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Wer bei der ersten Ausgabe des Rock The Ring gut aufgepasst hatte, der wusste spätestens nach HIM, mit wie vielen Bällen ein echter Rockstar spielt, nach Bryan Adams, dass in Hinwil alle stinken und nach ZZ Top, dass eine Plüschgitarre verdammt cool sein kann. Ein lehrreiches Wochenende also für die rund 24’000 Besucher. Die Organisatoren können mit dieser Zahl stolz auf das erfolgreiche Openair zurückschauen und gleich mit der Planung fürs nächste anfangen.

Das Highlight des ersten Rock the Ring: ZZ Top (Foto: Sacha Saxer)

Das Highlight des ersten Rock the Ring: ZZ Top (Foto: Sacha Saxer)

Das erste Rock The Ring zog bereits am Freitagabend 6’000 Besucher an. Die Band Walking Papers wurde als Opener ausgewählt und brachte, wie erwartet, mit einer unspektakulären Show nur sehr wenig Leute vor die Bühne. Und doch gab es, laut Veranstaltern, Verrückte, welche bereits am frühen Morgen vor den Toren gestanden seien. Vielleicht war es aber auch nur die fleissige Polizei, welche die Festivalbesucher unmittelbar nach dem Eingang mit einem Sponsorenstand empfing. Oder aber es waren die Bandmitglieder von den Walking Papers, welche verzweifelt den Backstage Eingang gesucht haben. Der Sänger verkündete nämlich, dass sie zum ersten Mal hier am Festival wären. Da war er wohl nicht der einzige.

Golden Circle fällt durch

Grund zum früh anstehen, gab es auf jeden Fall keinen. Mit dem für ein Rock-Festival echt unverschämten Konzept des Golden Circles, hatte man keine Chance, näher an die Bühne ranzukommen. Ausser eben diejenigen, welche tiefer ins Portemonnaie griffen und bereit waren, noch mehr zu den sowieso schon teuren Ticketpreisen hinzublättern. Wer es ganz dekadent wollte, der leistete sich ein VIP Ticket für schlappe Fr. 400.- pro Tag und erhielt ein goldenes lachendes Pony dazu. Unter uns gesagt, gab es für die «Very Impressive Portemonnaiebesitzer» einfach nur einen Tribünenplatz sowie Essen und Saufen à Discrétion sowie ein paar kleinere Goodies dazu. Lohnt sich das? Ich glaube nur, wenn man einen Tribünensitzplatz klaut und als Andenken mit nach Hause nimmt!

Vielleicht hatte man ja aber auch einen wunderbaren Ausblick von dort oben. Die zwei eher unprofessionellen, aber sympathischen Moderatoren meinten nämlich, das Rock The Ring sei das schönste Festival in der Region, ja sogar in der ganzen Schweiz. Das Gelände ist durchaus sehr praktisch, da es gut erreichbar ist – ob mit ÖV oder eigenem Fahrzeug – und es leicht ansteigt. Vom Hügel in der Mitte hatten auch Konzertbesucher, die weiter hinten standen, eine gute Sicht auf die Bühne. Aber mithalten mit einem Greenfield Festival oder Gampel kann das Rock The Ring von der Kulisse her sicher nicht. Es fehlte im Vergleich zu anderen grossen Festivals eine zweite Bühne, auf die man hätte ausweichen können, wenn man einen Bandauftritt nicht schauen wollte. Auch in den Pausen während den Umbauphasen wäre eine musikalische Unterhaltung durchaus wünschenswert gewesen. Es hatte zwar reichlich  Verpflegungsmöglichkeiten, aber irgendwann ist man zur Genüge verköstigt.

Bryan Adams rümpfte die Nase

Dass das Openair in einem ländlichen Gebiet liegt, hat sogar Bryan Adams bemerkt. So fragte er am Samstagabend die Zuschauer, ob sie es auch riechen: Es stinke hier ganz grässlich nach Kuhscheisse. Er war froh, dass es nicht nur auf der Bühne so war, sondern dass alle stanken. «Schreibt dem Veranstalter einen Brief. Der soll euch die Schuhe putzen», meinte der kanadische Entertainer. Blickt man auf die Zuschauerzahlen von 10’000 Leuten, war er – zusammen mit den anderen Mitstreitern, welche am Samstag auftraten – der grösste Publikumsmagnet. Auch wenn man sich nicht zu den Bryan Adams Fans zählt, war jeder gespielte Song bekannt und es machte Spass den Charmbolzen mit den witzigen Ansagen zu sehen und zu hören.

