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Es ist wieder zu Hause. Das 12. Amphi-Festival ist nach einem kurzen Ausflug zur Lanxess-Arena im vergangenen Jahr wieder zurück zum Tanzbrunnen Köln gekehrt. Über 40 Bands und 12.000 Besucher gestalteten in diesem Jahr wieder dass, was das Amphi-Festival so besonders macht: eine einzigartige Atmosphäre.

Wer jedoch glaubte, dass einem ein gemütlicher Start in den Festivalsamstag geboten würde, der wurde von den harten Bässen der Band X-RX aus den Socken gehauen. Morgengymnastik war vor der bereits gut gefüllten Hauptbühne angesagt; und wider Erwarten waren die sonst eher nachtaktiven Szeneanhänger voller Energie und tanzten was das Zeug hielt.

Gehörte man nicht zu der Kategorie der frühen Vögel, hatte man alternativ die Möglichkeit den zahlreich erschienenen Händlern einen Besuch abzustatten oder auf der neu entstandenen Flaniermeile vor dem eigentlichen Festivalgelände das morgendliche Rheinpanorama mit einer Tasse schwarzen Kaffees zu betrachten.

Kulturaustausch

Auf eben dieser Flaniermeile die vom Hauptgelände zur MS-Rheinenergie führt, wurde ausserhalb des Tanzbrunnens ebenfalls fürs leibliche Wohl gesorgt. Dort tummelten sich nicht nur Festivalbesucher, sondern auch Szenenfremde, die interessiert Fragen stellten, Kontakt suchten und zum grössten Teil sehr offen den doch teils extravagant gekleideten Besuchern und der vom Bass getragenen Musik gegenüber standen. So entstanden interessante Gespräche, bei denen man die Möglichkeit bekam einen Eindruck der Szene zu vermitteln; abseits von negativen oder lächerlich darstellenden/wirkenden TV-Berichten über solche Szene-Festivals.

Zurück zur Musik

Auf der Main-Stage trotzten die Herren von Solitary Experiments, die sich selbst als «Vorspeise» bezeichneten, den durch den einsetzenden Regen ausgelösten, tropisch warmen Temperaturen und lieferten mit Klassikern wie Delight und Immortal eine gewohnt solide Show ab. Leider war der Sound, besonders in den vorderen Reihen etwas problematisch. So fegten einem die Bässe beinahe die Frisuren weg und es bedurfte einiger Anstrengung, den Frontmann genau zu verstehen.

Dies setzte sich leider auch beim Knaller-Auftritt der Neuen Deutsche Härte-Band Megaherz fort. Die Band, die es bereits seit 1993 gibt, war zum ersten Mal zu Gast auf dem Amphi-Festival in Köln. Auch wenn ältere Songs wie Miststück das Publikum zu infernalischem Mitgegröhle veranlassten, wurden auch einige der neuen Songs vom Album Erdwärts wie Wer hat Angst vorm schwarzen Mann vorgestellt und fanden lautstarke Zustimmung.

Rammstein?

Das was jedoch dann folgen sollte, hat uns wirklich umgehauen. Wer meint, dass die Band Stahlzeit wieder nur so eine von «diesen Rammstein-Coverbands» sei, der irrt. Meiner Meinung nach sind Stahlzeit DIE Rammstein-Coverband. Vom Bühnenbild, über die Feuershow bis hin zur Authentizität der Bandmitglieder und dem Sound. Man könnte meinen Rammstein stünde auf der Bühne, obwohl die Herren ihre eigene Note mit in die Songs und die Show eingebunden haben. Das Publikum hat gerockt und fast jeden Song voll und ganz lauthals mitgesungen. Der Dank für diese Wahnsinns-Show war ein lang anhaltender Applaus in der Hoffnung auf eine Zugabe.

Nach so einer Packung war mussten wir erstmal eine kurze Verschnaufpause einlegen, bevor es für uns mit Tarja, der Band der ehemaligen Nightwish-Frontfrau weiterging. Wie man es aus vorigen Zeiten kennt, knallten aus den Boxen überwiegend harte, rockige Töne und die Stimmvielfalt der finnischen Sopranistin. Auch wenn einige der Gesangabschnitte leider vom Band zu kommen schienen kamen; ein gelungener Auftritt.

Abschliessend erfüllte Peter Heppner den Tanzbrunnen mit einer angenehmen, leicht poppigen Melancholie und trug uns entspannt zum Ende des ersten Tages auf dem Amphi-Festival 2016.

Frühsport, die Zweite

Der Sonntag begann ähnlich zackig und laut wie der Samstag. Xotox präsentierte den Fans auf der Theater-Stage ein reichhaltiges Elektrofrühstück mit einer ganzen Menge Bass. Auch dort waren sie wieder da; die tanzwütigen Frühaufsteher.

Im Anschluss liefterte die Berliner Band TÜSN trotz der merklichen Aufregung eine absolut professionelle Show ab. Schloss man die Augen, konnte man die Gefühle in ihren Songs nachempfinden und die Leidenschaft in jedem vom Frontmann gesungenen Wort spüren. Es ist erfrischend zu sehen, wenn man eine kleine Aufregung bei Musikern spürt und merkt, dass Musiker auch nur Menschen sind, die sich über den Jubel der Menge so sehr freuen. Sehr sympathisch.

