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Die Varieté-Show Salon Morpheus feierte im King’s Club Premiere. Das Cabaret entführt in eine Traumwelt aus griechischer Mythologie, dem Zauberer der Roaring Twenties und Verweisen auf die Popkultur.

Der King’s Club empfängt seine Gäste mit dem schwülen Ambiente eines Bordells. Ein Raum voller rotem Samt, Spiegel und Blumen. Aus den Boxen swingt Musik, die ans vergangene Jahrhundert erinnert: Jazzig, Orchestral, beschwingt und voller Sehnsucht. Eine junge Frau in Korsett und Zylinder schwirrt durch die Menge, in ihren Bauchläden bieten sie Souvenirs feil: bunte, kleine Pappmaché-Vögel, künstliche Blumen, Kartenspiele, asiatische Fächer.

Der Götterbote weckt Morpheus. Bild: Hans Gut, hgph.ch

Kurz nach acht platzt der Club aus allen Nähten. Ein Mann beschwert sich, er habe 43 Franken bezahlt und würde jetzt nicht mal einen richtigen Sitzplatz kriegen. Ich sitze auf meinem rot gepolsterten Sessel und fühle mich wie eine Königin. Aber der verärgerte Gast ist nicht der einzige: Links und rechts der Bühne stehen Gäste, die die Show sehen wollen, und das Personal des King’s Club stellt Stühle und Barhocker auf. Eine schwarze Schönheit in einem violetten 1920er-Abendkleid trägt mit steckengeradem Rücken ein Tablett. Die Atmosphäre hat etwas von Zirkus, kultivierter Erotik, Nostalgie und sehr viel Glamour.

Die Show beginnnt mit einem feenhaften Ensemble, das die Bühne vom Zuschauerraum aus betritt: Ein Mädchen in Gelb und Gold schreitet vor einem Pony, auf dem ein goldener Kleinwüchsiger reitet.

Witzig, Kritisch, Leidenschaftlich: Mona Gamie. Foto: Hans Gut, hgph.ch

Die Fee bringt den Reiter auf die Bühne, der Vorhang wird gezogen – und Morpheus erwacht. Ferkel Johnson mimt den griechischen Gott der Träume, der uns aus dem schnöden Alltag wecken will. Er führt uns Zuschauer durch die Show, indem er Sketche ankündigt oder Personen auf die Bühne holt – einige tatsächlich unwissende Zuschauer, andere gehören zur Darbietung.

Die Interaktion mit dem Publikum ist beim Salon Morpheus fest eingeplant. Immer wieder agieren die Künstler aus dem Zuschauerraum heraus. So auch die Männerdemo, die erscheint um zu verkünden, dass Frauen beim Sex mehr Spass hätten. Mit Schildern machen die Demonstranten kurz Radau, das Publikum lacht, und Morpheus wedelt die Demo aus dem Raum.

 

Liebe in all ihren Facetten

Ein Thema, das immer wieder durchschimmert, ist die Liebe mit all ihren Facetten, die nicht immer rosarot sind: Da ist die Sängerin, die ihre Ehe besingt: Witzig, geistreich und so stilvoll, dass sie die Grenzen zum Vulgären nie überschreitet, beschreibt Ruth Schwegler, dass sie gerne einmal Crack und Marijuana rauchen, mit einem Walfisch kopulieren, oder als Stripperin arbeiten möchte, wenn denn da ihr Mann nicht wäre, der sie von alledem abhält.

Andere Episoden sind süsser: Morpheus erzählt mit seinen Schienbeinen eine Liebesgeschichte. Im Kontrast zu dieser pantomimischen Einlage steht der Song von Mona Gamie. Die Drag Queen bringt «Alicia Keys‘ Girl on Fire» auf Schweizerdeutsch. Spätestens bei der Stelle «brenn, Säugling, brenn» brüllt der ganze Zuschauerraum vor Lachen.

Ruth Schwegler amüsiert mit Geschichten über ihre Ehe. Bild: Hans Gut, hgph.ch

Die Show gliedert sich in drei Akte, die aus losen Sketches bestehen, die untereinander immer wieder eine Verbindung lancieren. Die Ehefrau, die zuvor noch ihren Mann besungen hat, beschreibt jetzt, wie er auf Abwege kommt. Einen Akt später ist die Ehe zerbrochen, die Sängerin torkelt beschwipst von der Bühne. Die Drag Queen, die zuvor mit Alicia Keys das Publikum zum Lachen gebracht hat, singt nun ein Herz zerreissendes Chanson.

Darauf folgt der Pantomime AbNorMalik, der euphorisch rote Ballon-Herzen präsentiert. Diese werden prompt zerplatzt – von Morpheus, der daran diebische Freude hat. Das ganze in einen Kampf mit Flucht aus. Morpheus wird gefangen genommen und gefesselt. In Stricken erzählt er erneut von der griechischen Mythologie: Odysseus und seine Männer landen auf der Insel Lotus, wo sie sich mit den Blüten berauschen. AbNorMalik zerrt Morpheus von der Bühne, der Vorhang hebt sich, und Minouche von Marabou mimt die berauschende Blume. Ihr Kleid ist wie eine gigantische Blüte.

Hocherotisch zieht sich die Künstlerin die Handschuhe aus, dann zupft sie die einzelnen Blütenblätter ihres Rockes ab. Hier kommt das Burleske voll zum Einsatz: Das Publikum schreit, als Minouche das letzte Blatt – nun ja, entblättert. Sie schüttelt Schultern und Dekolleté, wirft brennende Blicke in den Raum, und steht endlich in einem goldenen Bauchtanzkostüm auf der Bühne.

Alles glänzt und funkelt, und Minouche beweist, dass Verführung nicht auf den Anblick von Geschlechtsorganen angewiesen ist. Neckisch entblösst sie sich noch weiter. Sie schüttelt Gold aus dem BH, bevor sie ihn fallen lässt. Darunter trägt sie goldene Trotteln. Auch ihr Hintern, unter den Schleiern gerade so sichtbar, ist mit goldenen Ketten geschmückt. Als der Vorhang fällt und das Licht dunkler wird, glänzt das Gold auf ihrem Leib noch einen Moment länger. Ein Bild von einer griechischen Göttin, wie sie im Schatten gerade noch sichtbar ist. War zuvor noch die Drag Queen die Verführerin, hat Minouche ihr nun den Rang abgelaufen.

Also erscheint Mona Gamie als Unschuld im weissen Kleid, Morpheus mimt den Bräutigam, die beiden singen Where the Wild Roses grow. Schnell wird die Romantik wird mit mit schwarzem Humor getötet und während das Duet noch andauert, kommt die gesamte Crew auf die Bühne. Die Show geht zu Ende.

Der Salon Morpheus ist ein abendfüllendes Programm voller Sinnlichkeit, Kunst und Humor. Der volle Zuschauerraum beweist, dass die Gesellschaft einmal mehr bereits fürs Cabaret ist. Die menschlichen Zwischentöne, die im Colorgrading der perfekten Kulturprodukte wegretouchiert werden, haben hier Platz.

Die Show ist jedem zu empfehlen, der etwas Ungewöhnliches und Stilvolles erleben möchte, das die Grenzen des guten Geschmacks nie überschreitet, sein Areal aber von Innen ausdehnt.

Die Burlesque-Tänzerin Minouche von Marabou verführte in Gold. Bild: Hans Gut, hgph.ch