Am 4. Februar ging in Wohlen das Swiss Metal Masters über die Bühne. Mit dabei waren Ashtar, Chainer und Burning Witches.

Das Casino in Wohlen ist keine typische Location für Metalkonzerte. Nicht zuletzt deshalb eignet sie sich gut für ein kleines, eintägiges Festival. Der Konzertsaal, dessen Bühne mit einem blauen Vorhang ausgestattet ist, erinnert an ein Theater. Er liegt ein Stockwerk über dem Eingangsbereich, wo auch der Food-Stand ist. Der Bratwurstgrill ist draussen, ebenso wie ein einzelner Händler mit gruftigen Dekorartikeln. Über dem Konzertsaal spannt sich eine Galerie, die zum Backstage-Bereich umfunktioniert wurde.

Burning Witches und Tribes of Caine sind die Headliner, die auf dem Flyer angepriesen wurden. Auf den Line-Up-Anhängen offenbart sich aber, dass Tribes of Caine nicht auftreten werden. Dazu gehen einige Gerüchte um, die sich alle auf einen Facebook-Post der Band beziehen. Aufgrund von persönlicher Schicksalsschläge ist die Band momentan verhindert – wir wünschen den Bandmitgliedern und ihren Angehörigen hier an dieser Stelle alles Gute.

Zwanzig Minuten nach der Türöffnung rumpelt der Soundcheck hinter dem blauen Vorhang, der den Blick auf die Bühne verwehrt. Fünf Minuten später setzt ein melodiöses Intro ein, mit Spieluhr-Geklimper, das sich in einen episch-orchestralen Klangteppich hinein steigert. Der geschlossene Vorhang wirkt irritierend. Als die Gitarre einsetzt, öffnet sich in der Mitte des blauen Stoffs ein Spalt, und Piranha legen los, bevor der Vorhang ganz offen ist. Der Sound ist brutaler, als das Intro suggeriert.

Piranha

«Wir wollten, dass der Vorhang erst mit dem Einsetzen der Gitarre aufgeht.»

Die fünf Männer von Piranha haben keinen leichten Job. Der Klang ist anfangs etwas breiig. Das Publikum zählt zu Beginn knapp 40 Nasen, viele davon sind noch stocknüchtern. Nur eine Handvoll Hardcore-Fans ganz vor an der Absperrung vor der Bühne gehen ab. Frontmann Andi lässt sich davon nicht entmutigen. Er geht ab wie sau, besticht durch seine Bühnenpräsenz und animiert das Publikum. Die Stimmung, wenn auch noch etwas verschlafen, ist gut.

Langsam füllt sich der Saal, aber viele, die jetzt eintrudeln, sind schon fast zu spät für Piranha. Die Bands spielen jeweils eine halbe Stunde. Andi kündigt das dräuende Ende an: «Na drüü»…und dann «na zwoi». Der letzte Song ist laut Ansage der erste, den die Band jemals geschrieben hat. Andi brüllt den Titel dermassen ins Mikrofon, dass man kein Wort versteht, und natürlich stört das keinen im Saal. Die letzte Note verklingt, der Vorhang schliesst sich und wirft dabei einen Mikrophon-Ständer um. Andi nutzt die schmaler werdende Lücke, um sich zu verabschieden.

Kurz danach steht er im Food-Bereich am Eingang. Auf die Frage, wie er selber das Konzert fand, antwortet er mit einem Lob an die Organisation. Von der Müesli-Akkustik im Saal hat er nichts gespürt, da der Bühnensound super gewesen sei. Der Vorhang indes sei eine ganz neue Erfahrung gewesen.

Mortal Factor

«Mortal Factor waren super.»

Im Saal geht es schnell mit der zweiten Band weiter. Mortal Factor machen einen brachialen Sound. Hinter den Mikrofonständern wirkt die Dreierformation recht statisch. Die Bresche, die Piranha geschlagen hat, hat sich in der Rauch- beziehungsweise Umbaupause wieder geschlossen. Sänger Dave weisst das Publikum auf die leere Fläche vor der Bühne hin. Seine humorvolle Ansage kommt an. Leute schlendern nach vorne, aber der halbleere Saal birgt einfach nicht genug Menschen für das Feeling, eine Bombenshow zu sehen. Das ist schade, denn die drei Männer machen guten Sound, ideal für fliegende Haare. Tatsächlich fängt das Publikum langsam an ,etwas abzugehen, aber die frühe Stunde ist immer noch deutlich spürbar

Die Band kündigt ein langsameres Stück an. Die Wucht ihrer Musik wird dadurch noch deutlicher, einzelne Parts in dem Song erinnern am Metallica, vor allem, wenn Daves Stimme in die Höhe geht.

