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Die beiden Berliner Sven Friedrich und Frank Arnold – bekannt durch Dreadful Shadows und Zeraphine – liefern nach «Broken Grid» und «Frontiers» mit «Reasons to Kill» ihr drittes Studioalbum ab. Wie der Titel erahnen lässt, wird bei dieser Scheibe inhaltlich wie musikalisch mehr Härte zugelassen.

Solar_Fake-Reasons_to_Kill

Das Duo überrascht das eine oder andere Mal, indem es der immer wieder gestellten Genre-Frage (Futurepop, Electro-Pop oder sonstwas) ein Schnippchen schlägt. Und zwar wird auf dem neuen Album neues Futter in Form von Drum’n’Bass und Dubstep-Elementen geliefert, hübsch mit Svens eingängiger Stimme verpackt und unter die gewohnten Sounds gemischt. Die Tanzbarkeit der meisten Songs auf dem Album mag überraschen und nicht zuletzt die Partygänger wird dieser Umstand freuen. Wer sich die Combo live anhören und anschauen möchte, es sei hiermit ausdrücklich geraten), der begebe sich am 28. März 2014 nach Aarau ins Kiff. Doch nun ein paar ausführlichere Hör-Eindrücke des neuen Albums.

I hate you more than my life
Ein Anfang ist oft schwer. Dieser hier absolut nicht – das lange Intro reisst sofort mit, sphärische Synthie-Klänge mischen sich mit treibendem Rhythmus. Wenn die Füsse schon beim ersten Song kaum mehr still stehen wollen, macht die Band irgendetwas richtig, vermute ich mal. Der Bridge überrascht mit einer aus dem Drum’n’Bass geliehenen Passage, die jedoch schon wieder vorüber ist, kaum hat man genauer hingehört. Insgesamt also ein sehr gelungener Opener für eim vielvrsprechendes Album!

Face me
Etwas ruhiger geht es in den Strophen von Face me weiter – mit Ruhe ist jedoch im Refrain definitiv Schluss! Der verzerrte und ziemlich harte Refrain scheint den Titel perfekt zu unterstreichen – der Song peitscht einem direkt ins Gesicht, ein Entkommen ist unmöglich. Aber guter Musik soll man auch nicht entkommen!

Change the view
Ein direkt eingängiger und tanzbarer Track. Holt den Hörer bzw. Tänzer dort ab, wo dieser abgeholt werden möchte. Der Refrain scheint typisch Solar Fake zu sein, so wie man sie von den beiden Vorgängeralben kennt. Melancholisch, jedoch immer mit kleinen Lichtblicken in Form von unscheinbar eingebauten, einzelnen Synthie-Tönen. Dieser Song wird sowohl live als auch auf der Tanzfläche gut funktionieren.

When I bite
Den Titel würde wohl manch weiblicher Fan der Band gerne sehr wörtlich nehmen. Die Nummer kommt einiges harsher daher als man oder frau es bisher von Solar Fake gewohnt ist. Die Keyboards erinnern zeitweise an Suicide Commando und Konsorten, doch trotz starker Verzerrung bleibt Svens Stimme erkennbar und mildert das Gesamtbild dadurch etwas ab. Dieser Mix besticht durch seine Eingängigkeit und die Expedition in härtere Electrogefilde ist sehr gelungen.

Reset to default
In ähnlichem Stile geht es mit Reset to default weiter was Verzerrung und Beat betrifft. Svens Stimme schmeichelt jedoch wieder gewohnt klar dem Ohr. Die Härte der Strophen wird im fern an Camouflage erinnernden Refrain ausgeglichen. Dies ist feinster Synthpop erster Güte.

Rise and fall
Irgendwie scheint jeder Song des Albums an den anderen an irgendeinem Facettenstrang anzknüpfen, irgendein im vorhergehenden Song aufgegrifener Faden wird weitergesponnen. Der Synthpopcharakter fasst in Rise and Fall richtig Fuss und zieht sich durch den Song. Eine ruhige Nummer, die nachdenklich stimmt.

I’d rather break
Tempomässig etwas mehr zur Sache geht es hier wieder. Den letzten Überschuss der triefenden Melancholie des letzten Songs mitnehmend gibt es aber wieder etwas mehr Schläge pro Minute. Im Refrain ist die Eingängigkeit der Anfangssongs der Scheibe zurück. Während die Strophen perfekt scheinen, an der Party an der Bar ein Bier zu trinken möchte man sich mit Einsetzen des Refrains geradezu auf die Tanzfläche beamen und tanzen ohne ein Morgen.

My Spaces
Hui, die gehauchten Worte «I lost control» von Friedrich sorgen kurzzeitig für ordentlich Gänsehaut! Doch diese wird sogleich vom einsetzenden, vor bombastisch abgehenden, nahezu endzeit-stimmigen Refrain weggepustet. Ein spannendes Fade-Outro lässt ungeklärte Fragen offen…

One Step closer
Da sind sie wieder, die Drum’n’Bass-Allüren. Und halt – den Song kennt man doch? Die Tradition, auf jedem Album ein Cover unterzubringen wird auch auf Reasons to kill nicht gebrochen. Um es gelinde auszudrücken, dieses hier ist wohl Geschmackssache und der Grad des Gefallens hängt vielleicht auch damit zusammen, wie sehr man Linkin Park mag. Die für Solar Fake recht neuen Dubstep-Anleihen sind auf jeden Fall gut und passend eingesetzt und die Experimentierfreude der beiden Berliner ist erfreulich. Sich den immer etwas schüchtern wirkenden Sven auf der Bühne rappend vorzustellen fällt hoffentlich nicht nur mir schwer…

My bleeding heart
Weg vom Sprechgesang und neumodischem Gedöns, zurück zu treibendenm Electro. So ist’s brav. Der Einsatz der sehr verzerrten Stimme in der Strophe ist wahrlich wohltuend. Der Refrain ist so eingängig, man möchte entweder mitschreien oder dem armen Kerl sei blutendes Herz zusammenflicken. Das ist wiederum ein Song für die Tanzfläche – am besten wenn der Club gerade rumsvoll ist. Einzig die eingangs und zwischenzeitlich dominanten Keyboard-Tonfolgen erinnern leicht an Scooter-sche Simplizität, aber da sehen wir jetzt mal drüber hinweg.

The Pages
Was für ein Intro! Das kommt einem doch irgendwie bekannt vor. Der Bogen wird perfekt gespannt und der Hörer wird nicht einfach aufgewühlt zurückgelassen, sondern genau so sanft wieder aus dem Album herausgeleitet, wie er zu Beginn eingeführt wurde.  Mit dieser letzten Seite, die Solar Fake hier aufgechlagen haben, geht ein spannendes Kapitel in ihrer Bandgeschichte zu Ende, welches jedoch hoffentlich in der grossen Musikwelt auch Geschichte schreiben wird. Eines ist sicher – Solar Fake sind keine unbeschriebene Seite mehr im grossen Buch der düsteren, elektronischen Musik.

Release
25. Oktober 2013

Label
Synthetic Symphony