Ein Passwort wird per E-Mail an Sie geschickt

39’000 kamen für einen Abend, für ein Konzert, für einen Mann: Roger Waters. Zürich erlebte mit «The Wall» die imposanteste Rock-Show der Gegenwart.

Es sind verrückte Dimensionen. Um das ehemalige Pink Floyd-Mastermind Waters zu sehen, pilgern mehr Menschen nach Zürich als für manches Openair. Immer mehr Besucherinnen und Besucher werden Tram für Tram ausgespuckt. Tickets wechseln schnell und unauffällig den Besitzer wie ein Tütchen Kokain. Das Handynetz ächzt. Ein Schwirren und Brummen entsteigt dem Letzigrund Stadion in die herbstlich kalte Nacht. Aus der gewaltigen Soundanlage singt Bob Dylan mit jugendlicher Stimme und nackter Gitarre Masters of War und setzt damit den ultimativen Kontrapunkt zur irrsinnigen Opulenz der folgenden Rockoper.

«Wohl eines der lautesten Konzerte ever in ZH. Nimmt man in Höngg jedenfalls so wahr.» – Daniel Foppa (@DFoppa)

Und mit einem Knall wird das Spektakel eröffnet. Funkenregen. Einsam steht Waters im Ledermantel vor der riesigen Szenerie. Er muss die Bühne nicht einnehmen, sie gehört ihm längst. Das Auge sieht sich an den überwältigenden Effekten satt. Es folgt Another Brick in the Wall mit dem Auftritt der Schwiizergoofe. Der böse funkelnde Lehrer hängt als überdimensionale Marionette vom Bühnendach. Die gewaltige Mauer spannt sich durch die ganze Breite des Stadions, dient als Projektionsfläche für fantastische Visuals. In gebrochenem Deutsch heisst Roger Waters das Publikum willkommen.

Es ist ein einziger Sturm der Superlative. Zwischen massloser Selbstdarstellung und genialer musikalischer Inszenierung. Aber wer vor einer gigantischen Wand steht und über unzählige Köpfe hinweg blickt, dem gesteht man eine Prise Narzissmus zu. Waters prangert vieles an. Irgendwann beisst sich ein solcher Megaevent mit dem propagierten Antikapitalismus. So ging es bereits vielen Bands, davor ist auch der ergraute Mann auf der Bühne nicht gefeit. Vermutlich macht es nicht viel Sinn, sich darüber das Hirn zu zermartern. Schliesslich spielt sich vor einem die wohl imposanteste Rockshow der Gegenwart ab.

«Music and sound top, audiovisual show unbelievable!» – Simon Bachofner (@sbachofner)

Der Himmel ergiesst sich über der Limmatstadt. Das Publikum ist unterkühlt. Die zweite Hälfte des Konzerts bricht an und die Handydisplays flackern erneut auf. Die Mauer steht undurchdringlich da. Nun dreht sich alles um die Verzweiflung, die vollständige Isolation. Is there anybody out there? Das totalitäre System ist auf ihrem Höhepunkt. Bei Comfortably Numb haut Waters seine Fäuste gegen die Mauer und das schlingernde Gitarrensolo nimmt seinen Lauf. Gleichzeitig zerbricht die Wand in brillianten Farben zu einem bestechenden Scherbenhaufen.

Roger Waters mimt wieder den Diktator, verzieht das Gesicht zu martialischen Fratzen und ballert mit dem Sturmgewehr um sich. Das fette Schwein schwebt bedrohlich über der Menge. You Better Run! Es ist der Zeiten Lauf, dass jede Mauer einmal fällt und so stürzt auch The Wall im Letzigrund mit Getöse zusammen. Die Sau wird vom Publikum zerfetzt. Alle sind nun frei.
Roger Waters und seine Mitmusiker stimmen ein akustisches Liedchen an und verlassen die Bühne unter frenetischen Jubelrufen und ohrenbetäubenden Applaus. Das Letzigrund gibt seine Besucher wieder frei und die VBZ kommen an ihre Belastungsgrenzen.

«Das war ein Spass!» – Hansjürg Stämpfli

Roger Waters‘ Bühnenschauspiel ist ein reiner Wahnsinn, ein Effektfeuerwerk sondergleichen. Beeindruckend, fesselnd und überwältigend sind die Botschaften und Bilder, die er dem Publikum entgegenschleudert. Der mittlerweile 70-jährige Brite weiss sich selbst zu zelebrieren, doch genau dafür lieben ihn seine Fans. Pompös rührt Waters seine wuchtige Rockoper mit einer schwindelerregend grossen Kelle an. Das Beste daran ist: es funktioniert!