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Das Greenfield Festival konnte 2016 einen Besucherrekord verkünden: 25’000 Besucher trotzten dem Wetter und feierten vier Tage lang auf dem Flugplatz Interlaken.

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Wenn das Greenfield eines gezeigt hatte, dann, dass sich Rock & Metalfans nicht von ein wenig Regen vom Party machen abhalten lassen. Auch von viel Regen nicht. Schon gar nicht, wenn das Lineup mit über 60 Bands für jeden Geschmack etwas vorzuweisen hat. Viel mehr erfreuten sich die Besucher an den Neuerungen, die das Festival dieses Jahr zu bieten hatte.

Erstmals fand das Greenfield an vier Tagen statt. Der Grund dafür war simpel: Die Veranstalter wollten unbedingt mal die Red Hot Chilli Peppers ans Greenfield holen und der Mittwoch vor dem offiziellen Festivalstart war die einzige Möglichkeit, die Truppe ins Berner Oberland zu holen. Es sei aber aktuell nicht geplant, das Festival weiterhin viertägig weiterzuführen, hiess es an der abschliessenden Pressekonferenz. Obwohl der «Super Wednesday» nur gerade vier Bands am Start hatte, waren auch am ersten Tag schon rund 25’000 Fans auf dem Festivalgelände unterwegs. Hier haben die Veranstalter aber leider die Chance verpasst, die beiden anderen Bühnen mit je fünf Schweizer Bands bespielen zu lassen. Scheinbar soll es da Probleme mit der Bewilligung gegeben haben. Sollte es in Zukunft trotzdem mal wieder einen vierten Tag am Greenfield geben, wäre dies eine wunderbare Gelegenheit, neuen, unbekannten Schweizer Bands eine Plattform zu geben und für die Besucher gäbe es Alternativen zu den grossen Acts auf der Hauptbühne.

A new Home

Die zweite Neuerung, die sehr gut ankam, war die dritte Bühne, die neben der kleinen Bühne aufgebaut wurde und vor allem mit alternativen Genres bespielt wurde. So fanden nun Gothic Rock/Metalbands und Mittelalterbands endlich ein Zuhause am Greenfield Festival. Durch die beiden kleinen Bühnen, die gleich nebeneinander standen, wirkte nun auch diese Ecke des Festivals solide und nicht mehr so verloren wie in den letzten Jahren. Diese Änderung wird auch in Zukunft Bestand haben und so dem Festival eine längst überfällige musikalische Bereicherung erlauben, ohne ihre Core-Fans zu verärgern. Man darf nun darauf hoffen, dass Bands wie Katatonia und My Dying Bride im gleichen Jahr auftreten werden.

Der Mittelaltermarkt wurde vergrössert und umfasste nun rund 3’000 Quadratmeter. Allerdings befand er sich immer noch ausserhalb des eigentlichen Festivalgeländes auf dem Campingplatz und wirkte dadurch nach wie vor wie ein Fremdkörper. Es wäre für den Markt sicherlich von Vorteil, wenn er ebenfalls ins Infield integriert würde, da dann die Kontrollen ins Konzertgelände nach einem Besuch des Marktes wegfallen würden.

Zum Abschluss wurde es nochmals richtig heiss

Die letzte Neuerung stand gegenüber der zwei kleinen Bühnen: Die Burning Hand. Eine riesige Holzskulptur in Form des allgegenwärtigen Metal Grusses, welche im Anschluss an das letzte Konzert zu einer Auswahl klassischer Musik feierlich entzündet und verbrannt wurde. Das Ganze hatte etwas von einem «SechsSechsSechsi-Lüüte» und war ein würdiger Abschluss des Festivals.
Ursprünglich war geplant, dass die Besucher mithelfen konnten, die Hand fertig zu bauen, aber wegen dem starken Regen wurde der Boden so aufgeweicht, dass die Menge an Helfern den Boden komplett ruiniert hätten. Hoffentlich hält Petrus nächstes Jahr die Schleusen geschlossen und lässt die Fans an dem Spektakel teilhaben.

