Musikalisch tritt die Ostschweiz – zumindest im Rock-Bereich – nicht so stark auf. Umso interessanter ist es, wenn man wieder einmal ein neues Album von dort zugespielt kriegt. Doch wie klingt «Born Out Of Silence» von Posh?

Die CD liegt im Schacht, der Finger drückt auf die Play-Taste und in dem Moment verabschiedet sich der Kopf in die 90er-Jahre. «Ich hab mir da doch keine Evanescence-Scheibe eingelegt?», denkt man sich unweigerlich bei den ersten Klängen von More Than This. Auch wenn’s draussen grad regnet und man reminisziert, dass es doch nicht immer regnen könne. Nein, dies ist kein Remake des mittlerweile legendären Hits aus dem Soundtrack von The Crow. Dies ist der energiegeladene Opener vom neuen Album der Ostschweizer Rockcombo Posh. Born Out Of Silence nennt sich der Silberling und sowohl der Albumname wie auch der Titeltrack sprechen Bände.

Das Album fängt mit einem Schlag auf die Zwölf an und lässt mit What Brings The Day auch nicht nach. Hier zeigt Martina auch gleich die Wandelbarkeit ihrer Stimme und dass sie rasanten Sprechgesang genauso beherrscht wie ruhige, gefühlvolle Passagen. Die Gitarre treibt den Song präzise und mit einer immensen Wucht voran, nur um dann bei Run for Shelter nochmals einen Gang hochzuschalten. Ein sich immer intensivierender Hattrick als Einstieg ins Album, der die Arschbacken kaum mehr auf dem Stuhl ruhen lässt.

Posh sind jedoch keine Unmenschen und liefern mit With You Again eine traumhafte Pianoballade eine akustische Ruhezone, die jedoch emotional umso fordernder daher kommt. Wenn dann nach einer Minute der Rest der Band dazu stösst, ist Gänsehaut angesagt. Einer dieser Songs, die nahe am Kitsch funktionieren, aber dennoch in jedem ein Gefühl der Vertrautheit auslösen.

Nur kurze Pausen

Aber vier Minuten in Gedanken schwelgen müssen reichen, mit Welcome rollt der Rock-Express aus St. Gallen und Winterthur gleich weiter. Der Einsatz des Megafons beschert Martinas Stimme eine weitere Facette, die sie allerdings auch ohne technische Hilfe hätte erreichen können. Es wirkt mehr wie ein Gimmick, dass live toll rüberkommt, aber eben nicht wirklich nötig wäre. Posh ist allerdings eine ausgesprochene Live-Band, somit können sie sich solche Eskapaden leisten.

Masquerade ist ein düsterer Song, eine weitere willkommene Abwechslung in der Sammlung des Quartetts. Dadurch wirkt der Kontrast mit den locker-leichten Intro zu Who Are You to Say umso extremer. Doch schon kurz nach dem Intro nimmt der Song Fahrt auf; passend zum Inhalt der Lyrics, die zu Selbstvertrauen und Selbstbestimmung ausrufen.

Mit Is It You folgt wieder eine Ballade, eine wunderschöne Liebeserklärung an diese eine Person, die einem alles bedeutet. Kräftiger und dennoch ruhig kommt Butterfly daher. Das Stück vermittelt die Gefühlswelt vom Anfang bis zum Ende einer Beziehung. Schmetterlinge im Bauch musikalisch umgesetzt. Hopeless Dreamer steigert das Tempo weiter um dann der Hymne Hero Platz zu machen. Der Song animiert einfach zum Mitsingen und gehört fix auf die Setliste der Band. Ein starker Track über Alltagshelden und dass wir eigentlich alle Helden sein könnten.

Den Abschluss des Albums macht Won’t Obey, welchen Posh als erste Single bereits vorab veröffentlicht und einen Videoclip dazu gedreht haben. Eine sehr gute Wahl, denn der Song stellt die Band und das Album im genau richtigen Licht dar.

Es hat lange, wirklich sehr lange gedauert, bis Born Out Of Silence endlich fertig war. Doch die Zeit war gut investiert, denn herausgekommen ist ein überzeugend produziertes, musikalisch dichtes und abwechslungsreiches Album. So manche Band sollte es sich überlegen, ob sie nicht lieber noch etwas länger an ihrer nächsten Scheibe rumschrauben wollen und dafür einen richtigen Kracher auf die Fans loslassen anstatt mehr von immer gleichen zu präsentieren.

Born Out Of Silence ist das perfekte Beispiel, wieso Alben immer noch relevant sind. Die Reihenfolge der Songs ist optimal – langsame Balladen lockern das Tempo immer wieder auf – und auch wenn es kein Konzeptalbum ist, so bilden die Lieder dennoch eine Einheit. Etwas, das beim Pick’n’Listen, das beim Streaming propagiert wird, leider verloren geht.

Born out of Silence

5
/5
3. Februar 2017

Release

Red X Music

Label

Tracklist

  1. More Than This
  2. What Brings The Day
  3. Run For Shelter
  4. With You Again
  5. Welcome
  6. Masquerade
  7. Who Are You To Say
  8. Is It You
  9. Butterfly
  10. Hopeless Dreamer
  11. Hero
  12. Won't Obey