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Die holländischen Thrash Metaller von Legion of the Damned spielten Ende September ein Konzert in der Schüür in Luzern. Wer nicht dort war, hat für längere Zeit Pech gehabt. Nach einem ereignisreichen Jahr braucht die Band eine Auszeit. An welchem Strand Sänger Maurice Swinkels diese Pause am liebsten verbringt, wie ein Steak Desaster in Luzern und er als Frau aussieht, hat er uns im Interview verraten.

Maurice Swinkels im Interview mit Negative White (Foto: Sacha Saxer)

Vor dem Metal Storm-Abend am 27. September in der Schüür trafen wir einen gut gelaunten und gesprächigen Maurice Swinkels zu einem kleinen Schwatz bei Bier und Kuchen. Wir unterhielten uns nicht nur über das letzte Album und die ausgiebige Tour, sondern Maurice sah sich auch mit weniger gängigen Interviewfragen konfrontiert und meisterte diese mit einer grossen Portion Augenzwinkern und Spass.

«Slayer-Fans würden uns mit Tomaten bewerfen»

Seit der Veröffentlichung eures aktuellen Albums Anfang Jahres seid ihr viel unterwegs, unter anderem wart ihr mit Sepultura auf Tour. Gibt es Highlights?

Die Tour mit Sepultura war die beste Tour, die wir je gemacht haben. Wir hatten einen super Bus, es war alles sehr komfortabel und gemütlich. Deshalb waren auch alle Beteiligten sehr entspannt und es gab nie Streit. Den gibt es auch sonst kaum, aber irgendjemand geht einem auf Tour ja immer auf die Nerven… Dieses Mal hatte ich auch noch nach drei Wochen nicht genug! Die perfekte Tour.

Nach der heutigen Show in Luzern spielt ihr Mitte Oktober eine einzelne Show in Mexiko…

Genau, wir fliegen für eine Show am Freitag hin und Montag wieder zurück. Wir waren vor anderthalb Jahren schon in Südamerika und sehr viele Mexikaner fragten damals nach einer Show in Mexiko. Da die Reise durch Südamerika jedoch schon geplant war, ging dies zu jenem Zeitpunkt nicht. Unser dort ansässiger Booker hat uns dann eine Show in Mexiko City zusammen mit Exodus vor 2000 Leuten angeboten. Ich war erst skeptisch, ob das klappt, aber wie man sieht hat’s funktioniert!

Gibt es Bands, mit denen ihr unbedingt mal auf Tour gehen wollt?

Nicht wirklich! Viele Leute fragen mich, ob ich nicht gern mal mit Slayer touren würde. Ich würde die Jungs echt gerne mal treffen, aber ich würde nie mit ihnen auf Tour gehen. Der Grund ist, dass uns die Leute oft mit Slayer vergleichen. Wenn wir mit ihnen spielen würden, würden uns die Slayer-Fans wohl mit Tomaten bewerfen!

Heute Abend spielt ihr mit vier anderen Bands. Wolfheart, Parasite Inc., Zatokrev und Karmageddon. Kennst du ein paar der Bands?

Ich kenne nur Wolfheart, beziehungsweise Tuomas. Von den anderen hab ich noch nie gehört! (lacht)

Wirst du dir ihre Shows trotzdem ansehen?

Nein. Ich brauche Zeit um mich auf unser eigenes Konzert vorzubereiten.

Hast du denn ein spezielles Ritual, wie du das machst?

Ja. Ich muss etwa 45 Minuten bis eine Stunde vor dem Konzert allein gelassen werden. In der Zeit darf mich niemand ansprechen. Manchmal schliesse ich mich auf dem Klo ein! Ich muss mich dann konzentrieren, die Texte wiederholen, mein Adrenalin unter Kontrolle bekommen.

Brauchen das die anderen Bandmitglieder auch?

Nee, nur ich.

 

Der Diktator

Gibt es bei euch auch spezielle oder lustige Backstage-Erlebnisse?