Unzucht dagegen sind schon fast alte Amphi-Hasen und schmetterten wie gewohnt einen Stimmungsmacher nach dem anderen raus. Die segnende Mittagshitze schien dem partywütigen Publikum nichts auszumachen, eng an eng gedrängt tanzte die Menge. Sänger und Strahlemann Daniel Schulz wieder ganz nah und greifbar, feierte zusammen mit dem Publikum eine wahrlich unzüchtige Party.

Theater, Theater!

Um uns vor der erbarmungslosen Mittagshitze zu retten, flüchteten wir uns zur Theater-Stage, wo die Band Ost+Front mit ihrem Auftritt schon fünf Minuten früher begonnen hatte. Der Sound war super, die Band gewohnt unheimlich gekleidet. Leider wirkte das Programm sehr abgespult, keine Zeit für Applaus, die Lieder Schlag auf Schlag, wenig Interaktion mit dem Publikum, nur Hitze, Schweiss und teils sehr harte Worte. Zum Leidwesen der Techniker und Crew überzogen diese auch noch ihren Auftritt und verschwanden anschliessend sang- und klanglos von der Bühne.

Aufbau und Soundcheck für Coppelius mussten nun in Rekordzeit erfolgen. Davon liessen sich jedoch weder die Techniker noch Coppelius aus dem Konzept bringen. Aufbau und Sound sassen nach kurzer Zeit. Coppelius schlugen ihr schwarz-romantisches Geschichtenbuch auf und entführten auf eine Reise durch die Zeit. So glich auch die Bühnenshow eher einem Schauspiel als einer klassischen Bühnenshow. Mit und für das Publikum. Die Stimmung war gelöst und man blickte auf strahlende Gesichter die gespannt vor der Bühne, wie das Kind vor dem Geschichtenonkel standen.

Wer braucht schon die hohe See, wenn er Faderhead hat.

Mein persönliches Highlight für den Tag fand auf der Orbit-Stage in der MS Rheinenergie statt. Faderhead sammelte alle Tanzwütigen um sich, das Schiff war zum Bersten gefüllt und bebte. Mit präziser Aggression und ohne grosses Klimbim knallte der Hamburger den feierwütigen Altes und Neues von seinem pünktlich zum 10-Jahres-Jubiläum erschienen Album X, um die Ohren. Kommentar vom Käpt’n laut der offiziellen Amphi-Facebookseite: «Das muss das Boot abkönnen!»

Klare Abendluft

Aber auch die Headliner Editors haben ihre Live-Qualitäten unter Beweis gestellt und sich gut in das stellenweise ziemlich poppige Line-up eingefügt. Auch wenn der Sound sehr glatt ist und es für meinen Geschmack etwas an Ecken und Kanten mangelt, steht ausser Frage, dass sie sich ihren Platz als Festival-Headliner mehr als verdient haben.
So schlenderten wir am Sonntag dem Sonnenuntergang und dem Ende des Amphi-Festivals 2016 entgegen.

Heiss diskutiert

Abschliessend noch ein kleines Fazit zur Rückkehr zum Tanzbrunnen:

Positiv

Der Veranstalter hat sich grosse Mühe geben, dem sehr anspruchsvollen Szene-Publikum eine Location zu bieten, die die richtige Atmosphäre und Festivalluxus verbindet.

  • So hat man die Anzahl der sanitären Anlagen erhöht, einen Stand mit vergünstigtem Wasser für 3,00 Euro anstatt für 5,00 Euro aufgebaut und ein günstigeres Getränke und Essenangebot bereitgestellt, mit zahlreichen In- und Outdoor Sitzplätzen auf der MS-Rheinenergie.
  • Das überdachte Sitzplatzangebot im Beachclub wurde erweitert, so dass sich die blassen Gesichter etwas von der erbarmungslos scheinenden Sonne erholen konnten.
  • Auch konnte die erweiterte Flaniermeile mit einem erweiterten Essenangebot zwischen dem Festivalgelände und der MS-Rheinenergie punkten.

Negativ

Jedoch bringt eine Umorganisation auch Tücken mit sich.

  • So führte der Zugang Orbit- und Theater-Stage ausserhalb des Festivalgeländes zu langen Warteschlangen beim jeweiligen Einlass. Was wiederum dazu führte, dass man immer bangen musste die ein oder andere Band zu verpassen und man sich immer wieder erneut der Taschen- und Personenkontrolle unterziehen musste.
  • Auch fehlten Informationen darüber, dass auf dem Festivalgelände gekaufte Getränke nicht mit auf das Schiff gebracht werden durften. Also hiess es: Austrinken oder wegschütten.
  • Weiter stand die angekündigte Festival-App in diesem Jahr noch nicht zur Verfügung, so dass Informationen über zum Beispiel den Ausfall des One I Cinema-Konzertes erst bekannt wurden, wenn man vor den verschlossenen Theatertüren stand.

Schlussworte

Wenn ich das Amphi-Festival 2016 in kurzen Worten beschreiben müsste würde ich sagen: Eine sichere und solide Gesamtleistung ohne viel Schnickschnack und Experimente. Das Amphi ist erfolgreich zum Tanzbrunnen zurückgekehrt!