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Manchmal wär ich gern schwul gewesen. Besser: ein schwuler Mann in Berlin in dieser einen Nacht. Denn da gibt es einen Klub, der in eben dieser einen Nacht, all das geboten hat, was ich mir nie hätte erträumen lassen. Ein Heterokind berichtet.

Betrunken von einer Homeparty per Taxi direkt vor den Club und dann ins Glück. Das war unser Plan in Berlin. Zusammen mit einer gut gelaunten Freundin und einem angetrunkenen Freund kamen wir an und warteten mit einem breiten Grinsen vor der massiven Tür. Da öffnete sich diese einen spaltweit und eine ältere, sexy Frau fragte: „Wisst ihr wie die Party heisst?“ Ich schluckte leer und aktivierte mein Hirn, aber nichts kam. Mein Kumpel meinte „Blabla“ (ich weiss es tatsächlich nicht mehr) und ich war froh jemanden dabei zu haben, der schwul ist und sich ein bisschen auskannte. Ich fühlte mich als Loser und dem Partytourismus nahe, weil ich mich nicht informiert hatte. Die Frau gab uns eine Chance und klärte auf: „Hier sind alle schwul und ziehen sich aus. Nur, dass ihr am Ende nicht enttäuscht seid, wenn’s nicht so verläuft, wie ihr wollt.“ Dabei schaute sie einfühlsam zu mir und meiner Freundin, was mich eine Sekunde enorm berührte – so von Frau zu Frau. Eigentlich wollte ich da nicht mehr rein. Ich wollte an eine Party, an der ich tanzend flirten und knutschend abschleppen konnte. Doch ‚eigentlich‘ gibt’s nicht. Ausserdem hatte ich kaum einen Willen, dafür um so mehr Neugierde. Wir gingen rein. Es war 4 a.m.

Stählerne Körper. Schöne Gesichter. Männliche Menschen. Blicke, die unsicher durch den Garderobenraum streiften und abcheckten, wer da durch das Tor zur Aussenwelt kam. Die Blicke gingen an mir vorbei. Ich schaute umher. Mir gefiel, was ich sah, wobei ich nicht zu gefallen schien: „Wie sieht die denn aus?“, kontrollierte mich die Garderobiere, die Domina-mässig gestylt ihren halbnackten Kollegen anstupste. In meinem hübschen Blumenkleid kam ich mir vor wie eine Literaturwissenschaftsstudentin, die aus ihrer Gitarrenstunde kam. Nichts gegen dieses Studienfach und dieses Instrument, aber mein Styling vom Morgen (11 a.m.), als wir das Haus verliessen, passte einfach nicht in diesen Samstagmorgen (4 a.m.). Zwischen solchen Zeiten sollten Welten liegen, sonst macht es keinen Spass. „Strumpfhose aus!“ Ich gehorchte und überlegte mir, weshalb das nötig war. Denn Schwule stehen ja bekanntlich nicht auf Frauen. Vermutlich ging es darum, den allgemeinen Anblick drin zu bewahren: möglichst viel nackte Haut.

Meine willensstarke Freundin riss mich aus den Gedanken: „Ich geh’ da nicht rein. Die meinte, ich müsse meine Hosen und mein Shirt ausziehen. Das kannst du vergessen. Ich gehe.“ Sie musste niemandem etwas beweisen – Coolness in Person. Ich hingegen…wenn ein so grosses Ding um den Einlass gemacht wird, will ich erst recht rein und dabei sein – bescheuert. Ein Überbleibsel meiner Teenagerzeit. Genau so, wie damals ein Türsteher, der mich nicht reinliess, weil ich flache Schuhe trug. Das hier war aber eine andere Liga: Es ging um eine Party in der Schwulenszene, in der man, all das machen konnte, was man wollte, ohne sich beobachtet zu fühlen. Mann weiss, was ihn hier erwartet – Gleichgesinnte. Wir gingen.

Ich kam wieder. Ausgerüstet mit einem anderen Styling, Speed im Blut und zwei schwulen Kumpels, wollte ich es nochmals versuchen. Es war 6 a.m. Die Musik, Techno vom Feinsten, war hervorragend und animierte mich auf der Tanzfläche meine Runden zu drehen. Trotz meiner anfänglichen Flirtstimmung, ist es ein unglaublich befreiendes Gefühl tanzen zu können, ohne angemacht zu werden – ich und die Musik ganz allein. Nun, würde ich niederschreiben, was mein nicht schwules Wesen an diesem Morgen alles gesehen hat, es käme einer pornografischen Erzählung gleich. Letztlich ist es nichts, was wir nicht alle schon mal gesehen oder gemacht haben. Jungfrauen ausgeschlossen. Ich beobachtete. Ich versuchte nicht aufzufallen und es gelang mir. Manches geschah hinter Vorhängen, was auch meinen Augen verwehrt blieb. Doch das, was ich sehen konnte, reichte mir nach vier Stunden. 11 a.m: ein Kumpel fehlte. Wir setzten uns nach draussen an den Pool, wo nackte Männer sich amüsierten. Insgesamt waren ungefähr sechs Frauen an dieser Party. Mit einer davon verbrachte ich einige Tanzrunden. Weil sie aber total betrunken kaum mehr stehen konnte, liess ich sie eiskalt stehen. Zu spannend war das Geschehen um mich herum, als das ich mich um eine anfänglich trinkfeste Engländerin kümmern wollte. Und auch wenn mir schien, dass diese Party für manch’ einen nie enden wird, kam es, wie es kommen musste: Wir gingen nach Hause.

Der Sonnenschein, das Vogelgezwitscher und die Frühaufsteher bewiesen mir, dass ich Stunden in der Parallelwelt verbracht hatte. Ganz ehrlich, ich finde es faszinierend, dass es solche Orte gibt. Gerne wäre ich ein aktiver Teil davon gewesen: Schwul für eine Nacht, nur um zu sehen, wie es ist.