Mortal Factor werden gleichzeitig mit dem Publikum warm, die statischen Postionen hinter dem Mikrofon-Ständer werden aufgeben, damit man sich beim Bangen nicht das Mikrofon gegen die Stirn knallt. Der Drummer sitzt auf einem Podest, zu dem vier Stufen hinauf führen, die Gitarrist René jetzt hinauf steigt.

Immer mehr Leute trudeln in den Saal, darunter auch zwei Frauen mit bunten Haaren. Nach dem Konzert werden sie sich sehr positiv äussern: Es war super, sagen beide unisono.

Chainer

«Ganz böös! Die Mukke, das Konzi, die Show – alles stimmig!»

Testestoron als Bandimage: Chainer. Bild: Sacha Saxer

Die dritte Band klingt mehr nach Heavy Metal. Die Stimme des Sängers erreicht Höhen, die man mit Iron Maiden assoziert. Von seiner Gitarre baumelt ein BH. Das Modell ist ein Push-up, vermutlich mit C- oder sogar D-Cups. Ob Sänger Kevin damit eine Vorliebe für Damenunterwäsche oder grosse Brüste kommunizieren möchte, sei mal dahingestellt. Nachfragen ergaben, dass es der BH von einer Kumpelin des Bassisten zur Verfügung gestellt wurde.

Das enttäuscht ein bisschen, denn natürlich hat man sich gefragt, ob sich die Frauen bei einem früheren Konzert die Wäsche vom Leib gerissen haben, denn Chainer verkaufen dieses Image. Kevin wäre auch ohne BH ein Hinkucker, und dass er gut Gitarre spielen kann, tut seiner Attraktivität keinen Abbruch. Der Frauenanteil in den vorderen Rängen scheint bei dieser Band jedenfalls höher zu sein. Dazu passend legt der Frontman schönstes Testesteron-Theater an den Tag. Die Ironie kommt deutlich an, wenn er beim Gitarrensolo ein Gesicht zieht, als würde er gerade einen T-Rex besiegen. Mit seiner Gitarre.

Seine Songs kündigt er an, wie er singt: Auf Englisch und mit kunstvoll modulierter Stimme. Das wirkt cool, aber man versteht kein Wort – und natürlich ist das scheissegal. Auch wenn die Band keinem vollen Saal hat, dem Publikum gefällt die Show. Haare fliegen, Hüften wackeln und Absätze trommeln auf den Parkettboden.

Nach dem Konzert gehen viele die Treppe hinab, um zu rauchen. Die Feedbacks zum Chainer-Konzert sind allesamt positiv. Ganz bös, findet ein Fan, der sich auf Nachfrage als Tunti vorstellt. Die Mukke, das Konzert, die Show… die ganze Band ist für ihn stimmig.

Deep Sun

Miese Tonqualität

Weiter geht’s mit Deep Sun. Nach dem harten Einstieg in das Festival ist dies nun eine Band, die nicht mit Geprügel brilliert. Das liegt an Frontfrau Debora, die der Symphonic-Band den typischen klassischen Gesang beisteuert. Wie bei der vorherigen Band ist die Frontperson ein Hinkucker. Deboras perfekte Figur steckt in einem burlesken, rot-schwarzen Korsett, und mit ihren Stiefeln könnte sie Waffen- und Schuhfetischisten gleichermassen befriedigen.

Hammerstimme, Hammerhacken: Deep Sun. Bild: Sacha Saxer

Leider kommt die Tontechnik der Band nicht entgegen. Das Keyboard hört man praktisch gar nicht, ebenso gehen die Background-Vocals unter. Debora ist manchmal viel zu leise, dann wieder viel zu dominant. Je weiter man im Saal nach hinten geht, desto grütziger wird die Musik. Das ist schade, denn Deep Sun wissen durchaus, wie man schönen Symphonic Metal macht. Und hier setzte das zweite Problem der Band ein: Ihre Zielgruppe war nicht anwesend. Auf die Frage, warum sie das Konzert verlassen haben, gab es immer wieder dieselben beiden Antworten: Die «Soundqualität war mies», und «Das war mir zu nightwishig».

