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Vor einer grauen Wand steht diese Frau mit grossen, tiefen Augen. Der Blick erfüllt von herzzerreissender Melancholie und einer uralten Traurigkeit. So verletzlich wie eine Blume und so standhaft wie ein Fels in der Brandung.

Du siehst den Horizont am Ende des stürmischen Meeres. Da bricht engelsgleicher Gesang aus den Wolken hervor. Eine dunkle und mystische Stimme legt einen Schatten auf dein Herz. Es singt die Frau mit dem aufrüttelnden Blick: Adna Kadic.

Die Eltern von Adna flüchteten während des Balkankriegs nach Schweden. 1994 erblickte Adna das Licht der Welt und wuchs in Göteborg auf. In ihrer Brust schlagen zwei Herzen: ein schwedisches und ein bosnisches. Eine Dualität, die sich auch durch ihr Schaffen zieht.
Früh begann sie eine musikalische Ausbildung. Mit 16 lud sie Videos auf YouTube und wurde vom Label Despotz Records entdeckt. Die erste EP veröffentlichte Adna kurz vor ihrer Volljährigkeit. Am 18. März 2015 folgte mit Run, Lucifer bereits das zweite Album.

Flehen und Einsamkeit

Dumpf pumpt der Beat, aus der Ferne hallt eine Melodie. Living, eisig wie die verschneite Tundra. Und plötzlich bricht der Refrain aus wie ein Vulkan. Diese Erschütterung, diese glühende Lava in der Dämmerung und dieses unmissverständliche Flehen! Wie schafft das die 21-jährige Adna bloss?

I need to get out of my own head to leave my whole past

Es ist Musik ohne überflüssigen Ballast. Beautiful Hell lebt ohne Bombast. Nein, es ist schlicht und bezaubernd. Ein Song, getragen von den sanften Schwingen der Stimme. Doch dann bemerken wir, wohin uns Adna geführt hat: auf das Schlachtfeld der Einsamkeit. Zu Lonesome marschieren die Zweifel auf. Das erste Mal ist die Luft voller Pathos. Doch er wird so sparsam eingesetzt, dass das Zusammenspiel zwischen Stimme und Instrumenten perfekt harmoniert.

Zartbitter und dunkelsüss

Silent Shouts. Die Schlacht ist geschlagen. Zurück bleiben Fragen ohne Antworten und Ratlosigkeit. Die Choräle fliessen durch das ganze Album wie die Lavaströme an den Flanken des feuerspukenden Vulkans. Leuchtend und gefährlich.

Wir spüren trotzdem keine Furcht. Denn sie ist zurück, die zartbittere und dunkelsüsse Stimme, wie sie nur eine blutende Seele hervorbringen kann. Der unvorstellbare Schmerz rammt uns ein Messer zwischen die Rippen. Die Musik – so sanft sie sein mag – ist eine tödliche Waffe.

(Foto: Marcus Nyberg)

Bild: Marcus Nyberg

Und gerade als man denkt, dass es nicht mehr gewaltiger werden kann, schallt ein sakraler Hauch aus den Höhen einer gläsernen Kathedrale:

Would meet me tonight, if I’d ask you?
Don’t say yes just to be kind.

Nur die weichen Anschläge an den Klaviersaiten begleiten den Gesang. Shiver lässt sich nicht in Worte fassen. Es ist eines dieser seltenen Stücke Musik, bei dem dich alle rationalen Gedanken verlassen. Du kannst dich noch so gut darauf vorbereiten. Wenn es soweit ist, versagt deine Logik vollkommen. Allein der Körper reagiert – du verlierst die Kontrolle. Ein frostiger Schauer durchbohrt deine Haut wie tausend Nadelstiche. Und die salzigen Tränen legen einen schimmernden Schleier auf deinen Blick.

Schwarz und scharfkantig

Run, run away, Lucifer
Run away, Lucifer
We’re chosing darkness over lightning

Run, Lucifer ist ein verborgenes Meisterwerk. Die Melodien sind geschaffen für die Ewigkeit. Zeitlos. Die Musik ist das makellose Kind von Akustik und Elektronik. Die Atmosphäre ist kalt wie der schwedische Winter und die Texte sind leidenschaftlich wie der Frühling in den Dinarischen Bergen. Leicht macht es uns Adna aber nicht: Run, Lucifer ist kein seichtes Hörvergnügen. Wer sich auf diese kühle Welt einlässt, wird leiden. Leiden, weil sich die Songs tief in die Brust bohren. Wer dagegen ankämpft, wird jämmerlich verlieren. Wer loslässt, sich treiben und von den Gefühlen überwältigen lässt, erblickt dieses Juwel. Schwarz und scharfkantig wie Obsidian.

Wenn du danach in den Spiegel schaust, erkennst du Adnas Blick in deinem.