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Sleigh Bells machen sich auf «Jessica Rabbit» drauf und dran, die Popmusik zu ficken. Aufregender wird Pop nicht.

Der Popmusik werden Attributen wie Trivialität attestiert. Die Harmonie steht im Rampenlicht. Simple Strukturen dominieren die Lieder. Das ist an sich nichts Verwerfliches. Popmusik hat seine Daseinsberechtigung, selbst in ihrer Einfachheit. Wie still wäre es sonst in unseren Kleiderläden und Hotellobbys? Und wie könnten sich Teenager sonst die Welt schön singen, wenn doch Leben und Liebe so kompliziert ist?

Aber was ist, wenn man die Popmusik aus den mit Bieber-Poster tapezierten Zimmern pickliger Adoleszenten reisst und in einen anderen Kontext verpflanzt. Etwa in den Untergrund von New York City?

Stop and Go

Genau dort, in der nimmermüden Stadt, machten sich Alexis Krauss und Derek Miller daran, die Grenzen der Popmusik auszureizen. Unter dem Namen Sleigh Bells formierten sich Krauss und Miller vor gut sieben Jahren. Seit drei Jahren herrschte Funkstille aus dem Untergrund von Gotham, bis Sleigh Bells ein weiteres Album ankündigten.

Jessica Rabbit heisst das jüngste Kind des Duos. Aufregender war Popmusik nie als in den satten 14 Songs des Albums.

Nach einem kurzen, sphärisch-wummernden Torn Clean begrüsst uns Lighting Turns Sawdust Gold mit einer lieblichen Klaviermelodie. Und ja, es könnte durchaus ein typisches Popstückchen folgen. Doch bevor zu viel falsche Hoffnung entstehen kann, zerreissen Sleigh Bells die Vorahnung mit einem krachenden Beat.

Der Song schaukelt gewaltig: Krauss’ Stimme bleibt mal klinisch poppig, steigert sich mal zu regelrechten Schreien. Das Arrangement kennt keine Gnade, stoppt abrupt und gibt wieder Vollgas. Als sässe ein römischer Busfahrer hinter dem Mischpult. Ein ständiges «Stop and Go».

Massenschlägerei der Genres

Aber es war kein Busfahrer, der das Album abgemischt hat, sondern Andrew Dawson. Ein Mann, der bereits bei Kanye West oder Tyler The Creator für den Feinschliff sorgte.

Wer dachte, dass Lightning Turns Sawdust Gold schon abgefahren war, wird von I Can’t Stand You Anymore weggeblasen. Da dröhnt plötzlich eine E-Gitarre, angetrieben von einem satten, elektronischen Beat. Und Krauss’ Stimme ist wieder das einzige Element, das an Pop erinnert.

Ist das nicht Lady Gaga, fragt man sich hin und wieder. Langsam schält sich eine betörende Melodie heraus. Aber als ob die Sleigh Bells es sich während dem Song anders überlegt haben, fräst ihr die Gitarre erneut in die Parade.

Dann kommt Crucible und man kapituliert. Kein Song war je eine grössere Reizüberflutung. Ein angsterfüllter Schrei öffnet die Tore. Dann pumpen die Bässe, eine arabisches Melodiefragment schwirrt im Raum, die Gitarren schlingern wieder. Es ist wie eine Massenschlägerei der Genres. Es geschieht unglaublich viel, zu viel, um es überhaupt erfassen zu können. Dieser Rausch stoppt wieder mit einem Ruck. Die Gitarre wird akustisch, der Rhythmus wechselt. Der Song wird schneller und schneller, bremst wieder und nimmt nähert sich dem Hip-Hop an.

Ein musikalischer Flickenteppich

Nach einem kleinen Intermezzo von Loyal For folgt I Can Only Stare, die Vorab-Single. Hier präsentieren sich Sleigh Bells erneut in traditioneller Pop-Manier. Dafür mit einem gehörigen Schuss Grobheit in den dröhnenden Synthesizer-Lines.

Throw Me Down The Stairs setzt uns dann wieder fräsende Gitarren und mutige Rhythmus-Wechsel. Es ist, als nähmen Sleigh Bells die Popmusik, reissen hier und da Fetzen raus und nähen an allen Ecken und Enden neue Stücke an. Das Ergebnis ist ein Flickenteppich, der ebenso wild und chaotisch wie unzähmbar wirkt. Da machen auch Unlimited Dark Paths und Rule Number One keine Ausnahme.

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Sleigh Bells machen den Soundtrack für den Grossstadt-Dschungel. Bild: zvg

Leicht sanftere Töne schlägt das Duo dafür bei I Know Not To Count On You und Hyper Dark an. Diese Songs vermögen nicht ganz den Variantenreichtum der schrägen Kracher. Deshalb scheinen sie fast schon gewöhnlich, um nicht zu sagen – langweilig.

Mit As If frisst sich zum Abschluss des Albums trotzdem nochmals ein aggressives Spoken-Word-Stück in den Gehörgang. Es ist so abartig aufgebaut, dass es wie ein musikalischer Albtraum wirkt – unangenehm und doch faszinierend.

Sountrack für den Grossstadt-Dschungel

Nach Jessica Rabbit ist man als Hörerin oder Hörer erst mal erschlagen. Die Verarbeitung dessen, was man sich gerade angetan hat, braucht erst mal Zeit. Doch dann dämmert es: Sleigh Bells haben nichts Geringeres gemacht, als die Popmusik genommen – verzeiht die Vulgarität –und von vorne und hinten gefickt. Bis zur Unkenntlichkeit.

Was der Sound auf Jessica Rabbit genau ist, lässt sich nicht beschreiben. Es ist ein Potpourri aus so ziemlich allen erdenklichen Stilen und Kulturen. Vielleicht ist diese Musik bezeichnend für eine Stadt wie New York City – ein Schmelztiegel der Welt. Düster und schmutzig. Schillernd und weltberühmt. Wild und überwältigend wie der Times Square.

Jessica Rabbit ist der Soundtrack für den Grossstadt-Dschungel.

Jessica Rabbit

4
/5
11. November 2016

Release

Omniam Music Group

Label

Tracklist

  1. It's Just Us Now
  2. Torn Clean
  3. Lighting Turns Sawdust Gold
  4. I Can't Stand You Anymore
  5. Crucible
  6. Loyal For
  7. I Can Only Stare
  8. Throw Me Down The Stairs
  9. Unlimited Dark Paths
  10. I Know Not To Count On You
  11. Rule Number One
  12. Baptism By Fire
  13. Hyper Dark
  14. As If