Final Crusade

«Geile Siech!»

Final Crusade Bild: Sacha Saxer

Mittlerweile ist es 19 Uhr und immer mehr Festival-Besucher trudeln ein. Final Crusade spielen so vor einem deutlich volleren Saal. Final Crusade spielen schnell und melodiös, und versprühen dieselbe fröhliche Laune wie das Publikum. Der Sänger löffelt zwischendurch kurz und ironisch den Bassisten. Als ein Fan mit Zwischenrufen Battlefield fordert, kommentiert der Sänger mit «geile Siech». Der Song wird gespielt, der Vorhang schliesst sich unter lauten Zugabe-Rufen.

Ashtar

Die nächste Band bahnt sich wie ein Unwetter an: Machtvoll, düster, und irgendwie auch ein bisschen zäh, wie schwere schwarze Wolken, die über den Nachthimmel kriechen.

Die grunzende Frontfrau steht ihren männlichen Kollegen stimmlich in nichts nach. Ashtar kommen an. Dafür fällt etwas anderes auf: Ashtar wirken extrem introvertiert. Die Sängerin, die auch Bass spielt, spricht nicht mit dem Publikum, zwischen den Songs dreht sie sich zum Drummer um.

Dazu haben Ashtar lange instrumental-Parts mit langen, donnernden Saitenschlägen und metallischen Drums. Die Band erschafft eine eigene Welt aus Klang, und die Frontfrau scheint keine Intentionen zu haben, diese Welt nach aussen zu tragen. Statt dessen wird man hinein gezogen, gibt sich dem schweren Sog hin. Trotz seiner Härte wird der Sound ein meditatives Erlebnis. Falls ein Metalhead immer noch nach passender Yoga-Musik sucht, mit Ashtar könnte er fündig werden.

Fragen unter den Fans gaben grösstenteils sehr positive Reaktionen. Ein paar eingefleischte Heavy-Metal-Fans bemängelten, die Musik sei ihnen zu schleppend gewesen, aber ansonsten zielte die Kritik – wenn es überhaupt welche gab – nur auf die Tontechnik. Wie auch viele Bands vor Ashtar war auch hier der Beginn des Konzerts nicht gut abgemischt.

Rusted Guns

Haben die Haare schön: Rusted Guns. Bild: Sacha Saxer

Die Heavy-Metal-Fans, die mit Ashtar und Deep Sun nicht so recht warm geworden sind, kommen nun mehr auf ihre Kosten. Auf der Bühne stehen Rusted Guns in all ihrer glitzernden 80ies-Pracht.

Man sieht Leoprints und toupierte Föhnfrisuren, Metallic-Pigmente in Haarbändern und ein Make-Up, das an Kiss angelehnt ist. Der Kontrast zu Ashtar könnte kaum grösser sein: Die Songs sind kurz und tönen nach Party, die Vocals hoch und klar, der Sänger interagiert mit dem Publikum. Nach dem meditativen Gewitter fällt die Partystimmung wie ein Tiger in Stöckelschuhen über den Saal, der sich immer mehr füllt. Ein junger Mann, der weiter unten noch mal zur Sprache kommt, kreischt begeistert den Bandnamen zwischen den Songs.

Emerald

Weiter gehts mit einer Band, die nach 80er-Jahre und Power Metal tönt: Emerald haben epische Melodien, mystische Synthesizer und mit Frontmann Mace einen Sänger, der sowohl mit Vibrato singen als auch gut Grunzen kann.

Der junge Mann, der schon bei Rusted Guns die Aufmerksamkeit in den Publikumsbereich zog, klettert ungehindert auf die Bühne, schmeisst sich in die Menge und lässt sich stagedivend wieder auf der Bühne abstellen. Dort hüpft er herum, bangt kurz den Drummer an, und springt wieder ins Publikum.

Auf eine Nachfrage behauptete er, er hiesse Joel und habe das nur gemacht, weil es so viel Platz in den vordersten Reihen habe. Da sein Konterfei aber auf den Comaniac-Flyern ist, die überall herum liegen, können wir hier getrost schreiben, dass er Jonas heisst und Frontmann besagter Formation ist.

