auftrag hat: pure Ausgelassenheit.

Meiresonnes Stimme wird laut und kratzig. Er wirbelt über die Bühne, dass man Angst ums Equipment haben muss. Er ist der Blickfang. Der Charmeur.

Auch ihre Songs gewinnen live: Sie stürmen und drängen. Sie pumpen, krachen und lärmen. Der Druck vertausendfacht sich auf einen Schlag. Keine Studioaufnahme kann es mit ihrer Performance mithalten. Dieser Wucht, dieser knisternden Energie, die nur ein Konzert freisetzen kann.

Meiresonne am Openair Wettingen. Bild: Janosch Tröhler

Mit den fünf Songs auf der Vice Versa EP füllt man selbstverständlich kein ganzes Set. So spielt das Quartett ein paar «neue» Songs. Wobei auch hier gilt: Neu sind sie nicht wirklich, konnte man sie doch bereits beim ersten Ausland-Konzert am Openair Wettingen hören.

Das tut der Stimmung freilich keinen Abbruch. Das Konzert ist reine Unterhaltung. Wenn es noch Zweifel gegeben hätte, räumt Even diese dann mit Verve beiseite: Son Mieux sind Meister der guten Laune. Die Breakdowns, um dann wieder mit Volldampf vorwärts zu preschen… Es hat einen leichten Anflug von Clubmusik.

Sie haben noch einen Song aus der Mottenkiste ausgegraben und beschlossen, ihn wieder zu spielen. Er offenbart urplötzlich das epische Potential der Band: Gigantisch stampft das Arrangement, überwältigend ist der chorale Gesang, eine immense Soundwand baut sich auf. Das Donnergrollen wechselt sich ab mit ruhigen Passagen, Augen im Sturm. Grossartig.

Son Mieux beschliessen das Set mit einem Paukenschlag: When I Feel It ist ein Livekracher aus dem Bilderbuch. Es wäre ein gewöhnlicher Song, würden sich Son Mieux nicht ins Unendliche strecken und dehnen. Sie spielen sich regelrecht in Ekstase. Noch einmal wirbelt Meiresonne. Noch einmal prescht die Band mit Nachdruck. Wer hier die Zeichen nicht erkannt hat: Son Mieux ist eine grosse Zukunft beschert.