Mit Unheilig rockten die Zuschauer am heftigsten

Definitiv mehr Action gab es bei Unheilig am Freitag. Der Graf brachte mit 15 Jahren Bandgeschichte wiedermal – und dies trotz argem Sonnenbrand im Nacken – eine massiv gute Stimmung zustande. Indem er wie von einer Biene gestochen auf der Bühne herumfuchtelte und zappelte und das Publikum zum Mitmachen animierte, spielte er sich mit seinem neuen Gothic-Schlager Goldrausch in die Herzen der Fans. Ich wage zu behaupten, dass viele neue Fans nicht recht wissen, aus welcher Ecke der Graf ursprünglich kommt. Darum war es sehr unterhaltsam anzuschauen, wie einige im Publikum auf seine Premiere reagierten. Mit dem neuen Song Goldrausch, eigentlich eine Nachahmung von Feuer frei von Rammstein, erntete der Graf ein paar verdutzte Blicke und mindestens eine herumhüpfende Journalistin, welche dem kommenden neuen Album von Unheilig doch nochmals eine Chance geben wird.

Zwei Bälle aber doch keine Stimmung

Ganz mies in Sachen Stimmung waren die Zuschauer bei The Rasmus und HIM am Freitag. Die meisten gingen gar nicht erst hin und schauten dem wenig erfreulichen Spiel der Schweizer Fussballnati zu. Was ich beim wenig beeindruckenden und kraftlosen Gesang von The Rasmus noch verstehen konnte, begriff ich bei HIM gar nicht. Obwohl die Musik nur knapp annehmbar abgemischt war, und die sagenhafte Stimme von Ville Valo dadurch nicht wirklich zur Geltung kam, zeigte HIM erneut, dass sie musikalisch eine geniale Liveband sind. Die Band gab immer wieder hammermässige Jamsessionen mit genialen Drum-Einlagen und Gitarrenriffs zum Besten und spielten ihre Songs nicht einfach langweilig wie ab Platte. Ville Valo bemerkte passenderweise, dass er nicht wisse, was beim Fussball gerade so läuft und warum sich alle dafür so begeistern, denn: «They only have one ball. Rockstars have two!»

Bluesrock-Götter mit Bärten

Aller guten Dinge sind also zwei: ganz das Motto des Headliners am Sonntag. Mit ZZ Top kamen zum Abschluss die Götter des Bluesrocks auf die Bühne. Klar, mit dem Schlagzeuger sind es eigentlich drei Bandmitglieder, aber schlussendlich dreht sich doch alles um die zwei langen Rauschbärte. Die Stilikonen mit dem unverwechselbaren Aussehen zeigten in Hinwil, was wirklich cool ist. Mit ihren Sonnenbrillen und Cowboyhüten bewaffnet, bewiesen sie, dass sie ihr Handwerk auch nach 40 Jahren noch immer in Perfektion beherrschen. Und dies sogar, wenn sie mit weissen Plüschgitarren oder mit einem «Stumpen» im Mund spielen. Ein definitiv legendärer Abschluss des ersten Rock The Ring.

Wer noch?

Natürlich gab es noch ein paar andere Bands. So machten am Samstag Brain Bucket und Neverage – die beiden Gewinner des Band Battles – zusammen mit Andrina den Auftakt, bevor es mit Les Sauterelles, Marc Sway, Alter Bridge und Gotthard weiterging. Von vielen Seiten kam berechtigterweise Unverständnis für den frühen Aufritt von Alter Brigde. Schaute man sich aber die Mehrzahl des Publikums an, so wusste man, dass die Organisatoren ihrer Zielgruppe gerecht wurden. Gotthard, ob mit oder ohne Stromausfall zum Schluss, kam besser an.

Am Sonntag legten als erstes die fünf Briten von Treatment los, gefolgt von der Winterthurer Band China. Es waren eher bescheidene Auftritte im Vergleich zu dem von Black Label Society, welche für den ersten Song ganze 20 Minuten brauchten. Mit ihren schnellen Gitarrenriffs boten sie vor allem für die harten Jungs und Mädels an diesem Tag etwas. Dies konnte man von unserer schweizeigenen Hard Rock Band Krokus weniger behaupten. Nach 40 Jahren sind die Songs zwar immer noch hervorragend, aber bezüglich der Show scheint die Luft ein für alle Mal draussen zu sein. Und dann war da noch einer, quasi der Kleinste: Peter Maffay. Kein Kommentar ist auch ein Kommentar und wer sich für ihn interessiert, kann sich ja seine neue Platte kaufen gehen.

 

Rock The Ring goes on

Apropos kaufen. Tickets fürs Rock The Ring II, welches vom 19. – 21. Juni 2015 stattfinden wird, gibt es bereits ab diesem Herbst im Vorverkauf. Hoffen wir, dass der Golden Fucking Circle abgeschafft wird und dass jeder die Chance hat, sich nach vorne zu rocken. Zudem ist eine zweite Bühne wünschenswert. Im Grossen und Ganzen war die erste Ausgabe des Openairs aber eine feine Sache und im Zürcher Oberland hat es definitiv Platz für ein solch grosses Rockspektakel.

Fotos: Sacha Saxer