Emerald liefernd derweil einen geilen Gig, und machen dazwischen Werbung für ihr neues Album Reckoning Day, das im Frühling dieses Jahres erscheinen soll. Dazu passend spielen sie einen der neuen Songs. Er klingt etwas progressiver als die Stücke der «Unleashed-Tour», passt aber nahtlos in die restliche Setlist. Die Fans freut’s.

Burning Witches

«Du verstehst jedes Wort der Lyrics. Das schaffen nicht viele Bands.»

Die letzte Band des Abends naht. Burning Witches sind der unangefochtetene Headliner. Schon bevor der Vorhang aufgeht, skandieren einzelne Gruppen im Publikum «Witches, Witches». Ein Honk schreit etwas, das zwischen «Häsli» und «Hösli» schwankt. Möglich, dass er «Häxli» meint – seine Aussprache ist zu korrumpiert vom Alkohol.

Als der Vorhang endlich aufgleitet, steht Frontfrau Seraina in der Mitte der Bühne, die schwarze Lack-Kapuze hochgeklappt. Sofort legen die fünf Frauen mit Metal Demons los. Dass die Band optisch viel her gibt, geht angesichts der hohen Soundqualität beinahe unter. Stimmlich variieren Burning Witches von lupenreinem Belting und vibrierendem Kreischen über grantiges Knurren bis hin zu tiefem Growl. Dazu kommen heulende Gitarren, ein wummernder Bass und das erbarmungslose Geprügel von Drummerin Lala.

Die Band strahlt die typische, fröhliche Aggression des alten Heavy Metals aus, die die sich im Publikum als Bombenstimmung nieder schlägt. Wie schon einige der Bands vor ihnen inszenieren sich Burning Witches gekonnt. Ventilatoren am Bühnenrand lassen die Haare der Musikerinnen fliegen. Das sieht nicht nur sehr dynamisch aus, es trägt auch dem Haarkult der Szene Rechnung.

Burning Witches. Bild: Sacha Saxer

Seraina stimmt einen Part zum Mitsingen an. Das Publikum möhnt begeistert und völlig dissonant mit. «Probieremers nachli höcher», gibt die Sängerin vor, und stimmt dieselbe Melodie etwas höher an. Das Publikum macht selig mit, und Seraina kreischt die Melodie hoch über unser tiefes Fundament.

Als die Band kurz darauf bei Creator of Hell zu schunkeln beginnt, macht das Publikum natürlich mit – und spätestens bei der Ballade Save Me frisst der Saal der Band aus der Hand. Köpfe wiegen sich zur Musik, und hie und da glimmt eine Feuerzeug-Flamme. Das Metal Masters ist auf seinem Höhepunkt, die bescheuerten Mikrofon-Ständer längstens weg geräumt. Abgesehen von der Drummerin bewegen sich die Bandmitglieder frei auf der Bühne. Romana steigt auf das kleine Podest, auf dem Lala drummt. Ein Fotograf seitwärts der Bühne nutzt die Gunst der Stunde. Romana schwebt die Treppe herunter, während Lala in gnadenloses Geprügel verfällt. Ihre Mähne weht im Wind, ihre Finger gleiten über die Saiten, als wäre es das einfachste der Welt.

Als Seraina unschuldig fragt, ob wir noch einen Song hören wollen, skandiert das Publikum: «Noch einen solchen». Die Band stimmt mit Holy Diver die erste Zugabe an.

Burning Witches mögen eine junge Band sein, aber eine, die man keinesfalls unterschätzen sollte. Das neueste Mitglied, Gitarristin Alea, ist noch kein Jahr dabei, und die Band ist bereits Headliner am Metal Masters. Auch andere Faktoren katapultieren die All-Girl-Band in einen Spitzenliga: Man versteht jedes Wort der Lyrics, egal ob Seraina schreit oder singt. Das ist etwas, was erfolgreiche Metalbands Genre-übergreifend verbindet.

Gerne wieder!

So schliesst das Festival mit einer hochqualitativen Band. Die Fans sind zufrieden: Fast für jeden Geschmack war eine Band anwesend und für Verpflegung war mit zwei Food-Ständen gesorgt. Das Metal Masters ist ein gemütliches kleines Festival, das einem den Samstag versüsst, ohne allzu anstrengend zu sein.

Wir freuen uns auf nächstes Jahr.