Nicht alles ist Gold, was glänzt

Doch nicht alle Neuerungen stiessen auf Gegenliebe. Gab es bislang keine Mengenbeschränkung für das Mitbringen von Getränken auf das Campinggelände, so ärgerten die Veranstalter dieses Jahr mit einer Einfuhrbegrenzung von einmalig sechs Litern pro Person die Besucher. Besonders schlecht kam die nach Ausrede klingende Begründung, andere Festivals hätten eine Limite von drei Litern, an. Diese ergab in etwa gleich viel Sinn wie die Aussage: «Ich mag keine Bananen, wieso isst du Äpfel?» Immerhin konnte die Ankündigung, dass es im Dennershop auf dem Campingareal Getränke zu normalen Ladenpreisen zu erwerben gab, die Gemüter wieder etwas abkühlen, zumindest die derjenigen, die sich mit dem Substandard-Bier, dass der Hauptsponsor Heineken zuliess, arrangieren konnten. Dabei gibt es gerade in dieser Region viele gute kleine Brauereien, die wissen, wie man schmackhaften Gerstensaft herstellt.

Never change a winning team

Doch neben den Neuerungen gab es auch altbewährtes. Und dazu gehörte an erster Stelle das Publikum. Auch wenn es am Mittwoch und einen grossen Teil des Donnerstags geregnet hatte, als wäre dies die letzte Möglichkeit vor der Sommerpause, so liess sich eigentlich niemand die Stimmung vermiesen. Es erinnerte ein Stückweit an das letztjährige Wacken Open Air, das ebenfalls schon vor dem eigentlichen Start regelrecht ertränkt wurde. Wozu über das Wetter jammern, wenn man es sowieso nicht beeinflussen kann? Es war nun halt mal nass, aber man kam ja auch nicht zum Sonnen her, sondern um Musik zu hören. Nach den ersten paar Hüpfern in den Schlammtümpeln waren wohl alle froh, dass zu Hause eine Waschmaschine steht – die im Idealfall auch noch von Mutti bedient wird. Was auch immer der Grund für die gute Stimmung war: Danke ans Publikum! Ihr habt das Festival zu dem gemacht, was es war: Vier Tage fantastische Stimmung.
Und auch die Bands freuen sich immer wieder nach Interlaken zu kommen. So meinte Alex Wesselsky von Eisbrecher: «Das wahrscheinlich schönst gelegene Festival in fucking Europa.» Wir wollen ihm da nicht widersprechen.

Das letzte Hemd für nen Krümel Burger

Ein Wermutstropfen stellten die Preise der Speisen dar: Für die teilweise sehr mickrigen Portionen, die nicht mal meine 12jährige Tochter satt gekriegt hätten, mussten exorbitante Preise gezahlt werden. Wenn man bedenkt, dass das Lineup mit seiner starken Ausrichtung nach Core Metal vor allem von einem eher jüngerem, entsprechend zahlungsunfähigerem Publikum gehört wird, bleibt die Frage, wieso diesem Umstand nicht Rechnung getragen wird. Zum Glück gab es auch Ausnahmen. Besonders das Knoblauchbrot für fünf Franken war grandios. Lecker und dazu auch noch riesig. Und der Kaugummi gegen den schlechten Atem danach war nur ein weiterer Bonuspunkt.
Oder der Foodstand neben der Bonesklinic im RCKSTR-Block. Dort gab es die wohl besten Burger des Festivals zu einem angemessenem Preis.
Für Veganer gab es dieses Jahr auch einen extra Stand: Unmeat sorgte dafür, dass diejenigen, die sich sämtlichen tierischen Produkten entsagen, auch auf ihre Kosten kamen. Allerdings waren die Preise dort ebenfalls recht saftig, was sicherlich vielen das Probieren aus Neugier uninteressant gemacht hatte. Ein kleiner Tipp: Probierportionen, um Neulingen die Küche schmackhaft zu machen. Und nennt euer Chilli nicht «con Carne», wenn es vegan ist. Chilli senza Carne kann definitiv sehr lecker sein. Steht doch einfach dazu.

Persönliches Fazit

Natürlich fand ich nicht alle Bands toll, die in diesem Jahr aufgetreten sind. Ich werd auch nicht alle Bands toll finden, die nächstes Jahr auftreten. Dazu ist die Bandbreite des Zielpublikums zu breit. Und das ist auch völlig OK. Mit der neuen, dritten Bühne, die auf die dunkleren, spezielleren Bands ausgelegt ist, besteht die Chance, dass ich nächstes Jahr an jedem Tag voll auf meine Kosten komme. Die grossen Headliner interessieren mich schon seit Jahren nicht mehr. Bringt mir ein paar coole Newcomer und ein paar abstruse Grössen aus der Schwarzen Szene und ich bin glücklich. Aber lasst bitte in Zukunft diese Techno-Bands im Stil von The Prodigy weg. Am Greenfield sollten Gitarren herrschen, nicht Synthesizer…

Fotos: Angela Michel, Christoph Gurtner & Sacha Saxer