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Singende Fische in Bademänteln, ein viel zu junger Alzheimer-Patient, ein psychisch angeschlagener Liftboy: Die Kurzfilmtage Winterthur sind erneut Geschichte. Was davon bleibt, sind Eindrücke, die noch lange nachhallen.

Jedes Jahr ist es dasselbe. Ich fahre von den Kurzfilmtagen nachhause und denke: Es war zu wenig. Ich hätte noch mehr Filme sehen müssen, in noch mehr der interessanten Programmblöcke reinschnuppern sollen, meinen Horizont noch mehr erweitern können.

Zum Glück kenne ich die Gedankenkreisläufe aber langsam, die mit Filmfestivals einhergehen, wie es die Kurzfilmtage sind. Und schon bald kann ich die ebenfalls vertraute Stimme einschalten, die beschwichtigt: Es ist alles gut. Du hast alles gesehen, was du gesehen haben musst. Die Filme, die dir bleiben müssen, werden dir bleiben und sich dir im richtigen Moment wieder offenbaren.

Der Dialog in meinem Kopf beruhigt sich dann wieder und ich denke wieder monolog: Das stimmt. Noch immer habe ich nämlich vereinzelte Filmsequenzen vergangener Kurzfilmtage im Kopf, auf die ich noch immer keinen Schlüssel gefunden habe. Da ist es direkt praktisch, wenn neues Material kommt, an dem sich mein Hirn abarbeiten kann.  

Katalog studieren oder doch Mut zur Lücke?

Was mich daneben auch schon lange einmal interessieren würde, ist, wie es anderen Besucher*innen jeweils geht, wenn sie sich an den Kurzfilmtagen in den Kinosaal setzen und warten, bis das Licht ausgeht. Ob sie sich auf die Filme vorbereiten (sprich: Filmbeschreibung im Programmheft/Katalog lesen, im besten Fall einen Trailer schauen) oder sich einfach überraschen lassen?

Fakt ist – das kann ich inzwischen aus eigener Erfahrung bestätigen – auch eine Vorbereitung hilft nur bedingt. Papier ist geduldig und die Kurzbeschreibungen des Plots können gnadenlos in die Irre führe. Wobei ich überzeugt bin, dass das meist sogar Absicht ist. Deshalb am besten in die Offensive gehen, Mut zur Lücke beweisen und einfach einmal ganz unerschrocken in eine Vorstellung sitzen, ohne vorgängig den Kontext zu kennen.  

Diese immense Risikobereitschaft hat sich für mich jedenfalls bezahlt gemacht. Ich war die letzten Tage genervt, irritiert, gelangweilt, solidarisch ergriffen, melancholisch verträumt, verstört, angewidert und fasziniert – und natürlich wurde ich dabei immer auch gut unterhalten. Es ist doch irgendwie ein Kinder-Überraschungsei: Entweder man mag das Spielzeug, oder man ist enttäuscht, weil man damit nichts anfangen kann.

Überträgt man den Vergleich auf die Filme, kann man entweder Glück haben und die Filme im gewählten Filmblock sind ganz nach dem persönlichen Geschmack oder aber es reihen sich visuelle Kuriositäten aneinander, bei denen man sich danach fragt, ob man ein Kunstbanause, eine Kunstbanausin ist, weil man es irgendwie nicht verstanden hat, was jetzt die Botschaft hätte sein sollen. Interessanterweise sind es aber ja genau diese Filme vergangener Kurzfilmtage, die mir auch noch Jahre später im Kopf herumspuken.

Tiere als Protagonisten und ehrliche Statements

Um aber jetzt doch noch ein wenig klarer zu werden: Dieses Jahr gab es viele Tiere, die mich umtrieben. Sie kamen beispielsweise in Form von Musical-Darstellenden (daher die singenden Fische) oder als gefrässiges Krokodil. Apropos Beschreibungen; manchmal wären sie auch tatsächlich hilfreich, wenn man sie vorher lesen würde, da klar und informativ, ohne doppelten Boden. In diesem Fall hätte das so geklungen: «Jeden Tag geht Tiago nach draussen und füttert das Krokodil, das seinen Bruder getötet hat.»

Bild: zvg

Sollte die Beschreibung doch ins Kryptische abdriften, helfen dafür oft die Q&A’s am Ende fast jeden Filmblockes, bei denen die Filmschaffenden Auskunft geben über ihre Werke, ihre Absichten oder aber auch, wie in meinem Fall gehört, über ihre psychischen Probleme.

Ehrlich und direkt berichtete Filmemacher Kilian Vilim, dass er jahrelang als Liftboy arbeitete und dabei kontinuierlich an Selbstwertgefühl verlor, da ihm kaum je jemand Beachtung schenkte. Deshalb ist die Filmbeschreibung bei seinem Animationsfilm Ooze  gleichzeitig ein biografisches Statement: «Ein einsamer Liftboy stösst durch fehlende menschliche Nähe in seinem Beruf an die Grenzen seines Verstandes». Der nur gut fünfminütige Film hatte es dabei in sich und ist nicht umsonst mit dem Label «Horror» versehen. Das unheimliche Lachen verfolgt mich noch in den Schlaf.

Nicht verfolgt scheine ich dafür die potenziellen Gewinnerfilme zu haben. Von den am Sonntag prämierten Filmen hatte ich bis zum Ende des Festivals nur einen gesehen. Schämen muss ich mich dafür aber nicht. Bei 225 Filmen ist es immerhin nicht so einfach, alle zu sehen. Obwohl…. NEIN, Ruhe!