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Grosse Bands, die schlechter spielen als erwartet, kennt der regelmässige Konzertgänger. Kleine Bands, die weitaus besser sind, auch sowas ist unsereins ja gewöhnt. Aber was die Band Shearwater auf der Bühne veranstaltete, liess sogar meine schillerndsten Erwartungen blass aussehen. Die fünfköpfige, amerikanische Band rockte das Fri-Son und alle seine Besucher bis in seine Grundfesten.

2014-05-07_Shearwater

Ein frenetischer Auftritt lieferten Shearwater ab (Foto: Tatjana Pürro)

Gerade noch so rechtzeitig erreichte ich das Fri-son, um mich ganz nach vorne zu stellen und zu beobachten, wie die Einfrau-Vorband Jesca Hoop sich auf der kleinen, heimeligen Fri-Son-Bühne postierte. Eine Gitarre in der Hand, eine seltsame orangefarbene Mütze auf dem braungelockten Kopf. Tiefe, ruhige Sprechstimme. Aber wie singt sie wohl? Das erste Adjektiv, dass dazu einfällt: Erstaunlich. Hoops Stimme ist ausserordentlich melodisch und sie verfügt über eine unerhörte Reichweite. Trotz der rauchigen Sprechstimme schwingt sich Jesca beim Singen in fast halsbrecherische Höhen und verliert dabei nicht im Geringsten an Leichtigkeit. Die Gitarrenbegleitung: durchgehend äusserst simpel und monoton, aber bei solch einer Stimmmelodie ist die Begleitung eh nur noch Beilage. Jesca liess die Fri-Son-Zuschauer schweben und bildete somit eine herrliche Vorlage zum perkussionslastigen Genuss, den uns Shearwater gleich bescheren würde.

Ein fünfköpfiges Orchester

Als Hoop am Ende ihres Auftritts die „blauäugige Band“ annoncierte („They have all blue eyes, except of me.“) hatte sich das Fri-Son bereits gut gefüllt. Sie verschwand von der Bühne, um ihr schlichtes, bodenlanges schwarzes Kleid gegen ein Karohemd zu tauschen. Für den Rest des Abends stellte sich Jesca hinter eins der drei Keyboards auf der Bühne und wurde zu einem Teil von Shearwater. Dazu gehörten ausser ihr: Vier Männer und sehr viele Instrumente. Sänger Jonathan wechselte ganz nach Belieben zwischen Tasten und Gitarre. Jesca spielte neben den Keys auch diverse Perkussionsinstrumente, der Schlagzeuger spielte Rassel. Einzig der Bassist blieb seinem Bass treu, auch wenn er ihn am und an mit dem Geigenbogen spielte. Schon allein an dieser lockeren Aufteilung der Instrumente erkennt man, dass die Band rund um Jonathan Meiburg Fantasie hat. Dieselbe Fantasie kommt auch in ihren Songs und Texten zum Ausdruck. Und nicht nur ihre Fantasie, sondern auch ihre Energie. Das Schlagzeug, die Pauke gaben unseren Herzen den Takt an, Jonathans und Jescas Stimme verwoben sich zu einem kraftvollen Teppich und das Gesamtpacket liess niemanden kalt. Dies wäre, so Meiburg, die sechzehnte Show in Folge auf ihrer Europa-Tournee. Sechzehn Abende in Folge, ohne Pause. Aber davon merkte man nichts. Shearwater fegte wie ein musikalischer Wirbelsturm durch das Fri-Son.

Eingängige Mischung

Gespielt wurde eine gute Mischung aus alten und neuen Songs, verflochten mit amüsanten Episoden zu ihrem neusten Album Fellow Travelers, das vor allem Coversongs von Bands enthält, mit denen sie einmal auf Tour waren. Eine wirklich gelungene Mischung! Meiner Meinung nach können ihre eingängigen Melodien mit der Indie-Rock-Musik, die wir so gut aus dem Radio kennen, ohne Problem mithalten. Genug Können und Power, um auch die grössten Bühnen gehörig zu rocken hätten sie. Ein wirklich gelungener Abend. Shearwater lohnt sich. Hoffen wir nur, dass sie die Schweiz bald wieder besuchen!