Ein Passwort wird per E-Mail an Sie geschickt

Egal, ob man zum ersten oder zum 23. Mal zum Wave Gotik Treffen fährt: Vorfreude herrscht immer (wieder). Die ganze schwarze Gesellschaft freut sich auf diesen «Urlaub». Für viele bedeutet das WGT Erholung, einfach so sein zu können, wie man ist, ohne doof angestarrt zu werden. Der erste Tipp, den man als WGT-Neuling bekommt, ist: Mach dir ja keinen Plan, den wirst du eh nicht einhalten können.

Auch wenn man sich keinen Plan machen sollte: Ich hatte mir natürlich trotzdem ein paar Dinge notiert, die ich gerne sehen wollte. Das Angebot am Wave Gotik Treffen (WGT) ist extrem vielfältig. Ob Konzerte, Museumsausstellungen, Lesungen, Autogrammstunden, Filmvorführung oder andere Events; hier findet man für jeden Typ Mensch etwas Passendes.

Zuerst ein paar Worte zu den negativen Dingen des WGT (denn davon gibt’s nicht viele, während die Liste der positiven ellenlang ist): Das WGT erstreckt sich über die ganze Stadt Leipzig. Das hat den Vorteil, dass man etwas von der Stadt sieht, aber durch das dichte Programm ist es stressig, wenn man noch rechtzeitig an die neue Location gelangen möchte. Zwar fahren die Strassenbahnen regelmässig, dennoch verpasst man einiges einfach durch die Anfahrtszeiten. Der zweite etwas unschöne Faktor dieses Jahr war, dass das Stadtfest zur gleichen Zeit stattfand. Als ob die Hotels nicht schon durch das WGT und die Automesse vollkommen überbucht gewesen wären. Zudem verträgt sich die volkstümlich angehauchte Musik eher dürftig mit dem Musikgeschmack der WGT-Besucher und gewisse Begegnungen zwischen den Stadtfest- und den WGT-Besuchern führten zu Kulturschocks beider Seiten.

Fotos «unter der Gürtellinie»

Der letzte negative Punkt war, dass gewisse (meist etwas ältere) Herren anwesend waren, welche es nicht lassen konnten, aus – für die Fotografierten – ungünstigen Blickwinkeln zu fotografieren. Sprich: Es entstanden einige Bilder «unter der Gürtellinie». Die meisten WGT-Besucher posieren gerne und sind gerne bereit, für Fotos Modell zu stehen. Sie fühlen sich geschmeichelt, wenn das (provokante) Outfit bewundernde Zurufe oder angeregte Diskussionen auslöst. Das ist auch kein Thema.

Aber es gab auf diesem WGT immer wieder Männer, die es nicht lassen konnten, unter die teils sehr kurzen Röcke zu fotografieren. Zum Glück waren das wirklich nur vereinzelte Personen. Ich hoffe jedoch, dass diese, beim Versuch unter das Röckchen zu fotografieren, erwischt wurden und denen mal gehörig die Meinung gesagt worden ist! Ich habe das bei zweien, die es bei mir selbst versucht haben, auf jeden Fall gemacht! So viel zu den negativen Aspekten des WGTs.

Langeweile gab es nicht

Kommen wir zu den guten Dingen! Und davon gab es reichlich, obwohl sich viele über die völlig erhöhten Preise beschwert haben. Das Wave Gotik Treffen ist – mal abgesehen von den Ständen und Märkten, bei dem jeder selbst in der Hand hat, wie viel Geld er liegen lässt – ziemlich günstig. Wo sonst bekommt man für 100 Euro die Möglichkeit, sich vier Tage lang so zu amüsieren? Die Fahrkarten für Bus und Bahn sind in der Eintrittskarte inbegriffen, beinahe 250 verschiedene Künstler traten am WGT auf und begrenzte Plätze im Theater und in der Oper standen zur Verfügung. Es bestand das einzigartige Angebot, Apocalyptica bei «Wagner_Reloaded» zu sehen, und viele Museen hatten Sonderausstellungen für die WGT-Besucher vorbereitet. Das Angebot war so abwechslungsreich und vielfältig und auch die Locations waren dementsprechend ausgesucht!

Wenn man wollte (und genügend Energie hatte), konnte man sich in den vier Tagen durchgehend irgendwie beschäftigen: Von einer Party zur nächsten rennen (die Partys endeten jeweils erst frühmorgens), danach die ersten Museumsführungen mitmachen, über den Tag verteilt Kultur bestaunen, am Abend zu den Konzerten und in der Nacht wieder von einer Party zur nächsten rennen. Langeweile gab’s nicht!

Offenheit und Akzeptanz

Das WGT lockt Menschen aus allen möglichen Ländern, Kulturen und Genres an. Alles, was entweder mit der Kleidung, der Musik oder dem Lebensstil was anfangen kann, trifft sich zum WGT in Leipzig. Von Barockbraut über Hardcore-Transe bis zu Steampunk und Grufti war auch dieses Jahr wieder alles vertreten. Diese Vielfalt führte zu angeregten Gesprächen und einer einmaligen Atmosphäre. Das, was alle verbindet, ist die Offenheit und Akzeptanz. Auch wenn ich persönlich in einem Ganzkörper-Lackanzug zur Suppe geschmolzen wäre, gab es einige, die sowas offen und gerne getragen haben und für niemanden war es ein Problem. Die Temperaturen über Pfingsten erreichten locker 35 Grad und sorgten damit für viele knappe Outfits. Zum Glück regnete es nicht. Selbst wenn die Hitze zwischendurch wirklich drückend war, war es am Abend stets angenehm. Über’s Wetter kann man sich also auch nicht wirklich beschweren.

Das erwähnte «Wagner_Reloaded»-Konzert von Apocalyptica war eines meiner persönlichen Highlights des WGT. Die Massen standen schon Stunden vorher an, um Einlass zu bekommen und ich hatte das Glück unter den 600 zu sein, die rein durften. Das Warten hat sich auf jeden Fall gelohnt! Das Konzert ist beinahe nicht in Worte zu fassen. Die schweren, klassischen Elemente von Wagner, kombiniert mit Apocalyptica, ergaben eine gewaltige Stimmung. Zudem wurde die Musik durch eine Aufführung von verschiedenen Artisten und Akrobaten untermalt, welche seitlich der Bühne mit Wagen hereingerollt wurden und dann auf der Bühne mit verschiedenen Elementen die musikalischen Emotionen darstellten. Auch die Aufführung von Dr. Jekyll & Mr Hyde in der Musikalischen Komödie in Leipzig war fantastisch. Jeder, der sich für Theater oder Musicals begeistern kann, kam dort auf seine Kosten. Die Rollen waren fantastisch besetzt, die Bühnenbilder fliessend und passend eingearbeitet, die Lichtverhältnisse stimmig und emotionsgeladen und der Klang – durch die Form des Theaters verstärkt – ein Traum. Am Sonntag hatte man dann auch noch die Möglichkeit Der Rosenkavalier von Richard Strauss in der Oper zu sehen.

Während des WGTs ist Leipzig wie ein Dorf. An jeder Ecke sieht man bekannte Gesichter oder trifft jemanden, mit dem man ins Gespräch kommt. Ein wirklich einzigartiges Festival, dessen Besuch auf jeden Fall wiederholungsbedürftig ist.