Lass mich nachdenken…nicht viele. (überlegt ernsthaft)
Ich muss sagen, dass unsere Tourneen immer sehr professionell sind. Kreator, Celtic Frost oder Behemoth, mit denen wir jeweils schon auf Tour waren, sind alles professionelle Bands. Da geht nicht viel! Die Bands müssen ja jeden Tag fit auf der Bühne stehen. Klar wird etwas Alkohol getrunken, aber mehr passiert da nicht. Das war früher! Als wir noch jünger waren und als Occult (Legion of the Damned machten bis 2004 unter diesem Namen Musik, Anm. d. Verf.) unterwegs waren, da war alles noch total spannend.

Jetzt seid ihr also alle total erwachsen und brav…

Ja, und alle Bands, mit denen wir unterwegs sind, sind so. Jeden Tag kaufen sich die Leute für einen Haufen Geld Tickets zu den Shows, die wollen die Bands sehen. Da kannst du nicht besoffen auf der Bühne stehen.

Wie läuft das denn nach einer Show bei euch?

Es wird abgebaut, alles muss zurück in den Bus, man trinkt noch ein oder zwei Bier, aber die meisten sind dann müde und gehen schlafen. Ausser Twan, er ist der Jüngste der Band und er schafft es noch, bis morgens um fünf Uhr zu saufen und um Sieben wieder vor dem Bus zu stehen. Das ist schon okay. Aber ich bin der Diktator in der Band und sorge vor allem für Pünktlichkeit. Wenn jemand nur eine Minute zu spät kommt, werde ich pissig. (lacht)
Ich glaube, Disziplin ist ganz gut für die Atmosphäre. Da weiss jeder woran er ist.

Das hört sich an, als sähest du Legion of the Damned als ganz normalen Job an?

Ich sehe die Band schon als Job! Wie bei jeder anderen Arbeit werden wir ja dafür bezahlt, was wir machen. Aber im Gegensatz zu anderen Jobs ist es natürlich auch zu einem grossen Teil Spass.

Der Tour-Spass scheint aber zumindest bald ein Ende zu haben, euer Kalender ist nach dem Gig in Mexiko leer. Braucht ihr eine Pause?

Wir haben für nächstes Jahr erst ein paar Tage in Russland geplant, das Hellfest in Frankreich und ein Festival in Spanien. Ausserdem wissen wir schon, dass wir keine Konzerte in Deutschland, in Österreich und der Schweiz spielen werden. Das heisst, ja, wir machen eine Pause. 2016 feiert unser Album Malevolent Rapture zehnjähriges Jubiläum und dann kommen wir wieder.

Wenn man bloss gewusst hätte, dass heute die letzte Show bis 2016 ist, hätten wir uns noch was einfallen lassen!

Ja…das weiss noch kaum jemand. Jetzt wisst ihr etwas Exklusives. (schmunzelt)

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„Ja, ich würde gern in Thailand leben!“, Maurice mit unserer Reporterin Friederike. (Foto: Sacha Saxer)

 

Strandträume und Steak-Desaster

Da wir vorhin von Jobs sprachen: Ihr lebt ja alle in Holland. Könntest du dir vorstellen, an einem anderen Ort zu leben?

Ja, ich würde gern in Thailand leben! Ich war schon fünf-, sechsmal in Thailand – ich liebe es. Ich muss zwischendurch reisen, denn ich arbeite nebst der Musik noch für Nuclear Blast seit zwölf Jahren. Bei Legion mache ich auch alles selbst. Das heisst, ich arbeite jeden Tag, auch samstags und sonntags. Mein Büro ist bei mir zu Hause, ich kann also nie richtig von der Arbeit weg. Wenn ich eine Pause brauche, schliess‘ ich die Tür hinter mir und fliege weit weg. Das ist mehrmals im Jahr jeweils für drei, vier Wochen.

Wie stehts um den Rest der Band – arbeiten die andern Jungs auch so hart?

Ja, alle arbeiten neben der Musik.

Was wärst du geworden, wenn du nicht bei Nuclear Blast und bei Legion of the Damned gelandet wärst?

Ich hab Zimmermann gelernt. Aber ich hörte 1994 mit der Ausbildung auf, da wir mit Immortal auf Tour gingen. Und zwar mittendrin: Wir hatten eine achtstündige Prüfung, die ich auch begann. Nach zwei Stunden hab ich aber abgegeben und bin gegangen mit den Worten «Tschüss, ich geh jetzt mit Immortal auf Tour»! (lacht)
Musik war schon immer alles für mich. Später hab ich dann auch in irgendwelchen Fabriken als Zimmermann gearbeitet, aber eigentlich hat es mir nie richtig gefallen. Ansonsten liebe ich es zu kochen! Ich wünschte mir, ich hätte im Kochunterricht besser aufgepasst. Wenn ich nicht Musiker wäre, wär ich gerne Koch.

Kannst du auch thailändisch kochen?

Ja sicher! Ich hätte auch sehr gerne ein kleines Restaurant irgendwo in Thailand am Strand.

Isst du auch gerne?

Auf jeden Fall. Ich liebe es, in Restaurants zu gehen.

Was esst ihr am meisten auf Tour? Kuchen? Ihr habt ja von den Veranstaltern einen wunderschönen Legion of the Damned-Kuchen bekommen und schon fast aufgegessen!

Ja! Kuchen, Süssigkeiten und Steak!

Deshalb der Grill draussen? (im Garten der Schüür gab es vor den Shows Barbecue für alle, Anm. d. Red.)

Genau, das war unsere Idee. Wer mit uns auf Tour ein Kilo Steak isst, erhält von uns ein spezielles T-Shirt! Und auf jeder Tour probieren wir verschiedene Steak Houses aus.

Wart ihr hier in Luzern auch in einem?

Gestern waren wir in Chimney’s Steakhouse – das beste der Stadt wurde uns gesagt. (beginnt zu grinsen)
Es war ein Desaster. Der Kellner war total betrunken. Wir konnten es erst kaum glauben und fragten sogar den Koch, was mit dem Kellner los sei. Er bestätigte dann unsere Vermutung! Später haben wir dann gesehen, wie er sich hinter dem Tresen die ganze Zeit Champagner hinter die Binde kippte! Ich hab das noch nie gesehen! Wir haben uns bepisst vor lachen. Er versuchte die Servietten zu falten, es klappte aber nicht richtig und er fing wieder von vorne an – es hat ungefähr eine Stunde gedauert! Gottseidank hatten wir Zeit.

Da fällt mir gerade nur Dinner for one ein, der Silvesterklassiker! Kennst du den?

Mit dem besoffenen Kellner? Jaja, das kenn ich! Gestern lag zwar kein Tigerkopf auf dem Boden, aber ein Vorhang trennte die Räume und er kam mit den Tellern nicht richtig durch den Vorhang. (er springt auf und ahmt den Kellner nach, wie er unbeholfen rückwärts durch einen unsichtbaren Vorhang stolpert)
Das war lustig. Aber das Steak war gut. Wir haben auch schon überall in Europa Steaks probiert – das gestern war gut.

 

Langhaarige, soziale, holländische Fleischesser

Ihr seid also überzeugte Fleischesser. Was macht ihr, wenn ihr wieder einmal ein neues Bandmitglied anheuert und dieser ist Vegetarier?

Dann kommt er nicht in die Band. (lacht) Das ist dasselbe, wie ich keinen Typen in die Band aufnehme, der kurze Haare hat. Okay, Erik hat kurze Haare, aber als Schlagzeuger geht das schon. Aber vorne kann keiner mit kurzen Haaren stehen. Unmöglich.

Habt ihr da eine Mindestlänge für die Haare festgelegt?

Als Harold 2006 zur Band stiess hat unser Manager erst einmal ein Foto von ihm verlangt, um die Haarlänge zu überprüfen. Bis zu den Oberarmen müssen sie schon gehen. (zeigt ungefähre Länge)

Gibt’s bei euch noch weitere Kriterien, die man als potentielles Bandmitglied erfüllen muss?

Er darf kein Egoist sein. Und er muss in der Nähe wohnen. Jemanden aus der Schweiz oder Deutschland in die Band zu holen, kommt nicht in Frage. Sonst funktioniert das mit dem Proben nicht.

Da wir schon bei den albernen Fragen sind. Was würdest du tun, wenn du einen Tag lang eine Frau sein könntest?

Puh, das ist schwierig! Ich denke, ich würde mich schön machen! Frisieren, schminken und so weiter. (lacht bei der Vorstellung) Dann würd‘ ich zur Maniküre gehen und mich prächtig amüsieren. (lacht)
Keine Ahnung – das hab ich mir noch nie überlegt.

Wie würdest du denn aussehen?

Ich würd nur wenig Make-up tragen. Ich mag es, wenn Frauen natürlich schön sind.

 

Und jetzt noch im Ernst…

Lass uns doch noch etwas über die Musik sprechen. Euer aktuelles Album Ravenous Plague ist musikalisch nichts völlig Neues, ihr vertraut auf euer Erfolgsrezept…

Ja, das erzähl ich dir auf englisch. (lacht und wechselt von Deutsch auf Englisch)
Der Grund, warum das Album nichts völlig Neues ist, ist, dass wir unsere neuen Fans nicht enttäuschen wollten. Wir wollten uns treu bleiben und keinem den Eindruck vermitteln, dass Twan Van Geel den typischen Legion-Sound zerstört. Es musste sich also anders anhören, aber nicht völlig jenseits. Ich weiss, dass sich viele Leute beschweren, wir würden uns immer gleich anhören. Aber für uns geht es in kleinen Schritten vorwärts. Beim nächsten Album möchten wir vielleicht noch melodischer klingen, aber das wird in kleinen Schritten angegangen.

Wie sehr war Twan denn ins Songwriting integriert?

Twan hat sehr viel beigesteuert. Es fiel auf, dass er eine völlig andere Art des Riffing hat als Richard (Richard Ebisch, der Vorgänger von Twan, Anm. d. Verf.). Er hat auch völlig andere Einflüsse.

Euer vorletztes Album, Descent into Chaos, habt ihr als einziges bei Peter Tägtgren aufgenommen, für Ravenous Plague seid ihr aber wieder zurück zu eurem Stamm-Produzenten Andy Classen. Habt ihr euch nie überlegt, zu einem ganz anderen Produzenten zu gehen?

Bevor wir zu Peter gingen, hatten wir genau das Gefühl. Bei jedem Album, das mit Andy Classen entstand, erzählte ich den Journalisten dieselbe Geschichte zur Entstehung und zum Prozess. Dieser Prozess bleibt ja auch immer gleich. Davon hatte ich persönlich auf einmal genug und so gingen wir zu Peter. Als Richard die Band verliess und wir mit Twan einen neuen Gitarristen hatten, fanden wir es gut, mit einem Produzenten zusammen zu arbeiten, der uns genau kennt und Tipps geben kann. Deshalb hatten wir dieses Mal nie das Bedürfnis nach jemand völlig Neuem. Der Sound, den wir seit Jahren machen, ist typisch Andy Classen. Er bekommt genau diesen rohen Sound hin, den wir haben wollen – deshalb passt er so gut zu uns. Nachdem wir bei Peter waren haben sich eingesessene Fans über den anderen Klang beklagt.

Ich höre immer wieder heraus, dass ihr es euren Fans möglichst Recht machen wollt?

Ja! Ich hab engen Kontakt zu unseren Fans, sei es auf Facebook oder nach den Konzerten. Das machen nicht viele Bands. Wir machen das seit Anfang an und ich finde es sehr wichtig! Fans sind sehr ehrlich und sagen uns ihre Meinungen zu uns, zu anderen Bands – positiv und negativ. Wenn mir jemand erzählt, er fand ein Album doof, dann kann ich ihn direkt nach den Gründen fragen. Ich lerne davon! Wir laufen nicht hochnäsig rum und nehmen keine Kritik an.

Das Album wurde nicht nur kritisiert sondern vielerorts als euer bestes Album gelobt – findest du das auch?

Viele Leute finden eigentlich unser erstes Album Malevolent Rapture am besten. Für mich ist das schwer nachvollziehbar, da es nicht mein persönlicher Favorit ist – aber jeder hat ja bekanntlich einen eigenen Geschmack. Ich persönlich mag das neue Album von der Produktion und von den Songs her sehr gern und auch die melodische Seite der Riffs gefällt mir.

Euer Gitarrist Twan Van Geel kriegt live Verstärkung von einem zweiten Gitarristen, Hein Willekens. Das Konzept scheint sich bewährt zu haben. Bleibt er?

Ja, er bleibt. Hein macht die Band stärker und die Soli, die auf der Platte sind, werden so auch live spielbar.

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(Foto: Sacha Saxer)